E.T.A. Hoffmann. Der Rausch als Offenbarung.

Literatur 21.6.2012 1 Kommentar

„Es ist nun einmal ausgemacht, dass Herbst, Sturmwind, Kaminfeuer und Punsch ganz eigentlich zusammengehören, um die heimlichsten Schauer in unserem Inneren aufzuregen.“ — E. T. A. Hoffmann „Der Unheimliche Gast“

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776– 1822) war Schriftsteller, Komponist, Maler, Musikkritiker, Theaterdirektor, Kapellmeister, Jurist im Staatsdienst und ein begnadeter Säufer. Er trank so ziemlich alles, was ihm in die Quere kam – außer Bier, das er als geist- und seelenloses Getränk verachtete. „Ein Glas guter Rum des Morgens“ gehörte dazu und dann diverse Flaschen Wein über den Tag verteilt, gerne auch Punsch, jene Frühform des Cocktails, der sich seit dem 18. Jahrhundert in Europa großer Beliebtheit erfreute. Und dann war da noch ein geheimnisvoller „gewürzter Wein“, über den er in sein Tagebuch notiert: „Alle Nerven excitiert von dem gewürzten Wein – Anwandlungen von Todes-Ahndungen – Doppelgänger.“ Es spricht einiges dafür, dass hier von Laudanum die Rede ist – in Alkohol (meist Wein) gelöstes Opium – einer Höllenmischung, die sich der Alchimist Paracelsus (1493–1541) hat einfallen lassen. Als Laudanum liquidum Sydenhami war diese Tinktur noch im Deutschen Arzneibuch von 1926 zu finden, das bis 1968 gültig war. Sie galt als Heilmittel gegen alles und jedes: Schmerzen, Schlafstörungen, Durchfall und Herzschwäche, fand aber zunehmend auch als Rauschmittel Zuspruch, insbesondere bei Künstlern und solchen, die es werden wollten.

Für Hoffmann jedenfalls war der Rausch unverzichtbar, sowohl zur „Steigerung des geistigen Vermögens“, wie er schreibt, als auch um die Menschen für ihn „genießbar“ zu machen.

Ästhetische Tees und Elixiere des Teufels

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hatte er im alten Berliner Stammhaus von Lutter & Wegner sein zweites Zuhause gefunden, wo er residierte und empfing und sich mit Wein »in exotische Stimmung« brachte, wie es einer seiner Vertrauten formulierte. Dort saß er oft fünf bis sechs Stunden und ließ „unaufhaltsam ein Feuerwerk von Witz und Glut an Phantasie vor der entzückten Umgebung aufsteigen“, blieb aber gleichzeitig ein scharfer Beobachter mit gutem Gespür für kuriose, lächerliche und entlarvende Situationen, die er oft noch an Ort und Stelle zu Papier brachte. Er scheint eine echte Attraktion gewesen zu sein, denn der Wirt des Lutter & Wegner verzichtete nach Hoffmanns Tod darauf, dessen Zechschulden von 1116 Reichstaler (etwa 1600 €) einzutreiben, weil Hoffmann so viele Gäste und Neugierige ins Lokal gebracht hatte.

Jedenfalls ging er lieber in Weinstuben als zu den „ästhetischen Tees“, wie die Einladungen jener bildungsbürgerlichen Damen genannt wurden, die sich gerne illustre Gäste ins Haus holten. Es war weniger der Tee, der Hoffmann langweilte, als die konventionellen Geistreicheleien dieser Salons. Hier offenbarte sich ihm die Misere des deutschen Bürgertums, das in jener Epoche zwischen Revolution, Restauration und dem Chaos, das mit Napoleon über Europa hereinbrach, hin- und hergerissen war zwischen Konvention und Freiheitsgedanken, Religion und Aufklärung, liberalem Gewinnstreben und überkommenen Moralvorstellungen. Wie alle Vertreter der deutschen Romantik litt Hoffmann unter dem Rationalismus seiner Zeit, jener Geisteshaltung, für die Gefühle, Lebensfreude und Müßiggang wertlos sind und Phantasie allein in geschäftlichen Dingen von Nutzen sein kann.

Hoffmann verspürt dies als Missverhältnis zwischen Innen- und Außenwelt: „Ich habe zu viel Wirklichkeit“, lautet seine Diagnose, und diese beengende Wirklichkeit des bürgerlichen Lebens gilt es zum Tanzen zu bringen. Der Rausch wird zum bewussten Gegenentwurf, der nichts mit Weltflucht zu tun hat, sondern als erstrebenswerter, weil schöpferischer Zustand gefeiert wird. Er ist eine legitime, weil lebbare Form des Glücks und eröffnet Erkenntnismöglichkeiten, die im realen Leben nicht gegeben sind – vorausgesetzt, man gleitet nicht in die Sucht, die mit der zerstörerischen Kraft einer Naturgewalt droht. „Mein eigenes Ich schwamm ohne Halt, wie in einem Meer all der Ereignisse, die wie tobende Wellen auf mich hereinbrausten“, heißt es dazu in Hoffmanns wohl extremstem und düsterstem Werk „Die Elixiere des Teufels„. Das geheimnisvolle Getränk, um das es hier geht, wird als Reliquie in einem Kloster verwahrt und schickt den Mönch Medardus, der heimlich davon trinkt, auf eine Höllenfahrt voll Wahnsinn, Mord und Blutschande.

Dieser Klassiker der phantastischen Literatur wird von der Wissenschaft als grandiose psychologische Parabel gefeiert, in der Hoffmann die fatalen Folgen verklemmter Sexualmoral schildert und so manches vorwegnimmt, was Freud später in seiner Theorie des Unterbewusstseins formuliert. Für Hoffmann waren seine Räusche also tatsächlich so etwas wie Reisen in die Seele, mit all ihren Abgründen.

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