Der König der Cocktails. Wir sägen am Thron.

Klassik 22.1.2013 5 comments

Der Martini Cocktail. Gerührt, nicht geschüttelt. Vielerorts als „König der Cocktails“ gepriesen und dank eines Geheimagenten wahrscheinlich einer der berühmtesten Drinks der Welt. Gespickt mit Geschichten rund um Entstehung und Zubereitung, die richtige Temperatur und die ewige Frage Olive oder Twist. Ohne Zweifel ein interessanter und leckerer Drink. Aber der König der Cocktails? Wir wagen es am Thron zu sägen und schlagen eine Erbfolge vor.

Die Anekdoten sind zahllos. Churchill hat sich angeblich gen Frankreich gebeugt, wenn er ein Glas eiskalten Gin genossen hat, Clark Gable reichte es mit einem von Wermut benetzten Korken am Glasrand entlangzufahren, und aus dem Glas dann Gin zu trinken. Und Roosevelt hat angeblich darauf bestanden, für Stalin zu mixen. Zu diesem Zweck führte er auf Reisen immer einen „Martini-Koffer“ mit. Was also bleibt am Ende neben einem Glas sehr kaltem Gin mit einem Hauch – oder etwas mehr – Wermut? Und das soll dann der König sein? Der Herrscher der Cocktail Welt?

Wann war die Krönung?

Kürzlich durfte ich mich in ein Bargespräch mit zwei Kollegen verwickeln lassen. Auf der Bar standen ein Boulevardier, eine Variante des Negroni mit Bourbon statt Gin und ein Martinez, laut Stammbaum von Angus Winchester der Vater des trockenen Martinis. Nachdem ein paar Mal am Glas genippt wurde, schoss einer ins Blaue. „Diese Drinks sind so viel aromatischer und vielschichtiger als es jeder Martini Cocktail je sein kann. Eigentlich ist es Quatsch, dass der Martini der König der Cocktail sein soll!“ Es wurde beigepflichtet und man begann zu überlegen, wie es überhaupt zu diesem Titel kam. Ohne Ergebnis versteht sich, aber immerhin mit der Idee, dass die berühmten Martini-Trinker ihren Beitrag geleistet haben dürften und dass andere Short-Drinks erst in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen sind.

Der erotische Vergleich

Wie es oft so ist bei heiklen Themen wie der Monarchie und dem Trinken gerät man schnell ins Philosophieren. Der wahre König muss ein vielschichtiges Genie sein, vor Aroma strotzen und darf nie langweilig werden. Auf keinen Fall aber darf es einer dieser modernen Drinks sein, die mit Säften, Kräutern und Zucker versuchen, dem Gaumen des Gastes zu gefallen. Den Charakter muss die Spirituose geben, ätherische Öle und Bitters dürfen assistieren. Der Drink müsse Reife ausstrahlen, etwas Erfahrenes. Und bei diesem Satz war es geschehen. Folgender Vergleich sollte die Diskussion um den König und die Thronfolge abschließen. Der Martini Cocktail, der sei wie eine Nacht mit der jungen aber unerfahrenen Schönheit. Toll, aber das meiste bleibt der Fantasie und der Zukunft überlassen. Während zum Beispiel der Martinez einen fordert. Wie eine Affäre mit einer reifen und erfahrenen Frau, die gewillt ist, die Grenzen der Fantasie zu erweitern.

Und damit war das Urteil gefällt. Im Stammbaum war man in den letzten Jahren etwas in der Zeile verrutscht. Der Sohn voreilig zum Thronfolger ernannt, auch wenn der Vater vital ist wie selten zuvor. Wir präsentieren: König Martinez.

 

Martinez (adaptiert nach Jerry Thomas, Bar-Tenders Guide, 1887)

3 cl Gin oder Oude Genever

6 cl roter Wermut

1 BL Maraschino

2 Dash Angostura Bitter

Glas: Cocktailglas

Garnitur: Zitronenzeste

Zubereitung: Alle Zutaten auf Eiswürfeln verrühren und in vorgekühltes Gästeglas abseihen. Mit Zitronenzeste abspritzen.

 

Anmerkung: Wie bereits Gaz Regan im „Gin Compendium“ anmerkt, ist dies das Original-Rezept. Für den Geschmack des 21. Jahrhunderts mag eine Anpassung von Nöten sein, in der Gin und Wermut im gleichen Verhältnis gemischt werden.

 

Präsentiert von Cocktailian:

Cocktailian, das umfassende Handbuch der Bar für Profis, Einsteiger und Connaisseure entschlüsselt anhand von 13 Key Cocktails die Cocktail-DNA. Dieser erste Band der Cocktail-Enzyklopädie vermittelt auf 528 Seiten alles Wissenswerte rund um die Welt der Cocktails, von den wichtigsten klassischen Rezepturen bis zu den modernsten Arbeitstechniken.

Der zweite Teil der Cocktailian-Serie, “Cocktailian Rum & Cachaça” befasst sich mit der Geschichte und Herstellung von Zuckerrohrdestillaten und den daraus entstandenen Mischgetränken. An Cocktailian 1 und 2 haben neben dem Autoren-Trio Jens Hasenbein, Bastian Heuser und Helmut Adam führende internationale Bar- und Cocktailexperten wie Angus Winchester, Gary Regan, Ian Burrell, Jeff “Beachbum” Berry, Jared Brown und Anistatia Miller als Gastautoren mitgewirkt.

// Cocktailian 1 und 2 sind im Buchhandel erhältlich oder online unter cocktailian.de bzw. amazon.de //

5 comments

  1. Nikolai Augustin

    Welcher Wermut, Gin und Maraschino?
    Gibt´s Vorschläge für die Krönungszeremonie?

    • Tutti

      Ich würde sagen Luxardo Maraschino, By the Dutch Oude Style Genever und Antica Formula als Wermut. Zumindest hat es in der Version für mich hinter der Bar den perfekten Oldschooltouch! 😉

  2. oliver

    Hier wird ein wenig die bekannte Taktik angewandt, die Philosophie falsch wiederzugeben, um damit den Philosophen zu erschlagen.
    Zuvörderst einmal ist die Entwicklung des Martinis aus dem Martinez höchst zweifelhaft – mindestens so zweifelhaft wie das Substitut Oude Genever für Gin, in der Annahme, es handele sich da um Gleiches. Wenn man die gewagte These nun aber zu verwenden gedenkt, so mutet erst Sinn an, wo die ursprüngliche Rezeptur des Martinis Verwendung findet, die nämlich ebenso zum Hauptanteil Wermut enthält. Das schmissig dargebrachte „Originalrezept“ des Martinez ist ebenso mitnichten original, sollte das Original auf Jerry Thomas sich beziehen wollen. Seines enthält Boker`s Bitter und Old Tom Gin (wofür Oude Genever ein hübsches Substitut ist) und wird geshaked und nicht gerührt. Auch spritzt dort nichts und niemand ab, sondern „ein Viertel einer Zitronenscheibe“ ziert jungfräulich das Getränk. James Bond dagegen hat mit einem Martini Cocktail so viel gemein wie Wodka oder die Firma Martini mit gutem Wermut.
    Mit revolutionärem Gruß vom Post-Royalisten.

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