Charles Schumann

Stars in Bars. Charles Schumann.

Interviews 24.12.2011 4 comments

Charles Schumann. Einer der größten, wenn nicht der größte deutsche Bartender. Keiner hat die Branche so geprägt wie er. Keiner so vielen Bartendern und Barbetreibern als Vorbild gedient. Schon bei Gründung von Mixology, Magazin für Barkultur, wollten wir den Münchner Unternehmer zu einem Interview treffen. Er lehnte ab, wollte die neue Zeitschrift erst einmal kennenlernen.

Einige Jahre und viele Drinks am Tresen des Schumanns später, treffen wir den rastlosen Gastronomen am Rande einer Veranstaltung zum zehnjährigen Jubiläum der Schumann’s Tagesbar. Er grüßt die Münchner Gäste mit dieser ihm eigenen besonderen Mischung aus rauer Herzlichkeit und Distanz. Gibt allen das Gefühl, sie wahrgenommen zu haben. Und hält sich doch seinen Raum frei.

Mit uns jedoch taucht er ein in den Nukleus der Barwelt. Tauscht sich aus, fragt nach. Am nächsten Tag treffen wir ihn im Schumann’s am Hofgarten zum Interview. Und sind erstaunt, dass jemand, der eigentlich alles erreicht hat, noch Träume hat. Den Traum von einem kleinen Restaurant irgendwo in Frankreich. Träume halten wach.

Charles Schumann ist ständig in Bewegung. Das Zurückschauen liegt ihm nicht, und wenn man schon zurückschaut, dann mit schonungsloser Analyse und Selbstkritik. Mehr ist ihm nach Zukunft, nach dem nächsten Schritt. Als das Interview beendet ist, bindet er sich auch gleich die Schürze um, um im Mittagsservice mitzulaufen. Wir bewundern ihn, als Fachkollegen, als Mensch. Man möchte sich gar nicht vorstellen, was wird, wenn der mittlerweile 70-jährige Entrepreneur das Zepter weiterreicht. Denn eines stellt er klar – in zehn Jahren wird er das Schumann’s nicht mehr betreiben.

 

Charles, von Ihrem Elternhaus her hatten Sie keine gastronomische Vorprägung, richtig?

Meine Eltern waren keine Gastronomen. Ich hasse dieses Wort, aber ich bin wirklich ein Quereinsteiger. Meine Eltern hatten überhaupt kein Vermögen. Sie hatten sechs Kinder und einen kleinen Bauernhof. Nach dem Verlassen der Jesuitenschule habe ich alles Mögliche gemacht. Ich bin aus Verzweiflung sogar zum Bundesgrenzschutz gegangen und war in Bonn beim Adenauer Ehrenwache. Der absolute Oberwahnsinn, wenn ich daran zurückdenke.

Im Rahmen der Berufsförderung habe ich danach eine Ausbildung im Außendienst gemacht, in der man leider mit dem Hintergrund als normaler Grenzschützer kaum Aussichten hatte, was zu erreichen. Ich hatte schon immer eine sehr große Liebe zu Sprachen und hätte gerne im Ausland in einer Botschaft gearbeitet. Ich habe dann angefangen, zu studieren, um noch mehr Möglichkeiten zu bekommen. Und um mir das Studium zu ermöglichen, habe ich fünf Jahre in der Harry’s New York Bar von Bill Deck gearbeitet.

Ich wollte zum Ende des Studiums eigentlich weggehen nach Frankreich, was immer schon mein Traum war, und da hat sich das mit der Schumann’s Bar ergeben. Da kam einer aus der Warsteiner-Dynastie und sagte zu mir: »Wir machen jetzt eine eigene Bar.« Wir haben dann überlegt, wie wir die Bar nennen. In der Harry’s Bar waren damals viele Journalisten, damals gab es viele in München, heute sind sie ja vor allem in Berlin und Hamburg. Die lieferten die abenteuerlichsten Vorschläge. Zuerst sollte es dann ein Doppelname werden, »Schumann & Cramer«, aber da hat mein Partner dann zurückgezogen. Meine Architekten fanden dann »Schumann’s« am besten, und das ist es dann geworden.

Irgendwann war jeder mal Wirt in Bayern

Es ist immer so, wenn man eine Bar aufmachen will, dass die Leute zu Dir sagen: »Wenn Du mal was brauchst, wir sind sofort da.« Niemand ist da! Kein Mensch gibt Dir was. Die Bank hat mir nichts gegeben. Niemand. Eine Familie aus München, mit der ich bekannt bin, hat mir ein bisschen was gegeben und der Erbe der Warsteiner-Brauerei hat den Rest aufgebracht.

Und lief die Bar von Anfang an?

Sie lief von Anfang an. Es war der absolute Wahnsinn! Ich war völlig überfordert, wirklich in jeder Hinsicht. Ich habe mich natürlich um die Gäste und die Bar gekümmert und der Herr von der Brauerei um das Geld. Das war auch ein Fehler. (lacht) Am Schluss waren wir fast pleite. Es waren die Gäste, die zu mir gesagt haben: »Du, ihr macht hier zwar gute Umsätze, aber so gut geht’s euch nicht!« Mein Partner und ich haben uns dann unter nicht wirklich schönen Bedingungen getrennt, was sehr wichtig war für mich. Ich konnte danach richtig durchatmen. Es ist wirklich wichtig, dass eine Bar wirtschaftlich erfolgreich arbeitet. Bei mir hängen ja mittlerweile so viele Leute mit drin. Die nächsten 20 Jahre habe ich die Bar dann allein geführt. Das war dann von den üblichen Schicksalsschlägen begleitet. Es kam Familie, dann ging die Mutter meines Sohnes weg, das hat auch wieder ein bisschen Geld gekostet. Wie’s halt so ist im Leben. Dann kam der Umzug.

Ich habe böseste Emails bekommen, ich solle meinen Mist packen und verschwinden.

Es gibt bis heute ehemalige Stammgäste, die das neue Lokal nicht mögen. Zu groß, zu laut. Als ich die alte Schumann’s Bar aufgemacht habe, hat ein Journalist der Süddeutschen Zeitung geschrieben: »Es sieht aus wie eine Tiefgarage mit Lüftungsschlitzen und verkleideten Holzwänden.« Und hier haben sie geschrieben: »Jetzt hat er endlich seine Kirche, ist ja lange genug bei den Jesuiten gewesen. Jetzt hat er seinen Marmor an der Wand, fehlt nur noch das Kreuz.« Ich habe böseste Emails bekommen, ich solle meinen Mist packen und verschwinden.

Woher kommt es, dass es im Schumann’s kaum Personalfluktuation gibt?

Da muss man sich nichts vormachen. Wenn es ein oder zwei Läden gäbe, die ähnlich bekannt wären, dann wäre die Möglichkeit da, zu wechseln. Aber das ist nicht der Fall, außerdem verdienen meine Mitarbeiter sehr gut. Bei meinen älteren Mitarbeitern ist auch ganz klar der Fall, dass es viele versäumt haben, sich selbstständig zu machen. Das muss man! Aber bei Vielen steckt wohl auch Bequemlichkeit dahinter. Selbstständigkeit heißt nun mal selbst und ständig. Man hat nicht mehr viel Freizeit und keine Fünftagewoche. Das ist in der Gastronomie so wie in anderen Branchen.

Man liest immer wieder über eine Expansion? Nach Asien zum Beispiel?

Davon rede ich ja ständig. Eigentlich habe ich ja gesagt, ich gehe nach Frankreich. Aber allmählich habe ich das Gefühl, ich habe die Zeit verpasst. In Biarritz oder Bordeaux braucht  mich kein Mensch mehr. Das ist vorbei. Da müsste ich noch einmal von vorn anfangen. Auch die Vorstellung, dass ich in irgendeinem großen Hotel als »Grüß-Gott-Sager« arbeiten darf, ist unrealistisch. In Asien arbeite ich ja schon länger mit Leuten zusammen.

Der Anschub müsste aber von mir kommen. Die sind ja ständig auf der Suche nach etwas Neuem. In Guangzhou habe ich vor 120 General Managern der führenden Häuser in Asien geredet. Die fanden das alle großartig. Aber man müsste dort leben. Ich müsste mich entscheiden. Ich müsste sagen: »Egal wie die politischen Verhältnisse dort sind und wie ich das sehe – ich möchte die nächsten zehn Jahre meines Lebens in Schanghai oder Peking leben.«

4 comments

  1. Sebastian

    Schönes Interview, allerdings werde ich das Gefühl nicht los, vieles davon schonmal gelesen zu haben. Deshalb wirkt es doch etwas fad…

Hinterlasse eine Antwort

Ähnliche Artikel