Fallanda

Ein Leben im Parabelflug. Der Fall Fallada.

Literatur 11.2.2012

Ein Leben zwischen Heilanstalt und Gefängnis, Alkohol- und Morphiumsucht, Erfolg und Absturz. Der Schriftsteller Hans Fallada ist noch immer ein Phänomen und erlebt gerade eine erstaunliche Renaissance.

Ein letztes Mal wurde er vorgeführt und die Niedertracht kennt bekanntlich keine Grenzen. “Das, meine Herren, was Sie hier sehen, ist der Ihnen allen bekannte Schriftsteller Hans Fallada, oder vielmehr das, was die Sucht nach Rauschgift aus ihm gemacht hat: ein Appendix.” Mit dieser Infamie stellte ein Professor den bereits schwer Gezeichneten seinen Medizinstudenten als lebendes Studienobjekt aus. Zwei Monate später, am 5. Februar 1947 starb Fallada (bürgerlich Rudolf Ditzen) im Alter von 54 Jahren.

Kurz zuvor hatte Fallada in einem anderen Rausch, einem eruptiven Schaffensrausch, einer Kreativexplosion, zu der er auch stets fähig war, seinen über 800 Seiten umfassenden Roman »Jeder stirbt für sich allein« in unglaublichen 24 Tagen geschrieben.

Wortjunkie und Arbeitscholeriker

Sein Leben glich einem Parabelflug, es kannte nur ganz oben oder ganz unten, mit kurz eingeschobenen Phasen der Schwerelosigkeit, in denen seine Romane aus ihm herausquollen. Vieles war sentimentaler Schmonzes, aber einige sind eingeschrieben in den literarischen Kanon. “Kleiner Mann – was nun?”, “Der eiserne Gustav” oder “Wer einmal aus dem Blechnapf frisst”, aber auch “Der Trinker” sind Bestseller gewesen, wurden mehrfach verfilmt und waren seinem Leben abgerungen. Einer Existenz zwischen mehrfachen Gefängnisaufenthalten wegen Unterschlagung und versuchtem Mord, Heilanstalten, Familienidyll auf dem Land, Wanderschaften als Landwirtschaftsgehilfe und Erfolgsschriftsteller. Stets begleitet von Rauschexzessen eines Lebensuntüchtigen, der die Erlösung in Alkohol und Morphium suchte – ein selbstzerstörerischer Wortjunkie. Fallada konnte an manchen Tagen sechzehn Stunden schreiben, aber auch literweise Schnaps und Zigaretten im Fünfminutentakt konsumieren – ein Quantum, das Normalsterbliche nicht in einem Monat schaffen.

Obwohl Falladas Helden und deren sozialer Kosmos meist einer kleinbürgerlichen Welt entsprangen, war er kein sozialkritischer Autor, sondern ein schonungsloser Chronist der Zustände seiner Zeit. Er sprach den Jargon des “kleinen Mannes” und kannte dessen Ängste, dessen Kampf ums Überleben und die List des Durchkommens. Daraus schuf er oft innerhalb weniger Tage voluminöse Welten und war zumindest während dieser Produktivitätsschübe gefeit vor der realen Welt, die auch ihn bedrohte.

Im mecklenburgischen Carwitz erwarb er 1933 ein Grundstück mit einem wunderschönen Haus am See, gründete eine Familie und schrieb bis 1944 achtzehn Romane. Dass er während der NS-Zeit publizieren konnte, war seiner politischen Neutralität, aber auch einigen sprachlichen Verbeugungen vor der ihn stets kritisch beäugenden braunen Macht geschuldet.

Liveschaltung in den Wahnsinn

Nach seiner Scheidung 1944 und der Heirat mit der ebenfalls morphium- und alkoholabhängigen Ursula Losch geriet er in einen wüsten Streit mit seiner noch im Hause wohnenden Ex-Frau und feuerte einen Schuss aus seiner Pistole auf sie ab. Obwohl die Attacke fehlging, wurde er erneut in eine Anstalt eingewiesen. Hier schreibt er wieder wie ein Besessener – es entsteht sein Roman “Der Trinker” und in die eng beschriebenen Zeilen fügt er so etwas wie ein politisches Bekenntnis als Diarium ein, ein probates Mittel, um die brisanten Bekenntnisse vor seinen Bewachern zu verstecken. Nachdem das Gefängsnistagebuch 2009 nach langer Exegese publiziert wurde, urteilte Nicolaus von Festenberg im Spiegel: “… ein typischer Fallada, eine Mischung aus Wutgeheul und Plauderton, aus Ernst und Leichtsinn, aus Kolportage und Faktenbericht, wie eine poetische Liveschaltung in den Wahnsinn.”

Auch hier wieder zeigt sich seine apolitische Egozentrik und sein in die Zeit gebundenes Vokabular, aber auch großartige Sentenzen der ländlichen moralischen Verludertheit und geistigen Felddürre der angeblich so Anständigen jenseits der Asphaltverkommenheit der Großstadt.

In “Der Trinker”, dem Ursprungsmanuskript, das der Tarnung diente, hat Fallada schonungslos den eigenen Verfall, die permanente Krisis, die Hoffnungslosigkeit und die dramatischen Auseinandersetzungen mit seiner Frau verarbeitet. Ein Text, der beim Lesen beinahe körperliche Schmerzen verursacht.

Wiederauferstehung eines Unheiligen

Fallada wurde in den Jahrzehnten nach dem Krieg zu einem beinahe vergessenen, jedenfalls zu einem wenig gelesenen Autor – trotz der oft erfolgreichen cineastischen Umsetzung seiner Bücher. Um so erfreulicher ist seine jüngste Renaissance, die vorwiegend im angelsächsischen Raum begründet liegt. “Jeder stirbt für sich allein” wurde in Großbritannien und den USA ein Bestseller. In diesem Buch erkannten die auf das Nazideutschland stets mit einer Mischung aus Erschaudern und Faszination fixierten Nationen ein authentisches Sittengemälde des braunen Alltags. Einer hinter brutaler Ordnung aufrechterhaltenen Vorhölle aus Säufern, Unterwelt, Zockern, Gangstern, Denunzianten und Politverbrechern – aber auch dem Widerstand seines geliebten “kleinen Mannes”. Der Hoffnungsträger aus den Niederungen jenseits elitärer Adelskreise.

Der Roman erschien posthum im Ostberliner Aufbau-Velag und wurde an vielen Stellen gekürzt oder der damaligen Politideologie sprachlich angepasst. Seit einigen Wochen ist nun die ungekürzte Fassung – nach 65 Jahren – erhältlich und man kann diesem beeindruckenden Zeitdokument und literarischen Denkmal eines im Leben selbst so Unheiligen nur ebenso viel Erfolg wünschen wie im englischen Sprachraum. Es wäre ein später Triumph über die Infamie und alles andere als ein Appendix.

 

Bücher

Hans Fallada
Jeder stirbt für sich allein
Aufbau Verlag
19,95 €

Hans Fallada
Der Trinker
Aufbau Taschenbuch
8,95 €

 

Weitere Informationen: fallada.de

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