Picon. Erstmal entspannen, erstmal Picon!

Liköre 6.12.2011 8 comments

MIXOLOGY ONLINE stellt immer wieder neue Produkte in den Fokus und testet sie auf Herz und Nieren. Dabei dürfen aber natürlich auch Produkte aus vergangenen Tagen, die ein wenig Staub angesetzt haben, nicht zu kurz kommen. Leider gehören hierzu oft exzellente Aperitife aus dem französischen Raum. Heute gehört die Bühne Amer Picon, einem Geheimtipp unter Bartendern.

Schlägt man das „Savoy Cocktailbuch“ auf, den absoluten Klassiker unter den Cocktailbüchern und ein Muss in der Sammlung jedes Barprofis, kommt  einem immer wieder Picon als Zutat für Cocktails unter. Sogar ein eigener „Picon Cocktail“, der zu gleichen Teilen aus roten Wermut und dem Franzosen in der dunkel-geschwungenen Flasche besteht, ist nach ihm benannt. Auch in den „Cocktailian“, das neue Handbuch der Bar aus dem Mixology Verlag, haben es drei Rezepte geschafft, in denen Picon ein Wörtchen mitzureden hat. Leider ist Picon aber auf den meisten Barkarten im deutschsprachigen Raum nicht mehr zu finden. Dabei ist das Produkt, vor allem in der Kombination Picon Biére, ein nicht wegzudenkender Teil der Aperitif-Kultur in Nordfrankreich und Teilen Belgiens. Es gibt also genug Gründe, sich an die Fersen des Reiters der französischen Kavallerie, der die Flasche ziert, zu heften und dem Ursprung des Getränks auf den Grund zu gehen.

Gemeinsam mit der Französischen Fremdenlegion führen die Spuren nach Algerien

Das Auf und Ab des Picon beginnt vor über 200 Jahren mit der Geburt von Gaétan Picon. Nach seiner Ausbildung zum Destillateur im Süden Frankreichs führte ihn sein Weg im Jahre 1837 in die sengende Hitze Afrikas, genauer nach Algerien, wo er seinen Dienst für die Kolonialarmee verrichtete. Wie so viele seiner Kameraden befiel auch ihn bei dem heißen Klima ein bösartiges Fieber. Daraufhin, so wird berichtet, entwickelte er die Rezeptur des „Amer Africain“, der als Urvater des Amer Picon gesehen werden kann. Richtig professionell wurde die Herstellung, als Picon die Rezeptur verbesserte und sich in Philippeville, dem heutigen Skikda, niederließ. Bald schon belieferte er die gesamte französische Armee mit seinem leicht bitteren Aperitif, da diesem eine fiebersenkende Wirkung zugesprochen wurde und er auch zur Erfrischung der Soldaten seinen Teil beitrug. Die Basis bildet heute wie damals ein Destillat, dessen Hauptbestandteile Orangenschalen, Enzian und Chinabaumrinde sind. Diese Mischung wird dann mit Zucker- und Karamellsirup vermischt und enthält deshalb die typische dunkle Färbung.

Aber nicht nur den Truppen mundete der Aperitif, sondern auch der Bedarf in der Zivilbevölkerung wuchs ständig.  Deshalb eröffnete Herr Picon weitere Destillierien in den Städten Constantine, Annaba, dem damaligen Bône, und in der Hauptstadt Algier. Zu internationalem Ruhm verhalf dem Likör die Weltausstellung in London im Jahre 1862, wo er einen Preis gewann.  Während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870–1871 wurden viele Soldaten zurück in die Heimat beordert, so auch Gaétan Picon. Daraufhin eröffnet er eine Destillierie in Marseille und vermarktete von nun an sein Produkt unter eigenem Namen. Aus dem „Amer Africain“ wurde Amer Picon und viele weitere Produktionsstandorte wurden eröffnet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte der Picon durch das Absinth-Verbot sein goldenes Zeitalter und nach Angaben einiger Quellen gehörte der Aperitif zwischen den beiden Weltkriegen sogar zu den meistverkauften französischen Appetitanregern.

Der leise Weg ins Vergessen

Nach dem zweiten Weltkrieg konnte der Franzose mit den algerischen Wurzeln nicht mehr an die bisherigen Erfolge anknüpfen. Mit neuen Abfüllungen versuchte man wieder auf die Erfolgsspur zurück zu kommen. So wurde zum Beispiel im Jahr 1964 Picon Bière auf den Markt geworfen. Diese Variante des Aperitifs soll noch perfekter mit Bier harmonieren, dafür wurde der Alkoholgehalt allerdings auf 21 % Vol. zurückgeschraubt und mit Fleur de Bière (frz. Bierblume) verfeinert. Für viele Bartender und Schankkellner hat er seitdem nicht mehr den alten Charakter. Im Jahr 1989 folgte eine weitere Reduktion der Drehzahl des Aperitifs auf 18 % Vol.

Eine weitere Wendung erfuhr die Geschichte des Picon im Jahr 1995, als man Picon in die Versionen Picon Bière und Picon Club aufsplittete. Die Club-Variante wurde für den südlichen Raum Frankreichs entworfen und sollte sich laut Hersteller perfekt mit Wein entfalten. Seit kurzem scheint auch diese Version schon wieder Geschichte zu sein. In den einschlägigen Onlineshops gibt es Picon heute in drei Varianten:  Picon Bière und Picon A L’Orange mit jeweils 18 % Vol. und den Picon Amer mit etwas mehr Dampf in Form von 21 % Vol. Aber auch dieser hat noch deutlich weniger als die ursprünglichen ca. 30% Vol., die er in seiner Blütezeit aufwies.

Derzeit befindet sich Picon im Portfolio von Diageo, aber viel kommuniziert wird von der Seite des Spirituosenriesen nicht. Der Bitteraperitif wird nicht einmal auf der Internetseite des Hauses präsentiert. Laut Tobias Gerlach, Mitarbeiter von Diageo, vertreibt man auch nur die Sorte Picon Bière in Deutschland und dies auch nur auf Anfrage. Stephan Berg von der Drinkology GmbH, der die drei vorher genannte Varianten in seinem Netzshop vertreibt, äußerte auf Anfrage von MIXOLOGY ONLINE, dass seiner Meinung nach der Konzern mit dem Aperitif stiefmütterlich umgehe, da seit Jahren nicht mehr viel über ihn kommuniziert werde. Dies hat auch zur Folge, dass Picon heute sein Dasein in Deutschland fast nur noch in französischen Restaurants fristet.

Auf zum Geschmack!

Genug der Geschichte. An der wohlsortierten Redaktions-Bar steht Picon Bière zur Verkostung bereit. In die Nase steigen als erstes Orangentöne, die von Bitterelementen begleitet werden und die Süße des Aperitif kann man auch schon olfaktorisch förmlich wahrnehmen. Im Mund kommen die gleichen Töne zum Vorschein, die man schon zuvor in der Nase spürte. Am Gaumen und im Mundraum spielt die Süße vornehmlich mit der Bitterkeit, wobei sie deutlich dominiert. Im Abgang sind dennoch Bitterakzente von Enzian zu erkennen. Pur eher für die Liebhaber der süßen Seite. Wir empfehlen daher für den Purgenuss das Servieren auf Eis, weil dadurch der Süße etwas die Wucht genommen wird und die Bittertöne etwas mehr Raum erhalten. Eine Zitronenzeste zum Abrunden kann ebenfalls nicht schaden.

Die anderen Varianten standen leider nicht für einen Vergleich zur Verfügung. Aber Gespräche mit vielen Bartendern ergaben, dass der Unterschied zwischen den einzelnen Abfüllungen marginal sei. Picon Amer soll nur durch eine leicht stärkere Bitternote hervorstechen.

Was kann Picon im Mix?

Wie schon erwähnt ist Picon ein wahrer Alleskönner. So verwendet Khudor Lamaa, Bartender aus München, den Aperitif, um eine weitere Spritzvariante anzubieten. Dazu gießt man einfach 2 bis 3 cl Picon mit Cremant auf, gibt eine Orangenzeste und frische Lavendelblüten mit ins Glas und fertig ist eine Alternative zum Aperol Spritz oder dem Neu-Münchner Hugo. Dazu verwendet Lamaa nach eigenen Angaben den Picon Club. Aber etwas regulären Picon mit Wein oder Schaumwein zu vereinigen, liefert ebenfalls wunderbare Ergebnisse ohne viel Aufwand.

Eine ausgezeichnete Alternative zum Radler, sprich Bier mit Limonade, bietet das Picon Bière. Diese einfache Mischung aus Bier und je nach Belieben und Intensität 2 bis 5 cl Picon, ist ein exzellenter Durstlöscher. Die süßen Bitternoten des Aperitifs harmonisieren perfekt mit dem Geschmacks-Duo Hopfen und Malz des Grundgetränks. Im Internet sind auch Rezepturen mit einem Schuss Zitronensaft oder –sirup zu finden, die dem Getränk noch ein wenig mehr Leichtigkeit verleihen können. Wir empfehlen einfach eine Scheibe Zitrone mit ins Glas zu geben.

8 comments

  1. Joerg Meyer

    Schöner Artikel, tolles Produkt … mich interessierte allerdings am meisten die Aussage zu Moet Hennessy Diageo. In Frankreich schon existent? In Malaysia hab Ichs auch gefunden

    Heißt das, auf der nächsten World Class gibt’s es endlich KRUG und DOM ?

    Ich dachte bislang, diese seit 2009 angekündigte Fussion hat noch nicht stattgefunden… hat Mixology Online dazu mehr Informationen?

  2. Patrick S.

    Hallo Herr Metz,

    über diesen Artikel habe ich mich sehr gefreut. Picon war bei uns zu Hause seit meiner Kindheit ein omnipräsenter Likör, mit dem sich die Erwachsenen (allesamt Franzosen oder Französischstämmige) seit Jahren den Abend versüßten. In allen Varianten wurde er mit verschiedenen Bieren, frischen Säften oder zu besonderen Anlässen mit elsässischen Cremants gemischt.

    In meiner Jugend habe ich dann viele Fans im Freundeskreis rekrutiert und seitdem bei den regelmäßigen Einkaufs-Fahrten nach Frankreich (meist Carrefour Strasbourg) Flaschen für alle besorgt. Es wäre wirklich toll, wenn Picon in all seinen Varianten auch in Deutschland in den Handel käme, dann habe ich im Auto mehr Platz für andere Leckereien 🙂

    Schön, dass dieser wirklich interessante Likör heute für ein paar Stunden im Rampenlicht des Mixology-Magazins stehen darf.

    Meine persönliche Empfehlung:
    4cl Picon
    1 Flasche Pecheur (Pils) oder 1 Flasche Fischer Tradition der Brasserie Fischer (Schiltigheim)
    2cl frischester Zitronensaft

    Wer’s gerne etwas süßer mag, sollte den Zitronensaft evtl. durch Rose’s Lemon Squash oder Teisseire Citron ersetzen.

    Cheers,
    Patrick S., Mannheim

  3. redaktion

    Hallo Joerg Meyer,
    Entschuldigung, dass meine Antwort so lange gedauert hat, musste erst mal Information sammeln. In Frankreich ist Diageo in einem Joint Venture mit Moet Hennessy verbunden (Diageo ist zu 34% an Moet Hennessy beteiligt). In Deutschland werden die Produkte von Moet Hennessy nicht durch Diageo, sondern direkt durch MH vertrieben.
    Schätzungsweise gibt es KRUG und DOM leider noch nicht bei der nächsten World Class, da das Joint Venture nicht global besteht.
    Viele Gruße David Metz

  4. Terry Kajuko

    Interessante Story von Picon.Ich musste Picon ebenfalls über EDEKA bestellen,was jedoch unproblematisch ging.Jetzt sitze ich auf der Terrasse mit meinem Picon-Biere und erhebe das Glas zu einem a votre sante.

  5. Gerd-Christian Bauer

    Ich wohne in Karlsruhe und dachte wie alle meine interessierten Bekannten (darunter auch eine Wirtin) man müsse nach Frankreich fahren, um Amer zu kaufen. Jetzt habe ich allerdings bei real 2 Varianten der Marke Wolfberger / Colmar entdeckt und die 15 %-ige Version AMER BIÈRE gekauft und genossen. Picon war mir (geboren 1943) bekannt, hatte es aber vergessen und nicht mit Amer in Verbindung gebracht. 1960 war Escorial grün mit 56 % halt interessanter ! Beim nächsten Einkauf werde ich nach Picon gucken.

  6. Karin Dörfler

    Sehr interessanter Artikel! Ich habe Bier mit Amer und Zitronensirup im Elsass kennengelernt. Ich dachte, das gibt’s nur da und betrachtete seither das Getränk ausschließlich als Bestandteil meiner Elsass-Wochenende.
    Dann sah ich neulich einen 60-er-Jahre Film mit Jean-Paul Belmondo. Der ging in die Kneipe und bestellte Picon mit Bier. Ich dachte: Hey, das sieht ja aus wie Amer!
    Heute ging ich (wohnhaft in Karlsruhe) einkaufen ins Scheckin-Center. Das ist großer, exzellent sortierter Supermarkt von Edeka, mit entsprechend vollständiger Spirituosenabteilung.
    Und was darf ich da erblicken? Eine ganzes Regal mit Aperitiven von Martini, Campari und vielen weiteren Marken, darunter eine Doppelreihe „Picon Bière“. Etikett gelesen, das magische Wort „Amer“ erblickt. In der Sirupabteilung auch noch den Sirup von Teissere gefunden.
    Also, als Tipp für alle Karlsruher: Im Scheckin-Center gibt’s Picon Bíère, 1 l, für 10,99 €. Und der Sirup dazu ist für 3,79 erhältlich.

  7. Marc

    Hallo, ich kenne Picon al Orange ausBelgien. Da wird er mit süßem Weißwein, Grenadine und Creme de Cassis getrunken. Mich würde mal interresieren, ob jemand ein Rezept in der Richtung für mich hat.
    Würde mich sehr freuen.

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