Über das Verkaufen von Platz und Raum

Von Helmut Adam | Februar 19, 2010 um 12:08 | 12 Kommentare | Blog | Tags: ,

"Es gibt drei Arten von Werbung. Laute, lautere und unlautere."

Werner Mitsch, dt. Aphoristiker

 

Erinnert sich noch einer unserer Leser noch an die Ausgaben im ersten Jahr (2003), die sich des öfteren mit dem Thema "Cranberry" befassten? Sie lösten in unserem alten Online-Forum eine Diskussion aus. Es ging um die in Deutschland so überaus kurios-beliebte Debatte "kein richtiger Saft". In den damals führenden klassischen Cocktailbars wurde der Gebrauch des Kranbeer-Nektars mit genau dieser Argumentation tatsächlich rigoros abgelehnt.

Auch die Schumanns Bar gehörte zu dieser ultrakonservativen Bewegung, was für ein junges, sein Profil suchendes Medium natürlich ein willkommener Reibungspunkt war. Wer eine Vodka Colada mit blauer Lebensmittelfarbe anreichere (Stichwort "Swimming Pool"), war damals meine Argumentation, dessen Begründung "kein richtiger Saft" stehe auf äußerst schwachen Füßen.

In der Folge wurden wir immer wieder darauf angesprochen, weshalb wir von Mixology "das Schumanns nicht mögen". Was uns sehr verwunderte, da der Tresen der Münchner Weißkittel immer die erste Anlaufstation bei Besuchen der bayrischen Hauptstadt war und ist. Wir von Mixology hatten und haben über all die Jahre immer große Achtung vor der Leistung von Charles Schumann behalten. Der damals vorherrschende, von ihm stark beeinflusste konservative Barstil und die mangelnde Debattenkultur in der Barszene Deutschlands boten allerdings eine zu willkommene Angriffsfläche, um nicht die ein odere andere kritische Anmerkung zu landen.

Mittlerweile hat die Schumanns Bar durch Mitarbeiter wie Klaus Stephan Rainer und den immer umtriebigen und meinungsfreudigen Stefan Gabanyi in der Barindustrie wieder ein völlig anderes Profil gewonnen. Meiner Meinung nach ist das Schumanns präsenter denn je und gespannt warten bereits alle auf die neue, überarbeitete Ausgabe des legendären Bestsellers "American Bar". Charles Schumann selbst wurde mit großem Anklang bei den letzten Mixology Bar Awards nicht von ungefähr mit dem "Award für das Lebenswerk" ausgezeichnet. Beim letzten Tanqueray Ten Table, der in den Räumen der Bar stattfand, hatte ich die Gelegenheit, ein paar Worte mit ihm zu wechseln, die auch die Idee für diesen Blogeintrag gaben.

Der Gastronom und das Medium

"Wo arbeitest Du derzeit eigentlich?" fragte mich Charles. Nach dem Verständnis eines mit Ende 60 noch aktiv in seinem Betrieb mitarbeitenden Bartenders und Gastronomen, sollte der Herausgeber eines Barmagazins, das sich als Stimme der Branche versteht, offenbar noch selbst hinter dem Tresen stehen. Irgendwie gefällt mir diese Sichtweise, auch wenn sie mich im ersten Moment irritiert hat. "Ich habe ganz ehrlich nicht mehr die Zeit dafür", antwortete ich ihm. "Ihr seid ja groß geworden mittlerweile", bemerkte er daraufhin. "Und viel Werbung habt ihr im Magazin", merkte er dann mit kritischer Stimme an.

Die Werbung, immer wieder die Werbung, dachte ich mir. Natürlich hat er Recht damit, dass der werblich Anteil am Magazin über die Jahre zugenommen hat. "Zum Glück!" muß man sagen aus unternehmerischer Sicht. Gleichzeitig ist aber das redaktionelle Budget für Fotografen und Autoren ständig exponentiell mitgewachsen, neue Autoren wurden akquiriert und neue Kolumnen geschaffen. Einem Gastronomen die Funktionsweise eines Mediums und seine wirtschaftliche DNA zu erklären, ist und bleibt wohl auf immer eine Sisyphosaufgabe.

Immer wenn wir neue Mitarbeiter bei Mixology bekamen, wie Bastian und Tanja, mussten sie in den ersten Monaten durch das unangenehme Stahlgewitter aus Eigenanspruch und Fremdwahrnehmung. Auf der einen Seite die Bartender und Barbetreiber, die über zu viel Werbung moserten, aber der Meinung waren, das Magazin gratis beziehen zu können (wohlgemerkt nicht Charles Schumann, er ist langjähriger Abonnent). Auf der anderen Seite die Industrie, die das Magazin durch ihre Schaltungen finanziert und auf in Artikeln geäußerte Kritik an ihren Strategien und Produkten teilweise lächerlich übertrieben und hypersensibel reagiert.

Genau wie die Partnerschaft mit Firmen über die Jahre immer besser wurde, indem man über die jeweiligen Ansprüche offen sprach, scheinen derzeit auch die Bartender nun langsam zu lernen, dass einige von ihnen erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren müssen. Willkommen in der Realität! Die sich dynamisch entwickelnde Barindustrie bietet nämlich den smarten von ihnen heute eine Fülle von Möglichkeiten, mit ihrem Können und Wissen zusätzliche Einnahmen zu zu erzielen.

Berufsziel Markenbotschafter

Das Wort "Markenbotschafter" ist in den Wortschatz eines jeden Bartenders aufgenommen worden und Firmen scannen den Markt aktiv nach Meinungsführern ab, die ihre Marken werblich unterstützen sollen. Neben der Brotarbeit hinter dem Tresen arbeiten viele bekannte Namen heute im übertragenen Sinne damit ebenfalls im "Anzeigengeschäft". Auf Events wie dem Bar Convent sind immer mehr von ihnen das Billboard für Firmen, deren Namen sie auf der Barjacke tragen und deren Marken sie in Cocktails vermixen und anpreisen.

Der oben zitierte Charles Schumann ist schon lange im Anzeigengeschäft. Viel länger als Mixology. Und das nicht einmal im übertragenen Sinne. Ganzseitige Anzeigen und Plakate für Königpilsener, Auftritte mit Jessica Alba für Campari. Es gibt keinen Bartender weltweit, der sich so hervorragend vermarktet und über so ein geeignetes und authentisches Markenprofil verfügt. Die "Anzeigen" in der Schumanns Bar selbst wiederum stehen in Form rot etikettierter Flaschen in der obersten Regalreihe, so wie sie in Form von Servietten auf den Tischen oder als blinkende Neonschilder in den Fenstern anderer Bars zu finden sind.

Für den Gastronomen sind das meist Zusatzgeschäfte. Nur die ganz großen wie das Münchner P1, die Schumanns Bar, die Kameha-Gruppe in Frankfurt oder das East in Hamburg machen wirklich einen herausragenden Schnitt mit den Werbekostenzuschüssen und werblichen Verträgen. Aber es ist das eindeutige und auch nicht verwerfliche Ziel nahezu aller Bareigentümer, mit ihrem Produkt und ihrer Fläche, den bestmöglichen Umsatz zu erzielen. Dafür bieten sie Fläche in ihren Barkarten, auf ihren Regalen und ihren Personaluniformen an. Bars sind ganz vorne mit dabei im Anzeigengeschäft. Willkommen im Anzeigengeschäft!

Die in den letzten Jahren entstandenen Blogs wiederum geben Bartendern eine hervorragende Plattform, ihr Produkt, das heißt ihre Person, bekannter zu machen. Im Internet ist eine neue Schnittstelle entstanden, die auch von den Getränkefirmen zunehmend wahrgenommen und bearbeitet wird. Mit einem Produkt im Blog von Jörg Meyer zu landen, ist wohl der feuchte Traum einer jeden einen Spirituosenkunden betreuenden PR-Agentur. Immer mehr Produkte und Events tauchen in diesen Blogs auf und die darin involvierten Bartender bekommen damit zunehmend die negativen Effekte wie Neid der Kollegen und den Vorwurf der Käuflichkeit zu spüren.

Ein Beispiel ist offenbar Klaus Stephan Rainer, der sich vor ein paar Wochen aus dem Bartender Labor zurückgezogen hat. Genervt von anonymen Kommentaren erklärte Klaus, der im letzten Jahr verschiedene Jobs für Jim Beam und 25 Delight ausgeführt und auch aktiv gebloggt hatte, seinen Rückzug. "Bist du (…) von einem Produkt begeistert und teilst dieses mit, wird dir plötzlich "Käuflichkeit" vorgeworfen. Bullshit." erklärte Klaus in seinem Abschiedpost auf dem Bartender Labor

Gleichzeitig bekommen wir hier bei Mixology immer mehr Anfragen von Bartendern, die mit Firmen arbeiten und Events organisieren, ob wir ihre Sachen freundlicherweise auf mixology.eu anteasern könnten. Wenn man selbst aktiv wird, und Erfolge und Reichweite vorweisen muss, ändern sich offenbar schnell die Wirklichkeiten. Ich freue mich, dass ihr so aktiv seid, werte Kollegen, und wo mir und unserem Team die Events und Aktivitäten gefallen, unterstützen wir sie auch mit unserer Reichweite. Und das sogar umsonst. Willkommen im Anzeigengeschäft!

Die Herausforderung 2010

Mit dem Jahr 2010 empfehle ich der Branche einen Blick in den Spiegel. Denn gerade die Gastronomie hat letztes Jahr einiges an Federn lassen müssen. Es ist, so wie Autor, Blogger und Cartoonist Hugh McLeod hier rechts gewohnt deutlich macht, nun einmal die Aufgabe eines jeden Unternehmens, das Geld verdienen muss, um seine Mitarbeiter ernähren zu können, tatsächlich auch Geld zu verdienen. Monetize it! Für uns bei Mixology ist 2010 das Jahr, wo wir uns daher noch aktiver dem Medienwandel stellen.

Wir sind dabei, aufmerksam in den Spiegel zu blicken und unseren Print neu auszurichten, wie man bereits an der letzten Ausgabe sehen konnte. Wir hinterfragen die Sachen, die wir dort bisher gemacht haben und setzen die Messlatte wieder einige Striche höher an. Gleichzeitig brüten wir eine neue Online-Strategie aus, die wir ebenfalls bald umsetzen wollen. 2010 wird ein interessantes Jahr. Und: es geht ums Geldverdienen, werte Leser. Daher erwartet hier und auf Papier eher mehr als weniger Werbung zu sehen! Und gleichzeitig eher mehr als weniger Inhalte. Denn beides geht nun mal Hand in Hand. 

Wir wünschen euch Bartendern und Barbetreibern daher viel Umsätze in euren Bars, und auch den Connaisseuren, die hier mitlesen, Erfolg und Sicherheit in ihren Jobs. Es ist derzeit keine leichte Zeit, wie ich in vielen persönlichen Gesprächen erfahren habe. Da gibt es seit zwei Monaten ausstehende Gehälter für Barchefs bekannter Bars. Es gibt Kündigungen und Umstrukturierungen in der Spirituosenindustrie und etablierte und lange geplante Projekte werden eingestampft. Gleichzeitig aber entsteht unglaublich viel Neues, es gibt jede Menge Dynamik an Stellen in der Branche, wo man sie lange vermisst hat.

2010 wird ein gutes Jahr für die Branche, aber sicher kein einfaches. Wir sind in dieser Branche tätig, weil wir alle die Leidenschaft für Bar teilen. Aber wir sind auch in ihr tätig, um Geld zu verdienen. Behaltet das im Auge, wenn Euch ein Banner hier auf der Seite oder eine Schaltung in Mixology stört. Wagt dafür aber einmal den Blick in den Spiegel und seid ehrlich euch selbst und anderen gegenüber, mit dem, was ihr macht. Es lohnt sich.

 

P.S. Und, ja!, ich werde mich in naher Zukunft wieder hinter den Tresen stellen. Der Plan ist schon länger da, Charles hat ihn durch seine Frage aber noch befeuert. Ich weiß aber noch nicht, ob ich darüber bloggen werde. Denn in erster Linie möchte ich einfach wieder mal Gastgeber sein und Gäste betreuen. Das hat mit dem sonstigen Branchen-Talk, dem geekigen Gossip hier und woanders so gut wie gar nichts zu tun. So einfach ist das.

P.P.S. Heute gibt es natürlich Cranberry Juice in der Schumanns Bar. ;)

Der Autor

Helmut Adam

Helmut Adam ist Herausgeber von Mixology, Magazin für Barkultur, trinkt gerne Negronis, Tequila und den einen oder anderen Gin & Tonic. Bevor er sich zum Bar Manager an der Mixology Bar aufschwang, arbeitete er als Bartender in Zürich, Wien, Berlin und London.

12 Kommentare

  1. barflyush (2 years ago)

    Vielleicht schwingt ja auch immer ein bißchen Eifersucht mit wenn es Barkeeper schaffen in den Focus der Industrie zu geraten. Nicht jedem ist es gegeben sich an Erfolgen Anderer zu erfreuen und auch zu sehen das es unserer Branche gut tut wenn Leute, die unseren Beruf repräsentieren, in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, auch durch Werbung!!!
    Sehr guter Bericht.

  2. Dominic B (2 years ago)

    Solang gute Leute zu guten Prodikten stehen ist es meiner Meinung nach völlig in Ordnung. Aber wenn dubiose Bartender für Müll werben wirds für mich zu viel,,,,

  3. egge (2 years ago)

    Schöner Artikel, gut geschrieben und für mich als Medienvertreter der verdammt nah an der Gastronomie arbeitet inhaltlich vollkommen plausibel und von daher: Agree!

    Schön, den japewu hier zu lesen.

    :-)

  4. Tom Zyankali (2 years ago)

    100% Cranberry gibts von Rabenhorst im Reformhaus .Ca € 7,-/0,7l

  5. Helmut Adam (2 years ago)

    Nice one, Tom! ;)

  6. Stefan Stevancsecz (2 years ago)

    !!!!!

  7. Andi Plucinsky (2 years ago)

    Toller Bericht!

  8. Goncalo (2 years ago)

    Wunderbar; Wie sich die Kreise immer wieder schließen: Und Neu bilden …

  9. sanjaych (2 years ago)

    Ein Blueprint von einem spektakulären Artikel – klasse!

  10. ericbergmann (2 years ago)

    True Story!
    Großes Tennis Herr Adam!

    … mir, als armer Barkeeper, ist es lieber Euren günstigen Abo-Preis zu bezahlen und dabei Werbung in kauf zu nehmen als ein ‘Werbefreies-1000$-Magazin’ zu beziehen.

  11. japewu (2 years ago)

    kudos!

  12. Bodo Heinrich (2 years ago)

    Sehr guter Beitrag.
    Wirtschaftlichkeit ist ENORM wichtig.
    Wo Geld ist, wird gelacht!
    Ohne euer kaufmännisches Denken gäbe es nicht diesen Blog und dieses Magazin.
    Seit Jahren frage ich mich wie Ihr mit so einem geringen Abo-Preis diese Arbeit schafft.

    Zu den Kritikern von Herrn Schumann möchte ich nur sagen:
    “Macht es erst mal besser!”

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