Wohl dosiert.

Drinks 8.12.2013 6 comments

Dosenbier genießt in Deutschland keinen guten Ruf. Mit dem Aufschwung von Craft Beer ist es an der Zeit, die Gründe dafür auf den Prüfstand zu stellen. Denn gutes Bier in Dosen funktioniert – auch hier?

Craft Beer betrachtet sich selbst als nicht weniger denn eine Revolution der Bierwelt in Sachen Vielfalt, Geschmack und Wertschätzung eines Kulturgutes. Im Zuge jener Umwälzungen werden jedoch auch althergebrachte Ansichten angezweifelt, die nur am Rande mit dem Produkt zu tun haben. Eine solche Neubetrachtung erfährt gerade die gute, alte Getränkedose.

Während Craft Beer aus Dosen in den USA bereits in aller Munde ist, tut sich Bierdeutschland ziemlich schwer mit dem Alubehälter. Wo also die Ball Corporation in den Vereinigten Staaten bekannte Craft-Brauereien wie Sierra Nevada, Avery oder Oskar Blues mit Dosen beliefert, steht Fritz Wülfing von Noch-Fritzale mit der Präsentation seines IPAs in Dosen auf dem Berliner Bar Convent bisher ziemlich allein auf deutscher Flur. Vorurteile und eine nicht immer nachvollziehbare Pfandpolitik verhindern, dass Dosenbier dem geneigten Biertrinker eine Wertigkeit vermitteln kann.

Dabei hat die Dose einiges an Vorteilen zu bieten. Sie verträgt bis zu sechs Bar Druck, kühlt schneller und ist deutlich leichter als eine Glasflasche, und im Gegensatz zu dieser licht- und gasundurchlässig. Klingt nach einem klaren Sieger für ein empfindliches Naturprodukt wie Bier. Was genau steht dem Siegeszug der Dose also im Weg?

Dosenbier schmeckt nach Metall

Aus sensorischer Perspektive betrachtet, hält sich hartnäckig das Gerücht, Bier aus der Dose schmecke metallisch und Glas sei geschmacksneutraler. Das ist, zumindest was den Inhalt angeht, Unsinn. Blindverkostungen bestätigen regelmäßig, dass sich Bier aus der Dose und Bier aus der Flasche nicht unterscheiden lassen, sobald sie einmal im Glas sind. Hier findet sich auch der Ursprung dieses Biermärchens, denn wer Bier statt aus dem Glas direkt aus der Dose trinkt, berührt deren Außenseite zwangsweise mit den Lippen. Wer an Metall leckt, schmeckt Metall, soviel sollte klar sein. Mit dem Bier selbst hat das jedoch nichts zu tun.

Die Dose als Umweltsünder

Ein weiterer Punkt, welcher der Dose zu schaffen macht, ist die schlechte Umweltbilanz. Allgemein gilt die Mehrwegflasche als umweltfreundlich, Dosen eher nicht. Gäbe es ein effizientes Pfandsystem und ein einheitliches Gebinde, würde das vielleicht sogar stimmen. Die Aluminiumindustrie hat einen wahnsinnigen Energieverbrauch und eine Dose muss nunmal nach einmaligem Gebrauch eingeschmolzen werden. Wer aber unter die Oberfläche des Flaschenpfands schaut, erkennt Widersprüche und unpraktische, umweltunfreundliche Abläufe. Getränkegroßhändler betreiben oftmals zentrale Sammelstellen, wo Leergut sortiert wird, was dazu führt das leere Flaschen gleich zweimal durch die Gegend gekarrt werden. Nimmt man dazu den Trend bei Großbrauereien wie Krombacher oder Hasseröder, Relief- und Sonderflaschen auf den Markt zu bringen, die kleine Brauer nicht wiederverwenden können, erscheint die Umweltbilanz plötzlich nicht mehr so rosig und die Dose als ernstzunehmende Alternative.

Zwangspasteurisierung

Schließlich gibt es eine Behauptung, die auch unter Bierfachleuten nur schwer tot zu kriegen ist: Bier müsse pasteurisiert werden, bevor es in die Dose kann. Hier wird aus Gewohnheit Notwendigkeit gemacht. Große Bierproduzenten pasteurisieren ihr Bier natürlich, dadurch wird es länger haltbar. Und da gerade die Dose aufgrund ihres schlechten Rufes in der Vergangenheit für kleine Abfüllungen besonderer Biere als ungeeignet betrachtet wurde, war sämtliches Bier in Dosen pasteurisiert. Das ist jedoch kein Muss, wie zahllose Beispiele aus der amerikanischen Craft-Szene beweisen. Immerhin wundert sich bei Fässern auch niemand, dass unpasteurisiertes Bier in einen unter Druck stehenden Metallbehälter kommt. Dosengärung ist genauso möglich wie Flaschengärung.

Dosenbier in Bars?

Bleibt noch die Frage nach Dosenbier als Option für Bars und Restaurants. In der gehobenen Gastronomie erscheint das absurd. Der gestriegelte Ober, der im Sternerestaurant am Tisch des dinierenden Pärchens ein zur Crème brûlée passendes Imperial Stout aus der Dose in der gewölbten Hand präsentiert und auf der blütenweißen Tischdecke neben dem kunstvoll geschwungenen Bierkelch platziert? Schwer vorstellbar, auch wenn ich zumindest die Paarung jedem Restaurant ans Herz lege.

Doch bestimmte Barkonzepte können die Craft-Beer-Dose nicht nur integrieren, sie können auch von ihr profitieren. Craft Beer und kreatives, auffälliges Packaging gehen oft Hand in Hand, von abgefahrenen Chimären bei Snakedog bis zum minimalistischen Stil von De Molen. Donald Burke, Manager des berühmten Berliner Burger-Restaurants „The Bird“, plant Craft Beer in Dosen nicht nur dort, sondern auch in seinem neuen Projekt, der Bar Sinister. Wie auch “The Bird” soll diese Craft Beer Bar weder abgehoben noch edel sein, aber einem hohen Anspruch an die Zutaten der Speisen und die Biere genügen. Donald meint:

“Dosen sind besser. Mir gefällt die Form und das Gefühl in der Hand. Sie sind leicht zu transportieren und widerstandsfähig. Im Fall von Craft Beer kommt der zusätzliche Lichtschutz hinzu. Meiner Ansicht nach entbehren die Vorurteile jeder Grundlage. Bier kommt mit so vielen, verschiedenen Materialien in Kontakt, bevor wir es trinken.”

Auf die Frage, ob er sich Craft Beer auch in weniger bodenständigen Bars vorstellen kann, sagt er:

„Egal, was für einen Stil das Lokal hat – wenn ich Craft in der Dose sehe, bestelle ich das!”

Weißenoher Kloster-Sud in Dosen bleibt wohl dennoch ein Ding der Unmöglichkeit, zu sehr sind Qualität und Tradition mit dem Bild der Flasche verbunden. Doch Craft Beer bietet einen Neuanfang, darf frech sein und althergebrachte Überzeugungen in Frage stellen. Deshalb wird die Dose vom neuen Bierbewusstsein profitieren und vielleicht endlich das Image des Schmuddelkinds unter den Bierbehältern abschütteln.

Bildquelle: Beer-Can via shutterstock.com

6 comments

  1. Whiskydrinker

    Frage: Warum nutzt der Chemiker gerade bei Stoffen, die höchste Reinheit erfordern, gerne Behälter aus Glas?

    Wer die gar nicht so schwere Antwort kennt, der hat sich ein kühles Bier aus der Glasflasche verdient.

    Und was ich mich hier im mit tollen Kleinbrauereien verwöhneten Süden der Republik schon länger frage: Halt Berlin keine vernünftigen Brauereien? Oder warum ist gerade da jeder Furz aus einem Hinterhof „Craft“?

  2. Jens

    Dose? Äh, nee. Fail.

  3. Matthias T.

    Zitat: Whiskydrinker
    „Frage: Warum nutzt der Chemiker…..aus Glas?“
    Danke.

    1. Ob Lebensmittel aus Metalldosen auch nach Metall schmecken, variiert von Fall zu Fall. Die Weltmarktführer unter den Dosennutzern haben hierzu einschlägige (interne) Studien, dass sehr wohl Metallgeschmack vorkommt.
    (Wenn ihr bei der Blindverkostung keinen Fehlgeschmack hattet, war es womöglich ein High-End Produkt od. eher eine frische Abfüllung.)

    2. Längere Transportwege produzieren keinen Sondermüll, im großen Stil- wie es aber bei der ALU Produktion der Fall ist.

    3. Pasteurisierung: Dosen werden gerne Kunstoffbeschichtet. Durch die Pasteurisierung löst sich die Beschichtung gerne in den Inhalt.

    Nahmhafte Gesundheitsagenturen (wie die AGES Österreich, EU.L.E., BUND,…) raten unmissverständlich von der Verwendung von ALU, für Lebensmittel, ab.

    Cool sein geht auch anders.

  4. Dirk Hoplitschek

    Chemiker nutzen Glas, weil es deutlich weniger empfindlich auf Wärmeausdehnung reagiert und solche Vorteile auch bei Säuren und Basen zeigt.
    Es ergeben sich also gewisse Vorteile für Glas in der Temperaturbeständigkeit, wenn ungekühlt transportiert und gelagert wird. Dafür ist ein Kronkorken minimal luft- und das Glas minimal lichtdurchlässig. Die Brechung verhindert das Gröbste, aber auch nicht alles.
    Bier ist leicht basisch, dabei aber deutlich weniger aggressiv als viele Fruchtsäfte, Cola und sogar einige Mineralwässserchen. Wer jemals ohne Bedenken eine Cherry Coke aus der Dose gezischt hat, braucht auch bei Bier keinen Rückzieher machen.

    Tatsächlich geht es doch gar nicht darum, Glas schlecht zu machen. Das Trinken aus einem hübschen Glas empfehle ich ja gerade auch für Dosenbier. Es geht darum, die Dose als ernsthafte Alternative in Erwägung zu ziehen, da sie insbesondere den kleinen Craft-Brauern bestimmte Wettbewerbsvorteile abseits des undurchsichtigen Pfandwahnsinns bieten könnte (was abseits der o.g. Punkte meine einzige Kritik an der Glasflasche ist).

    Die Sache mit dem „Furz aus dem Hinterhof“ solltest Du allerdings noch etwas ausführen, denn ich habe den Eindruck, hier einen Rattenschwanz zu verpassen. Der einzige deutsche Craft Brewer, der in diesem Text erwähnt wird, ist Fritz Wülfing aus Bonn, und wenn Du dem den „craft“-Status absprechen möchtest, dann schau bei fritz-kola vorbei, was Bierfreunde davon halten.
    Tatsächlich stimme ich Dir zu, wenn Du die Berliner Brauwelt als verarmt bezeichnen möchtest. Alle größeren Brauereien sind in der Hand von Radeberger. Glücklicherweise tut sich gerade sehr viel, und wir nennen das „craft“, weil da neben qualitativ hochwertigem Bier auch der Innovationsgedanke mitschwingt. Das können bei Weitem nicht alle Kleinbrauer im Süden der Republik von sich behaupten. Jene, die kreativ und auf Vielfalt bedacht arbeiten, sind ganz oben auf meiner Liste, egal ob man sie nun „deutsche Qualitätsbrauerei“ oder „deutsche Craft Brewery“ nennen will.

    Darauf zum Ende der Nacht noch ein gutes Schönramer Altbayrisch Dunkel, aus der Glasflasche. Hab ich mir hoffentlich verdient.

  5. Nick

    Wenn es gutes Bier in Dosen gibt, habe ich keinerlei Probleme damit, es zu kaufen. Ich trinke mein Bier zu Hause, ob Dose oder Glasflasche, eh aus einem Glas. Wie der Artikel sagt, sind in den USA Dosen-Craftbeer weit verbreitet, und was ich von meinen Bekannten so höre, hat dies keine Einbußen bezüglich der Qualität des Bieres zu Folge.

  6. jan

    Die Skepsis für Bier in Dosen ist ja fast ähnlich, wie die ewige (mMn unberechtigte) Nörgelei gegen Schraubverschlüsse für Wein?!

    Yes we can 🙂

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