Über Zuckerahorn am Spreeufer

Von Helmut Adam | August 28, 2010 um 16:22 | 2 Kommentare | Blog | Tags: ,

Wie kommt ein amerikanischer Zuckerahorn an das Berliner Spreeufer? Über die "gerettete Pressemitteilung" eines  Whisky-Herstellers.

Aufmerksamkeit erregen. Gesehen werden. In einer Branche, in der der Platz auf den Rückbufetts der Bar begrenzt ist und immer mehr neue Produkte an die Türen der begehrten Tränken klopfen, ein Muss.

Das Heischen um Aufmerksamkeit füllt in der Regel vor allem die Mülltonnen unserer Redaktion. Flaschen und Pressemitteilungen werden in aufwändige, voluminöse Boxen aus ungewöhnlichen Materialien gesteckt. 

Der Nachrichtenwert der Mitteilungen ist dagegen meist eher gering. Vor einigen Wochen kamen zwei Päckchen mit einem ungewöhnlichen Inhalt an. Einem lebendigen Inhalt. Zwei kleine Zuckerahornbäumchen standen plötzlich auf dem Fensterbrett der Redaktion. Geschickt hatte die Pflanzen eine amerikanische Whiskymarke, die durch die Filtrierung über – der Leser ahnt es – die Holzkohle amerikanischen Zuckerahorns seinen typischen Geschmack erhält.

Bartender tränken auch den Tag liebende Wesen

Man soll nicht sagen dürfen, dass eine Spezies, die in der Nacht arbeitet, nicht auch ein Herz habe für Wesen, die auf das Tageslicht angewiesen sind. Fortan wurden die beiden Töpfchen vom Bartender-Medium daher täglich mit Wasser versorgt. Eine Gefahr nahte schließlich in Form des Urlaubs des Herausgebers. Aber die Sales Managerin der Zeitschrift sprang beherzt ein und rettete die beiden Bäumchen, die mittlerweile ihre Größe verdoppelt hatten, vor dem Verdursten. Einzig die Blattspitzen eines der amerikanischen Gesellen zeigen leichte Blessuren aus dieser kritischen Zeit.

Der Herbst ist nicht die ideale Jahreszeit für das Auspflanzen von Setzlingen, aber irgendwann musste diese "Pressemitteilung" vom Fensterbrett verschwinden. Der Zuckerahorn ist nämlich keinesfalls eine Zimmerpflanze, sondern ein durchaus freiheitsliebender Geselle. Gartenwerkzeug fand sich leider keines in der Werkzeugkiste. Aber der Bartender weiß sich zu helfen. Eine metallene Eisschaufel tuts auch. Seit heute wachsen (so bleibt es zu hoffen) zwei amerikanische Zuckerahornbäumchen am Berliner Spreeufer.

Der PR-Agentur sei an dieser Stelle zu gratulieren, der Einsatz hat sich ganz offenbar gelohnt. Wir bitten trotzdem nicht um Wiederholung. Irgendwo verschickt man ja doch eine lebende Spezies. Ihr Einsatz im amerikanischen Lynchburg ist sinnvoller. Berlins grüne Lunge funktioniert auch ohne Zuckerahorn. 

Der Autor

Helmut Adam

Helmut Adam ist Herausgeber von Mixology, Magazin für Barkultur, trinkt gerne Negronis, Tequila und den einen oder anderen Gin & Tonic. Bevor er sich zum Bar Manager an der Mixology Bar aufschwang, arbeitete er als Bartender in Zürich, Wien, Berlin und London.

2 Kommentare

  1. Leonie Kaack (1 year ago)

    GROSSARTIG! Und ich konnte mich gar nicht verabschieden….

  2. Helmut Adam (1 year ago)

    Falls es nicht mehr regnet übers Wochenende kannst Du sie Montag gerne giessen… ;)

Kommentare

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