Die Berlinale hat die Stadt fest im Griff und man sucht Halt angesichts der vielen Partys, überfüllten Bars und dampfenden Klubs. Das eröffnet aber gleichzeitig die Chance auf skurrile Erlebnisse und eine wunderbare mixologische Entdeckung. Der Sloupisti aus dem Spreewald hat das Zeug zum Kultwhisky.
Vorspann:
Der Abend begann denkwürdig und er sollte auch so enden. Das erste Ziel ist eine Independentberlinaleparty über den Dächern von Kreuzberg, mit Panoramablick auf die leuchtende Stadt und Spreebrise. Also hinein in den Fahrstuhl, ausgelegt für zwei Personen und hoch in den Underground. Mit an Bord sind ein fremder Mann und eine Flasche Jim Beam Black als Gastgeschenk für die Schönen und Armen des Kunstfilms. Models, Filmer, dichte Dichter. Langsam ächzt das Gerät dem Turm entgegen, dann ist Schluss. Wir stecken fest. Malfunktion, Bedienungsfehler? Egal, nichts geht mehr. Notruf. Aus dem krächzenden Mikrofon heraus wird Hilfe in Aussicht gestellt. Ich zähle meine Rauchwaren und überschlage die Stunden, die damit überbrückt werden können. Der Fremde und ich stellen uns per Handschlag vor. Alle Körperfunktionen herunterfahren, hat man als Pfadfinder gelernt – auf Minusbetrieb umschalten.
Wir setzen uns, rauchen und plaudern. Machen Scherze und warten. Der Fremde entdeckt Jim in meiner Tasche. Mit dem dezenten Hinweis, dass er noch ein Bier im Auto habe und wie gut ihm das jetzt täte, winkt er kräftig mit dem Zaunpfahl. Ich bleibe eisern, die Nacht kann noch lange werden. Nicht auszudenken, wenn wir Jim nun köpften und infolgedessen unser winziges Gefängnis auch noch zur Latrine umfunktionieren müssten …
Also weiter rauchen. Über uns tobt die Party bereits, man amüsiert sich wie Bolle und schickt launige Nachrichten in die klaustrophobische Zelle.
Der Fremde entpuppt sich als reisender und rasender Reporter und somit wird erste zarte geschäftliche Fühlung aufgenommen. Drei Zigaretten später geht dann alles blitzschnell. Die Befreiung aus dem Käfig dauert nur Sekunden. Im Turm angekommen, wird Jim filmreif der Feierschaar überreicht und unter Applaus in Grund und Boden getrunken. Derart animiert sollte eine Spur verfolgt und einem heimlichen, einem kometenhaft erschienenen Geheimtipp mit Starappeal auf den Zahn gefühlt werden. Wo ist Sloupisti?
Hauptfilm:
Blende auf. rivabar. Vor der Tür zischen innerhalb von Minuten vier Twenties einen Liter Vodka in Londoner Bingedrinkingmanier und glotzen wie acht Kretins, als ihnen der Zutritt zur Bar verweigert wird.
Auch hier natürlich Berlinalestimmung, man ist zum Rocken aufgelegt. Der DJ jagt treibende Beats durch das Oval. Nur noch leise murmelnd ist die S-Bahn zu vernehmen, die humpelnd über das Gemäuer schleicht. Überall Blitzlicht aus den mitgebrachten Kameras – Sternchen eben. Ein internationales Publikum zwischen sophisticated Barfly und Partydröhnern. Typ: „Reicheelterninternatsabsolventen” – weißes Hemd, oberster Knopf geöffnet. Prinz-William-Frisuren, Prinz-Harry-Benehmen, Prinz-Charles-Fressen. Ihre Girls Augen rollend im Intensivintimdialog. Ihre Blicke schweifen raubtierartig durch die Menge und pirschen sich Halt suchend an. Noch einen Sauerkirschsaft bitte. Macht aber weiter nichts, zu übermächtig ist die angenehme Gästemischung.
Dann wird der rote Teppich in der rivabar ausgerollt. Auftritt Sloupisti in Fassstärke – 62,8%. Der neue Superstar aus dem Spreewald. Gesegnet vom Whiskypapst Jim Murray und zum zweitbesten Kontinental-Single-Malt geadelt.
Erste kleine Purverkostung. Und tatsächlich: Ein Aromatsunami flutet die Sinne. Dreidimensionaler Geschmack in Cinemascope. Paternoster zum Synapsengewitter.
Spreewaldbernstein.
Hier tut sich naturgemäß ein Abgrund auf. Man möchte das Erlebte teilen und auch wieder nicht. In dem Wissen um die begrenzte Verfügbarkeit des Produkts eine schwierige Entscheidung. Aber nur steigende Nachfrage generiert auch steigende Produktionszahlen, also hinausposaunt: Sloupisti (niedersorbisch für Schlepzig) ist eine Offenbarung!
Während die Mixologin mit stoischer Ruhe und kühler Präzision die Caipirinhas und Mojitos abarbeitet, wächst das Verlangen nach dem Rivasazerac, Friedemannsazerac, nach dem Spreewaldsazerac. Angerichtet mit der vom Hausherrn auf allen Kanälen vollmundig propagierten Spreewaldkirsche, steigt die Spannung vor dem ersten Sipp. Danach nur noch Schweigen. Spreesazerac, Spreezac, Sprac … Da capo! Klappe.
Abspann:
0,5 l 40 % = 32€,
0,5 l Fassstärke, (ca. 63 %) = 50€
0,7 l 40 % = 44€,
0,7 l Fassstärke, (ca. 63 %) = 69€
Vertrieb: ab Brennerei oder per email: spreewaldbrennerei@t-online.de
Herkunft: Brandenburg
Hersteller: Spreewälder Feinbrand und Spirituosenfabrik, Dorfstr.56, 15910 Schlepzig
Internet: http://www.spreewaldbrennerei.de/
jpebert (1 year ago)
Herr Orschiedt,
virtuos, der Text! Ich kenne weder Ihren Leibarzt noch Leibkoch. Aber nunmehr Ihren Leibbarman – Monsieur Friedemann.
Sprac!
Jean-Pierre Ebert