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BIER, BARS & BRAUER #34

News 11.5.2017

Aufbruchsstimmung in der Bierwelt: Mönche ziehen zurück ins Kloster Neuzelle und Edeka bricht vielleicht in eine AB-InBev-lose Zeit auf. Außerdem zieht in Hamburg eine neue Biergastronomie in die Riverkasematten am Fischmarkt St. Pauli und BrewDog verkündet mit OnePint einen neuen Vertriebspartner für Deutschland.

Nachdem schon im April so einiges los war, stand zu befürchten, er würde dem Mai den Rang ablaufen – doch Pustekuchen! Getreu seinem Ruf gibt es auch in diesem Monat Umwälzungen, Neuanfänge und Wiederbelebungen zuhauf. Da ist es doch verständlich, dass die Brauereien zumindest wollen, dass in einem Bereich alles beim Alten bleibt: beim guten, alten Haustrunk!

Haustrunk im Visier? Brauereien verteidigen die Abgabe von Bier an Mitarbeiter

Über 100 Jahre alt ist laut der Märkischen Allgemeinen die Tradition, Brauereimitarbeitern als Teil ihres Arbeitsvertrages Bier für den Hausgebrauch mitzugeben. Die Wurzeln dieses Brauchs dürften hingegen noch viel weiter zurückreichen, zeigt er doch erstaunliche Ähnlichkeit mit verschiedenen Klosterordnungen, die ihren Mönchen bestimmte (und damals wahrhaft lebererschütternde) Mengen Bier, Wein und Destilliertes als Tagesration zugestanden.

Über die Zeit hat die Menge des ausgegebenen Bieres deutlich abgenommen (von knapp 600.000 Litern anno 1991 auf rund 137.000 in 2016), doch selbst in “knausrigen” Brauereien geht gern noch ein Kasten im Monat pro Mitarbeiter weg. Marlene Mortler, ihres Zeichens Drogenbeauftragte der Bundesregierung, kommentierte jüngst diesen Abwärtstrend und meinte, der Haustrunk würde zusehends obsolet. Man nehme etwas polarisierendes Editieren seitens der Bild-Zeitung und schon gibt es einen Aufschrei gestandener Brauer, die ihren Haustrunk in Gefahr sehen.

Dabei ist die einzig echte Gefahr, die dem Haustrunk droht, die zunehmende Nichtinanspruchnahme seitens der Mitarbeiter. Bier als legal hergestelltes Produkt kann natürlich an volljährige Angestellte ausgegeben werden, schließlich möchte kein gestandener Handwerksbrauer, dass seine Lehrlinge in der Freizeit Billigbier trinken. Aussagen wie “Von Bier allein kann man kein Alkoholiker werden”, wie sie im Laufe der Debatte zu hören waren, sind jedoch unzeitgemäß und Abbild einer verharmlosenden Bierkultur aus Zeiten, als Bier noch als Lebens- statt als Genussmittel betrachtet wurde.

Überquell – Riverkasematten am Fischmarkt St. Pauli werden wiederbelebt

Einst wurden hier Wale aus der Nordsee hingezogen, um Tran zu gewinnen. Später wurden die Riverkasematten im Niemandsland zwischen den erst zur Nazi-Zeit vereinten Städten Hamburg und Altona ein legendärer Jazz Club. Noch etwas später versuchte sich ein Gastro-Unternehmer an einer Strandbar, doch sie war für das Viertel zu Schickimicki.

Diesen Fehler möchten die jetzigen Gastro-Unternehmer Patrick Rüther und Axel Ohm auf gar keinen Fall machen. Dabei dringt die Verbindung von Bodenständigkeit und urbanem Selbstdefinierungsdrang aus allen Ecken des denkmalgeschützen Backsteinbaus: urbaner Nachbarschaftsgarten auf dem Dach, von originalen Neapolitanern gezimmerte Steinöfen für das Pizza-Neapolitana-Gastrokonzept, ein modernes 15-Hektoliter-Sudhaus von BrauKon mit einem gestandenen Brauer aus der Weihenstephan-Schule der TU München, der bereits in aller Herren Länder von Afrika bis Mittelamerika gebraut hat.

Hafenidyll voraus und Reeperbahn im Hinterhof – dies ist der Spannungsbogen, den die Veteranen vom Alten Mädchen schlagen möchten: Einfachheit, die manchmal komplizierter ist, als es der Schickimicki-Kram wäre. Schon in diesem Monat geht die Gastronomie los, das Sudhaus samt Brewpub soll ab Mitte Juni Durstige mit überquellender Freude erfüllen.

Klosterbrauerei Neuzelle: Mönche zurück ins Kloster

Und nochmal Mönche und Klöster: Nach 200 Jahren der Abwesenheit kehren Mönche in das Kloster Neuzelle zurück. 1817 war das Kloster säkularisiert worden, nun machen sich die Zisterzienser vom Stift Heiligenkreuz im Wienerwald auf den langen Weg an die Oder, um den Komplex erneut mit klösterlichem Leben zu erfüllen. Die offizielle Neugründung ist allerdings erst für 2018 zur 750-Jahrfeier des Klosters geplant.

Besonders aufregend ist dabei natürlich der Einfluss, den die Mönche auf die Klosterbrauerei Neuzelle haben könnten. Diese ist ein vom Kloster selbst unabhängiges Brauunternehmen, welches durch den Rechtsstreit um den Schwarzen Abt (ein nachgesüßtes und daher nicht reinheitsgebotskonformes Bier, das dennoch so verkauft werden sollte und aufgrund seiner historischen Rezeptur Recht bekam) überregionale Bekanntheit erlangte. Die Kreationen der Brauerei schwanken zwischen traditionell und experimentell, zwischen superb und eigenwillig.

Noch steht in den Sternen, wie intensiv die Geschäftsführer Helmut und Stefan Fritsche mit den Mönchen zusammen zu arbeiten gedenken. Rein theoretisch ergäbe sich sogar die Möglichkeit, sich zur Trappistenbrauerei auszurufen. Jener Mönchsorden, der oft als Hüter des heiligen Grals der belgischen Braukunst gesehen wird, ist nämlich auch den Zisterziensern entsprungen. Das österreichische Kloster Engelszell hat gezeigt, dass Trappisten nicht nur in Belgien (bzw. im Falle von La Trappe den Niederlanden) brauen können. Die weitreichenden Befugnisse, die aber die Mönche dafür im Brauprozess haben müssten, machen den Schritt zum ersten, deutschen Trappistenbier eher unwahrscheinlich. Gegen Brauen im Auftrag der Mönche hingegen spricht nichts – Westvleteren und Sixtus/St. Bernardus haben es vorgemacht. Kriegt Deutschland bald sein eigenes Westvleteren?

Edeka ohne Beck’s? Supermarktkette und AB-InBev in stockenden Verhandlungen

Wer erinnert sich noch an den Skandal um die Preisabsprachen in der Bierbranche? Vor ziemlich genau einem Jahr kam heraus, dass Anheuser Bush-InBev, seines Zeichens mit Abstand weltgrößtes Bierkonglomerat, illegale Preisabsprachen mit mehreren Supermarktketten getroffen hatte, darunter Kaufland, Rewe, Netto, Edeka und Metro.

Zeigen sich nun Spätfolgen? Denn die ehemaligen Co-Konspiratoren befinden sich im Zwist: Die (nun legalen) Gespräche zwischen Edeka und AB-InBev über den weiteren Verkauf der deutschen InBev-Produkte (z.B. Beck’s, Hasseröder, Franziskaner, Corona, Löwenbräu, Diebels) laufen schlecht. Laut der Lebensmittelzeitung drohen mehrere Filialen bereits mit der Auslistung der InBev-Marken. Ob es sich dabei um Drohgebärden zum Erreichen einer stärkeren Verhandlungsposition handelt oder Edeka ernst machen wird, wird sich zeigen. Es böte sich so auf jeden Fall eine willkommene Lücke für Mitbewerber, in die Bresche zu springen.

BrewDog mit neuem Vertriebspartner für Deutschland: OnePint

Das Ende vom Lied, oder die nächste Strophe im Klagelied der Schotten auf der Suche nach einem geeigneten Distributor in Germanien?

Ein Kurzabriss: So gegen 2010 denkt das aufstrebende, aber noch unerfahrene Unternehmen BrewDog erstmals über einen deutschen Vertriebspartner nach. Karsten Maruhn, seines Zeichens Inhaber von Maruhn – Welt der Getränke, sieht das Potential der Firma und seine Chance. Doch es läuft schief, gegenseitige Anschuldigungen und schließlich der Schritt vor den Richter folgen. BrewDogs Anwalt, Burkhart Cording, kommt von der Hofmark-Brauerei in Loifling/Cham. Man bietet den weiteren Import und Vertrieb an, der Vertrag kommt zustande. Dann jedoch explodiert BrewDog förmlich, Strukturen und Personal verändern sich rasant. Dass BrewDog mit Brausturm Hamburg partnern möchte, hört Cording über Dritte. Er pocht zurecht auf die Einhaltung des Vertrages. Doch so ganz glücklich sind beide Parteien mit der Zweckgemeinschaft seitdem nicht mehr. Nun bestätigt BrewDog also einen neuen Partner: OnePint GmbH.

Warum nicht Brausturm sondern OnePint? Laut Brausturm-Mitbegründer Maximilian Marner wollte BrewDog vor Ort eine Vertriebsgesellschaft mit Beteiligung gründen – von BrewDog-Seite aus nach den Problemen der Vergangenheit ein nachvollziehbarer Schritt, aus Brausturm-Sicht keine wünschenswerte Konstellation. Daher lehnte man dankend ab und BrewDog wurde mit OnePint fündig. OnePint importiert seit geraumer Zeit britische Klassiker wie Belhaven und Fuller’s, vertreibt aber auch junge Marken wie Kehrwieder und Schoppe Bräu. Diese Kombination überzeugt auch BrewDog. Bleibt nur zu hoffen, dass diesmal kein noch laufender Vertrag vergessen wurde…

Photo credit: Foto via Tim Klöcker.

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