die trinkende frau

DIE TRINKENDE FRAU VON ELISABETH RAETHER

News 11.3.2017

Alkohol, eine Männerdomäne? Zum Glück nicht mehr, wie das Buch „Die trinkende Frau“ von Elisabeth Raether beweist. Die kurzweiligen, zwischen 2011 und 2015 im Zeit Magazin veröffentlichten Kolumnen sind als Buch erschienen und entwerfen ein Bild zwischen Sehnsucht, Gegenwartskritik und Missachtung der Konventionen.

„Ich trinke nicht, wenn ich schreibe…“, sagt sie, die auf den ersten Blick gar unscheinbar wirkende Autorin des Werkes, das es hier zu rezensieren gilt. Dann liest sie. Elisabeth Raether ist keine gewöhnliche Frau, noch weniger eine dieser Autorinnen, die sich in eine Sparte drängen lassen. Im Politik-Ressort des Wochenmagazins Die Zeit tätig, Schreiberin von Kochbüchern und taumelnd-trinkende Erklärerin liquider Lebenszusammenhänge. Das jedenfalls will sie uns mit ihrem Werk „Die trinkende Frau“ vermitteln.

In den von ihr in einem Band veröffentlichten, kurzweiligen Geschichten, die zunächst zwischen 2011 und 2015 im Zeit Magazin erschienen und um einige Anekdoten ergänzt aufgelegt wurden, geht es, so könnte man beim Sezieren des Titels „Die trinkende Frau“ bereits vermuten, um den ewigen Geschlechterkampf zwischen Frau und Mann und Genderfragen.

Bedingt. Zwingt sich einem jeden Leser dieser Verdacht nach dem Vorwort auf, so bestechen Raethers Geschichten aus dem Leben durch eine unvergleichbare Authentizität voller Leichtigkeit, in der absurd-witzige Töne Hand in Hand mit still-nachdenklichen Reflexionen zum gesellschaftlichen Jetzt verweilen. Gerade dieser ungezwungene, mitunter überraschend-sprunghafte Stil der Autorin verleiht dem Werk die nötige Tiefe.

Endstation Sehnsucht

Alkohol, das ist eine Männerdomäne! Was Jahrzehnte scheinbar als wenig hinterfragtes soziales Leitbild, als unsichtbares Türschild vor Bars durchging, wird in Raethers Erzählungen mit ihr als Protagonistin entscheidend widerlegt. Das wirklich Spannende dabei: Räumt sie einerseits mit Klischees auf, zeichnet eine neue Weltordnung und hält ein Plädoyer für die trinkende Frau, bedient sie sich andererseits geschickt dieser Vorurteile, spielt mit ihnen, stellt sie gegenüber. Getreu dem Motto: Ein bisschen Wahrheit mag da dran sein.

Gäbe es ein Leitmotiv in ihren Kolumnen, so wäre es wohl das der Sehnsucht. Zum einen die Sehnsucht danach, aus festgefahrenen Rollenbildern einmal auszubrechen, sich gehen zu lassen, ohne an die Auswirkungen, die das mit sich brächte, zu denken; Whiskey trinken als Frau, Schokolade en masse, Achselhaare wie in den Achtzigern. Alles eben entgegen dem von der Gesellschaft aufgedrückten Stempel der Konformität. Ganz unangepasst. Zum anderen wäre da die Sehnsucht danach, dem Trinken, ja dem Alkoholkonsum, in Deutschland nicht immer diesen schweren Pathos mitzugeben.

Die trinkende Frau und geplante deutsche Lebensfreude

So zeichnet sie fulminant unterschiedliche Trinkgewohnheiten der hiesigen Breiten und stellt sie mit dem liquiden Gehabe der südländischen Regionen gegenüber, nur um uns zu zeigen, wie verbohrt, ja verspießt wir eigentlich sind, wie uns die Leichtigkeit oftmals abhanden kommt und wie freudlos und bierernst das mit dem Alkohol hier häufig gehandhabt wird. Paradox, sind wir doch zweifelsohne für unsere Trinkkultur bekannt und weltweit geschätzt.

Je weiter man blättert, so meint man, Raether schieße sich geradezu ein und wettere gar gegen all die selbstauferlegte Etikette des Snobs, der die Gourmetisierung mit prätentiösem Gehabe vorantreibt. Sie kämpft gegen das Schubladendenken, und immer wieder funkelt in ihren Aussagen die mit einem Schlag entkräftete, ja nunmehr blass wirkende Vorherrschaft des Mannes auf.

Warum unterscheiden wir eigentlich zwischen „Männer- und Frauengetränken“? „Warum müssen Frauendrinks immer süßer und schwächer sein?“ Etwa, weil Frauen nicht so viel vertragen? Weil es die Testosteron-gesteuerten Machos mit Getöse wieder richten werden? Warum dürfen Männer mit all ihren Faltensäcken und vom Alkohol aufgedunsenen Gesichtern, Frauen aber nicht? Berechtigte Fragen, die zum Nachdenken anregen.

Genauso nachdenklich stimmt Raethers Abrechnung mit der Gesellschaft in „Die trinkende Frau“ im Allgemeinen. „Die Frauen in Dänemark lassen es sich auch sonst gut gehen. Das Land schneidet, was die Geschlechtergerechtigkeit betrifft, im Global Gender Gap Report immer besser ab als Deutschland. Offenbar gilt: Wer trinken kann wie ein Mann, verdient auch Kohle wie ein Mann.“ Oder: „Der Alkohol verschwand aus dem Büro etwa in derselben Geschwindigkeit, wie diese Büros sich feminisierten.“

Im Becher ertrinken mehr als im Meer

Aber Elisabeth Raethers Kolumnen sind mehr als nur Kritik am Hier und Jetzt. Gekonnt treffen sie den Spagat zwischen kitschig-leichtfüßigen Situationen und tragisch-realen Geschichten aus dem wahren Leben eines jeden Menschen. Zwischen Hoffnung und Resignation. Und irgendwo – tatsächlich fast überall – ist da eben auch immer der Alkohol im Spiel.

Denn er ist der Konnektor dieser verquer-globalisierten Welt voller Probleme und Fragen. Er ist ein wenig das ewig wandelnde, sowohl zur richtigen als auch zur falschen Zeit auftauchende Gespenst, zumeist der Teufel auf der Schulter, der einen zum Trinken animiert. Und wie der Teufel, so kennt auch der Alkohol viele Gesichter. Raether skizziert immer mal wieder thematisch die Gegebenheiten, in denen es sich eben lohnt, zu trinken: zum Lösen von Problemen, um Trost zu finden, um sich zu vertragen, einfach gänzlich ohne Grund. „Eigentlich immer“, würde sie wohl leicht verschmitzt sagen.

„Das Leben ist eine angeregte, laute Unterhaltung. Man sagt, was man denkt, und man fordert, was man will. Zurückhaltung gilt nicht mehr als vornehm, sondern als idiotisch. Stille Wasser sind nicht tief, sondern einfach nur still …“

Vielleicht hilft der Alkohol auch dabei, seine Schüchternheit zu bekämpfen? Eine weitere dieser Frauenkrankheiten, derer sich ein männliches Wesen entziehen kann. Und doch – das macht Raethers Anekdoten so stark – offenbaren sie sich nicht als freifahrtscheinartiges Manifest für die Frau von heute. Viel zu sehr scheint der Autorin die überspitzte, sich überall niederschlagende Form des Feminismus mittlerweile sauer aufzustoßen. „Wer schüchtern ist wirkt zurückhaltend, doch Schweigen kann dominant sein, wenn der andere sich bemüht. In der Schüchternheit liegt eine gewisse Überheblichkeit. Wer redet, exponiert sich, macht Fehler. Schweigen, die weibliche Form des mansplaining.“

Elisabeth Raether und die Problemrelativierung

Allgemein, das macht Elisabeth Raethers im Oktober letzten Jahres erschienenes Werk vielseitig, unterliegt die mitunter zynisch wirkende Protagonistin einem Wandel, der sich erst am Ende mit der letzten Kolumne „Trinken in Teheran“ so wirklich erschließen lässt. War ihre größte Sorge zuvor, vereinfacht gesagt, das soziale Gefüge um Frau, Mann und Alkohol, so offenbart ihr erst der Kontakt mit einer anderen Kultur, wie letztlich nichtig ihre „Probleme“ doch sind.

Auch hier geht es wieder um Sehnsucht. Die der in einem muslimisch geprägten Land nach Alkohol lechzenden Touristen, sowie jene derer, die sich die Freiheit wünschen, zu wissen, was Alkohol eigentlich ist.

 

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