grüne woche

BIER, BARS & BRAUER #25

News 5.1.2017 1 Kommentar

Bier, Bars und Brauer ist zurück – und wer es nicht vermisst hat, sollte sich was schämen! Wir werfen zu Jahresbeginn einen Blick auf Preisdebatten, Haltbarkeitsprobleme und die Grüne Woche. Außerdem beschäftigen wir uns mit Bierfassreifung von Spirituosen und umgekehrt – womöglich einer der komplexesten Trends in der derzeitigen Brauwelt.

Die erste Ausgabe unseres Biermagazins 2017 soll gewissermaßen als Ausblick dienen auf einige der Entwicklungen, die uns in den kommenden Monaten erwarten. Für viele der Kleinbrauer, die sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht haben, ist die Entscheidung für oder wider die Expansion in den mittelständischen Bereich bereits gefallen, und die Folgen davon werden zunehmend zu spüren sein. Verfügbarkeit und Stabilität ohne arge Kompromisse sind hier die Zauberwörter. Doch auch bei den Supermarktketten wird sich die Mentalität vom Kastenkäufer nicht auf die überall auftauchenden Craft-Regale übertragen lassen. Der Brauer fragt sich: Welches Bier will ich brauen und welche Art von Brauerei will ich betreiben? Der Händler fragt sich: Welche Art von Kundschaft will ich anlocken? Und der Kunde fragt sich nicht mehr ganz so häufig, was es eigentlich mit diesem „Kraftbier“ auf sich hat. Doch zunächst schauen wir nach Berlin, denn schließlich öffnet in nicht allzu ferner Zukunft die Grüne Woche ihre Pforten…

Grüne Woche in Berlin mit mehr Bier und ungarischem Craft Beer

Traditionell ist die Grüne Woche im ICC Berlin (20. – 29. Januar) das erste Messe-Highlight des Jahres für die Lebens- und Genussmittelbranche, und wie schon in den Jahren zuvor spielt Bier eine wichtige Rolle auf der laut Organisatoren bedeutendsten Ausstellung für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau weltweit. Über 40 Aussteller zählt der Bierbereich, und während die meisten davon entsprechend ihrer Herkunft auf die verschiedenen Hallen verteilt sind, gibt es mit der neu entworfenen Streetfood-„Markthalle” 12 und der von fränkischen Bieren dominierten Halle 16 ein paar Knotenpunkte für Bierliebhaber. Mit von der Partie sind große wie kleine Brauereien, von Brewbaker bis Hasseröder, von Zwönitzer bis Köstritzer.

In der Halle des diesjährigen Partnerlandes Ungarn (Halle 10.2) soll es zudem ungarisches Craft Beer zu kosten geben. Da es aber wohl keine selbst ausstellende Brauerei gibt, ist noch unklar, wer hier vertreten sein wird. Tageskarten für die Grüne Woche kosten 14,00 Euro, eine Dauerkarte 42,00 Euro.

Winterwärmer – fassgereifte Biere oder bierfassgereifte Spirituose?

Dass man Bier in Holzfässern reifen lassen kann, ist altbekannt, und auch wenn dies manchmal seltsame (um nicht zu sagen: infizierte) Blüten trägt, hat sich die Kategorie der fassgereiften Bierspezialitäten doch zu einer der prestigeträchtigsten Bereiche in der Bierwelt gemausert. Vorreiter sind dabei natürlich die vergleichsweise leicht verfügbaren Bourbonfässer, deren Noten insbesondere starke Stouts bereichern. Exzellente Beispiele wie das Goose Island Bourbon County Stout oder das Yellow Belly Sundae von Buxton und Omnipollo stehen als Ikonen einer ganzen Reihe vorzüglicher Gebräue, die inzwischen auch Gin- (z.B. Cambridge Brewing Le Saisonniere), Wein- (z.B. Allagash Interlude) oder Mezcalfässer (z.B. Firestone Walker Viaje de Roble) umfassen.

Noch nicht ganz so ausgetreten ist hingegen der Trend, Spirituosen in Bierfässern auszubauen. Doch auch hier gibt es neue Lebenszeichen: Für die Jameson Caskmates-Edition wird der irische Whiskey in Fässern ausgebaut, in denen zuvor Stout der Franciscan Well Brewery gelegen hatte (und zwar auf Jameson-Fässern, um die Verwirrung komplett zu machen). Auch Glenfiddich hat im Oktober 2016 mit dem Experimental IPA den ersten NAS Whisky herausgebracht, der die fruchtigen Hopfennoten eines India Pale Ales einzufangen versucht, und New Holland Artisan Spirits aus Michigan legte bereits 2013 den ersten „beer barrel-aged“ Bourbon vor. Natürlich sind schon früher Brenner auf die Idee gekommen, Spirituosen in Bierfässern zu reifen (so z.B. die Schweizer von Säntis Malt/Appenzeller Bier), doch durch die gestiegene Wertschätzung der Bieraromatik allgemein steht einem fröhlichen Fässlein-Wechsel-Dich 2017 zwischen allen Ebenen der Alkoholherstellung nichts mehr im Weg.

Ausgehopft – Sind hopfenbetonte Biere für unsere Verkaufssysteme ungeeignet?

In seinem Artikel auf TheFullPint zielt Alex Davis auf ein Problem, das auch den deutschen Biermarkt in diesem Jahr beschäftigen wird: Mit der steigenden Nachfrage und Verfügbarkeit von Craft Beer, insbesondere all den intensiv gehopften IPAs, DIPAs, IPLs, Pale Ales, Saisons etc., stehen Brauer wie Verkäufer vor einer Gewissensfrage: Wie viel Haltbarkeit hat mein Bier? Wie lange kann ich es ohne deutliche Einbußen verkaufen? Soll ich haltbar machende Mittel anwenden?

Denn die in der Bevölkerung immer noch verbreitete Meinung „Bier kann nicht schlecht werden” gilt leider nur für auf Hochglanz gefilterte und pasteurisierte Massenware. Hopfenaromen, insbesondere die beim Hopfenstopfen herausgekitzelten ätherischen Öle, sind flüchtig, hitze- sowie lichtempfindlich, und ein halber Monat bei Zimmertemperatur unter voller Beleuchtung kann bei unbehandeltem Bier den Unterschied machen zwischen Symphonie und Kakophonie. Dies wiederum ist für die preisintensiven Spezialitäten in Supermärkten nichts Ungewöhnliches, und in Fachgeschäften ist der Umsatz deutlich geringer, zudem fehlt es meist an entsprechenden Kühlmöglichkeiten. Die Gretchenfrage ist also, ob ein breitgefächertes Angebot an hopfenbetonten Bieren sich überhaupt lohnt, oder ob man sich damit ins eigene Knie schießt.

Große Craft-Brauereien aus den Staaten pasteurisieren längst, trotz der schädigenden Effekte für die Hopfenaromen, denn anders sind Exportmärkte oft nicht zu erschließen, oder die geschlossene Kühlkette treibt Preise sowie schlechtes Klimagewissen in die Höhe. Craft Beer soll bis zu einem gewissen Grad lokal sein, damit die Frische gewährleistet werden kann. Wie lokal ein erfolgreiches Craft-Brauunternehmen bleiben kann und will, wird sich in diesem Jahr vermehrt zeigen.

Wie teuer „darf“ Bier?

Ein weiteres Thema, das in der Bierwelt heiß diskutiert wird, ist die Frage nach angemessener Bepreisung, ebenfalls im Spannungsfeld zwischen Brauer, Vertrieb/Verkauf und Kunde. Denn wo bestimmte Biere durch Import oder lange Reifezeit (man nehme die zuvor erwähnten, fassgereiften Biere) zusätzliche Kosten verursachen, ist bei Standardprodukten irgendwann die Grenze der Glaubwürdigkeit erreicht. Sicherlich kostet ein IPA mehr als ein Helles – mehr Malz und mehr Hopfen müssen sich preistechnisch niederschlagen. Doch selbst wenn man den Aufschlag für ein handwerkliches Produkt, welches nicht en masse fabriziert wird, großzügig auslegt – bei ca. einem Euro pro 100ml Bier hört auch beim geneigten Verbraucher meist der Spaß an der Freude auf und es braucht ein zusätzliches Verkaufsargument.

Natürlich ist hier auch der Handel in der Pflicht, althergebrachte Kalkulationstraditionen infrage zu stellen. Nicht jedes Bier muss mit der prozentual gleichen Marge ins Regal wandern. Durch den bunten Mix an kleinen, mittleren und großen Brauereien im Bierspezialitätenbereich, den gerade erst beginnenden Großhandels- und Supermarktverkäufen, den traditionell unverschämt niedrigen Bierpreisen in Deutschland und dem noch immer sehr kleinen Craft-Segment erwartet uns ein spannendes Jahr der Preis- und Selbstfindung. Wer drückt den Preis, wer betreibt Geldmacherei? Wir werden es erleben.

Photo credit: via Shutterstock; Postproduktion: Tim Klöcker

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