whiskey trail

MIXOLOGY On The Road: der Whiskey Trail im November 2016

Drinks 25.12.2017

Es gibt beinah nichts, was es nichts gibt. Der November des letzten Jahres hat das bewiesen und wir waren dabei. Auf einem von Weizen gesäumten Weg in Zeiten der US-Wahl.

Dass wir pünktlich zu den flüssigen Phänomenen der Weltgeschichte präsent sind, durften wir an so mancher Stelle unter Beweis stellen. Wie wir allerdings aus der Chemie wissen, gibt es eine Unmenge an Prozessen, in denen das Flüssige übergeht ins Feste, in denen die Elemente miteinander in Interaktion treten und zu einem neuen Stoff werden. Manchmal resultiert daraus allerdings nicht der Stein der Weisen, sondern ein Präsident namens Trump, also so etwas wie das Gegenteil. Die Ausgangselemente: Kentucky und Tennessee Anfang November 2016, eine AK 47 und einen Lapdance-Bus voll Whiskey.

Now that you’re listening…

Nun, da ich die Aufmerksamkeit habe, möchte ich schnell zum schnöderen Teil der Geschichte kommen, den allseits unbeliebten Hard Facts – herkömmlicherweise bezeichnet als Gegenteil der sogenannten „Alternativen Fakten“. Die Heaven Hill-Destillerie ist nicht nur irgendeine Brennerei in Louisville. Sie ist die Brennerei mit dem zweitgrößten Lagerbestand weltweit, und zwar mit rund 900.000 Fässern. Nach Ende der Prohibition durch die Shapira-Brüder wiedergegründet, kaufte Heaven Hill im Jahr 2000 die Bernheim Distillery zu und ist heute vor allem bekannt für Elijah Craig, Evan Williams, Old Fitzgerald oder den Rittenhouse Rye. Kurzum, es gibt Grund genug, einmal vor Ort vorbeizusehen.

Um eine Reise ins Reich des BBQ und Rye allerdings angemessen anzutreten, beginnen wir unseren Aufenthalt mit einem Horse’s Neck in der Lounge des Marriott in Louisville. Man isst Buffalo Wings, Onion Rings, Burgers und Fries, wer auf der Suche nach etwas Grünem war, konnte sich hervorragend an die Petersiliengarnitur halten. Oder an die Limettenzeste im Horse’s Neck.

Mit dieser und dem Rest im Magen geht es am nächsten Tag zu Knob’s Creek Shooting Range. Nun sind wir aber nicht in Venice Beach, wo wir von A nach B rollerbladen können, oder in New York, wo wir uns in einem umfassenden Subway-System eingebunden finden – also brauchen wir einen Bus. Aber nein, nicht irgendeinen Bus, wir sind ja nicht auf Klassenfahrt. Man nehme also die Lapdance-Stange aus der Mitte des Ledersofarondells im hinteren Teil des Busses und los kann’s gehen. Kurzes Frühstückspäuschen für Frank Steak mit Gravy – und der Tag liegt in trockenen Tüchern und Mündern, auf dem Weg durch den Whiskeystaat.

Nahgelegen, weit fernab

Die Schießerschaft der „Lower Range“ liegt, gelinde gesagt, außerhalb. Die ausliegende Waffenzeitung titelt mit einem Bild von Hillary Clinton, in dem ihre Forderungen nach Antiwaffengesetzen gelistet sind – jeweils auf verschiedenen Stellen in ihrem Gesicht. Und das ist keine Werbung für sie, eher eine Einladung. Die Schilder auf den Herrentoiletten, die dazu motivieren, ihr in den Mund zu zielen, vermutlich ebenso. À propos zielen – das kann man auf dem Schießplatz übrigens auch auf Osama bin Laden – hier dürfen Frauen dann auch mitmachen, denn der steht mitten auf dem Schießfeld, aus Papier und lächelt freundlich mit Maschinengewehr.

Die Luft ist dick, die Ohren taub und nach beinah drei Stunden Freizeitballern werden die Waffen abgegeben. Vorbei geht es an einer Gruppe mit Munitionsgurten, die manisch in die Menge von Zielscheiben schießt und dabei im Schusstakt „Trump“ schreit. Zum ersten Mal im Leben kann ich verstehen, weshalb man seine Waffe nicht abgeben mag, so lange die anderen noch eine in den Händen halten. Natürlich wird den Schießplatzgästen nahegelegt, ausschließlich nach vorn zu zielen. Meine Mutter hat mir allerdings auch nahegelegt, niemals zu rauchen. —

Es geht also zurück in den Lapdance-Bus und auf die nebulös aufgelösten Nerven werden zunächst einmal neun Whiskeys verkostet. Schade, dass die Stange aus der Mitte des Busses herausgenommen wurde, denken wir nach Nummer fünf. Das Vesper, so to say Lunch, besteht abermals aus Mayonnaise-Salat, garniert mit Nudeln, Weißbrot mit einem Mayo-Huhn-Belag und einer Sahnetorte. Zu trinken gab es einmal Georgia Moon Corn Whiskey, Mellow Corn, Bernheim Original, Evan Williams Bourbon, Evan Williams Small Batch Single Barrel, Rittenhouse Rye, Elijah Craig Small Batch Single Barrel, den 7-jährigen Evan Williams Black Sour Mash und den Pikesville Straight Rye. Weil aber jeder Mensch ein wenig Obst braucht, hält der Lapdance Bus hie und da beim liquor store, um ausreichend Cidre an Board zu schaffen. Zum allgemeinen Favorit wurde Samuel Adams Angry Orchard Cidre gekürt. Wie fähig auch immer unsere Jury zu diesem Zeitpunkt gewesen sein mag.

Long and Winding Road

Diese allerdings durfte sich am Folgetag beweisen, nämlich in Bardstown nach einem „Meet & Greet“ mit Max Shapira, dem Kopf der Heaven Hill-Destillerie. Mit seinen 73 Jahren hat Max weder Humor noch politisches Engagement verloren, wie an seiner Kampagne Make America thirsty again ersichtlich wird. Wenig beeindruckt von den beiden Kandidaten, begibt er sich mit einem Lächeln selbst ins Rennen: „Wenn schon alle über Geschichte, Kulturgut und Tradition sprechen – allesamt Begriffe, die eng mit Werten verbunden sind – so kann man auch gleich über Evan Williams und Elijah Craig sprechen“, so Max. Also hat er 200 Schilder und 800 Shirts mit besagtem Slogan bestellt, verkauft diese und gibt das Geld an Kriegsveteranen. Der Weg durch die Produktionskette der Heaven Hill-Abfüllungen ist lang und am Ende gehen wir neben einem meterlangen Flaschenband, wo etikettiert, gemessen und gewogen wird. So groß die Heaven Hill-Brennerei auch sein mag – im Blick auf all den aussortierten Stoff durch schlechte Fässer, falsche Farben oder krumme Deckel wird deutlich, dass Dinge keinesfalls entweder nur industriell oder von Hand hergestellt werden.

Die Fließbänder bei Heaven Hill laufen ganztags, wir indes sind fußfaul. Es ist jedoch erst Mittag, der Wald in seiner Spätherbstblüte und die nächste Pferderanch nicht weit. Ihr Name ist „Whispering Woods“, die der Pferde lauten „Wrangler“, „Storm“ oder „Bastard“. Mit einer Horde verzärtelter Bartender gefühlte 50° Steigung bergauf und bergab zu reiten ist ein ängstlicher Spaß, der mal unter Todesfurcht, mal coverfotosicher gemeistert wurde. Die langen Beine der Pferde klatschen im Trab durch den Matsch, der rote Wald zieht eine Decke über die wippenden Köpfe, und alles, was fehlt, ist der Flachmann im Seitengurt.

Make America gravy again!

Seinem Fehlen gedankt, schaffen es alle nach Hause und zu einem Dinner in Pat’s Steakhouse für… Steak und Whiskey. Und dann kommt der Mittwoch. Mit Muskelkater am Innenschenkel und blauen Flecken an der AKA 47-Blessur am Schlüsselbein, bleiben für ein angemessenes Frühstück nur wenige Möglichkeiten. Eine davon ist ein Roast Beef Sandwich, bis zur Unkenntlichkeit in Gravy eingeweicht, dazu Coleslaw und so viel Kaffee, dass damit die Voraussetzungen für eine Rolle in Twin Peaks geschaffen sind. Angst vor dem Wahlergebnis in Kombination mit einem in Fleischsauce getunkten Beeftoast im Katermagen ist keine gute Sache. Dafür offenbar keine seltene. Auf dem Weg nach Nashville halten wir an einem Supermarkt. An der Stelle, an der ich für gewöhnlich die Einkaufswägen vermute, stehen 25 Rollatoren, versehen mit Einkaufskörben von einer Größe, für die Berliner Eigentümer eine Warmmiete verlangen würden. Die Mieter, in Tennessee für einen stolzen Preis von 25 Cents Miete, wiegen sehr viel. So viel, wie man es aus RTL II-Reportagen kennt. Und sie schleudern Dinge in ihre Körbe, von denen man nicht weiß, wie viele ausgehungerte Football-Mannschaften davon satt werden müssen. Wenn ein eingeschweißter Apfel wiederum umgerechnete 2,50 Euro kostet, versteht man allerdings, woher sowas kommt.

In Nashville angekommen, werden alle großstädtischen Gemüter, die in Louisville mit Neonröhrenlicht-Sehnsucht rangen, besänftigt. Nashville leuchtet nämlich, zumindest einen ganzen Hügel lang und über ein abermalig amerikanisches Abendessen in Gravy und dem Glimmen der pinkfarbenen Schriften gibt es nichts weiter zu sagen, was in diesem Bild nicht enthalten wäre.

Whiskey Trail: Bourbon, Bin Laden und Burger

In einer Stunde schließen die Wahlbüros in Kentucky und auf 14 der 16 Bildschirme in der Sports Bar laufen die Hochrechnungen. Völlig unterschiedliche, wohlgemerkt. Auf dem Rest wechselt Football mit Poker und Werbung. Werbung für Waschmittel, zum Beispiel, bei der die Keime aussehen wie Hillarys Gesicht. In Kentucky möchten drei Stunden vor Wahlende 68 Prozent der Einwohner, dass Trump die nächsten vier Jahre bestimmt, welche Gesichter virulente Assoziationen wecken und welche nicht. Die Frequenz der bestellten Horse’s Necks steigt exponentiell mit Trumps Prozenten und nach Wahlentscheid ist die Stimmung im „Silver Dollar“ ein apokalyptisches Geschenk an den nächtlichen Umsatz. Die Punkband auf der Bühne ruft gegen Rassismus auf, die weiblichen Mitglieder der Hillary-Wahlparty – allesamt als Hillary verkleidet – betrinken sich ausdruckslos im Nebenzimmer und der Nebenmann an der Bar erzählt von seiner Waffensammlung.

Wie es zu all dem kam, wollen wir seit November gerne wissen und machen verschiedene Vorschläge. Für ein Magazin ist es nicht besonders rühmlich, sich der verbalen Sprache zu verweigern. Eine Whiskeyreise durch Kentucky und Tennessee allerdings bringt es besser auf den Punkt als jede Politanalyse, zu der wir imstande wären.

In einer Zeit, zu der die Narrative von Whiskeykultur einen größeren Konsens erlangt als die der nationalen Identität, in der ein Schießplatzdialog Stellvertreter für das Klischee einer ganzen Staatenvereinigung ist und in der auf Punkkonzerten über die Jagdwaffensammlung debattiert wird, helfen laienhaft geknüpfte Zusammenhänge kaum mehr. Da muss man sich ins Getümmel werfen, sich auch auf abwegige Wege begeben, ob sie nun über Bourbon, einen Bin Laden auf Pappe oder ein Burger-Frühstück führen. Die USA, zumindest seine beiden Whiskeystaaten, sind ein bisschen wie Gravy: einfach eintauchen, denn erklären lässt sich hier nichts mehr. Die Autolichter kriechen durch eine Stadt, als bestünde sie aus Neonwürmern, die innerhalb eines komplexen Organismus ihre Linien ziehen. Ihre Bahnen zerfließen, je höher das Flugzeug steigt und am Ende bleibt ein Evan Williams-Cola. „Weil man das hier eben so macht“, erklärt der Steward.

 

Dieser Text erschien ursprünglich in der MIXOLOGY-Ausgabe 3/2017. 

Photo credit: Foto via Michael Rennies.

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