Meehan's Bartender Manual

BITTE WEITERSAGEN: MEEHAN’S BARTENDER MANUAL

News 26.1.2018

In seinem neuen Buch Meehan’s Bartender Manual geht Jim Meehan wieder aufs Ganze.  Der US-Amerikaner vereint ein Who is who der Barszene und schafft doch ein Buch, das nicht grell schreit, sondern sich aufs Wesentliche konzentriert. Reinhard Pohorec hat das Werk des Please Don’t Tell-Gründers einem genauen Blick unterzogen.

Es gibt sie. Diese quintessentiellen Wegabschnitte zum Spirituosenolymp. Die Building Blocks der erfolgreichen Bartender-Karriere. Die schnelle Aufmerksamkeit der Bar(tender)-Competitions, das Hocharbeiten zum Head Bartender, gar der steinige Weg zum eigenen Lokal.

Jim Meehan und der Weg des Schweigens

Doch für manche heißt „Career Bartender“, einen Schritt weiter zu gehen. Über den Tellerrand respektive die eigenen vier Barwände hinaus zu blicken. Detailliert gestaltetes Werkzeug, die geschliffene Glasserie, eine eigene Spirituose. Und natürlich ein Buch.

Truth be told: Wer je ernsthaft mit dem Gedanken gespielt hat, ein solches Unterfangen zu starten, weiß: Steht das Produkt erst im Regal oder an den international renommierten Tresen, wirkt alles ganz leicht. Welch monströser Arbeitseinsatz, welch oft leidenschaftliche Hingabe, Ausdauer und Kraft von Nöten sind, dahin zu gelangen, sieht man hingegen kaum.

Programmatisch in der Nische

Erfolg bringt Aufmerksamkeit, Erfolg bringt Anerkennung, Erfolg bringt Kritik. Alleine der Terminus „Career Bartender“ wird dem Gros der Branche ja schon sauer aufstoßen. Das alte Lied. Die ewige Diskussion, die durch Spitzenküchen sowie – mit jahrelanger Verspätung freilich – durch Top-Bars schallt:

„Ist der überhaupt noch selbst am Herd? Mixt der eigentlich noch?“

Ob und wie für manche der Weg schlicht anders aussehen soll oder wohin berufliche Reisen führen mögen, bleibt unerheblich. Die Basis, das Avantgardistische, die Nische – eine Denke, die sich in ihrer Schöngeistigkeit selbst feiert. Vom Mainstream-Pöbel verkannt, den globalisierten Teufelskrallen ausweichend. Industrie, Medien, Massen, der Feind.

Die grundsätzliche Mentalität deutschsprachiger Länder, den Faktor Leistung misstrauisch zu beäugen, lugt argwöhnisch hinter Ambition und hart erarbeitetem Gedeihen. Wie immer man diese Triumphe quantifizieren möge. Sind zwar Fleiß, Genauigkeit und ein akribisch technischer Perfektionismus weltweit als „deutsche“ Tugenden bekannt – ob verschrien oder gerühmt sei dahin gestellt – so scheint doch die heimische Wertschätzung ebendieser und insbesondere des daraus resultierenden Erfolgs völlig konträr.

Neid muss man sich erarbeiten

Oft ist schlichtweg Neid Triebfeder der Missgunst. Die Trägheit des eigenen Tuns, negativ projiziert auf das Engagement anderer, deren vermeintlichen Aufstieg es zu bekritteln gilt. Mitleid bekommt man geschenkt, Neid gilt es sich zu erarbeiten.

Selbstverständlich ist kritisches Hinterfragen stets angebracht, ja unabdingbar. Reflexion als essentielle Unterscheidung von Schein oder Sein, Substanz oder Substitut.

Das bringt alle weiter. Ebenso wie die ehrliche Anerkennung von grandioser Arbeit gegenüber aufgeblasener Selbstherrlichkeit.

Das „Warum“ setzt dabei oft den Rahmen und schafft Erfolg mit Bestand, Kontinuität. Ganz nach dem Prinzip des goldenen Kreises von Simon Sinek, welches die intrinsische Motivation vor das „Was“, den eigentlich Output oder das „Wie“ reiht.

Ein hehres Motiv gibt Recht, bietet Anlass, stolz auf das eigene Schaffen zu sein, nach höheren Sphären zu greifen.

Nicht immer freilich scheint das größere Ganze Vater des Gedanken oder des geschriebenen Wortes. Die bloße Beweihräucherung des Selbst schimmert durch so manches Projekt, die ein oder anderen Buchseite. Schnell werden dann kritische Stimmen laut, ob man denn wirklich noch ein Sammelsurium bemühter Rezepturen und noch bemühterer Bilder bräuchte? Welch inszenierter neuer Spin wohl dem nächsten Barbuch innewohne? Zusätzlich befeuert von der These, dass das Konzept, Unmengen von Papier mit Tinte zu bedrucken, kaum noch zeitgemäß sei. Eine Folge der Reizüberflutung, die Nachwehen von career focus, Erfolg, Star-Tum.

Meehan’s Bartender Manual als Hommage

Doch es geht anders.

„Retrospektiv: dieses Buch zu entdecken – welches circa 150 Jahre zuvor, 1862, geschrieben worden war – fühlte sich an wie das Ausgraben einer bislang unbekannten Schrift des Alten Testaments“, erinnert sich Jim Meehan an seine eigene Buch-Epiphanie. Audrey Saunders Sammlung alter Werke war wie ein Altar für den jungen Bartender, dessen Beruf mit jeder Seite mehr zu Berufung avancierte. „Warum sonst hätte ein Verleger vor über einem Jahrhundert Zeit und Ressourcen darauf verwendet, solch wunderbare Bücher zu drucken?“

Wenngleich Information heute viel leichter verfügbar, nahezu 24/7 und global – in den meisten Fällen auch noch gratis – abrufbar sind, so ist die Herausforderung doch viel mehr die, welche Information man erhalte, wie diese zu quantifizieren, zu validieren und umzusetzen seien.

Meehan’s Bartender Manual: Please Tell

Über Jim Meehans Reputation braucht man mit Sicherheit kein weiteres Wort zu verlieren. All die vermeintlichen Stufen des Karriere-Bartenders konnte der Mann mit seiner gewinnenden Persönlichkeit erklimmen. Von scheinbar jedem Blickwinkel aus hat er die Hospitality-Branche durchleuchtet, mitgestaltet.

Und er hat seinen Einsichten stets Gehör verschafft, ob bei Ted X Talks, durch sein frühes PDT-Cocktailbuch oder bei den Conventions, die die Barszene prägen. Dabei ist Jim Meehan nie lautschreierische Rampensau, muss nicht provozieren, sondern besticht durch Beständigkeit, Qualität und den ehrlichen Wunsch, die Branche auf möglichst vielen Ebenen weiter zu bringen.

Überzeugt bekräftigt er: „Bartender und zeitgenössische Cocktailhistoriker müssen transparenter werden hinsichtlich ihrer Formeln, Rezepturen und Praktiken, um sie für nachfolgende Generationen zu konservieren.“

Adäquate Daten, Fakten und Wissen für die Mitmenschen und Nachwelt darzulegen, niederzuschreiben, ist der Antrieb des Bar-Unternehmers. Denn „es gehe ums Teilen anstelle protektionistischen Bewahrens für kompetitiven Vorteil. Was Sie nun lesen ist MEIN Bar Manual“, berichtet er mit einem dezenten Anflug von Stolz.

Meehan’s Bartender Manual ist eine 360° Vision von Bar

Nicht, weil er seinen Namen auf ein weiteres Cover gedruckt lesen müsste. Auch geht es – so hält der Autor ebenfalls in der Einleitung fest – nicht um eine Ich-weiß-was- oder gar Ich-weiß-was-besser-Gönnerhaftigkeit. Nein, Jim Meehan möchte schlichtweg seine 360°-Vision von Bar festhalten – für sich, für jeden, der es teilen möchte. Keine Spur von Weihrauch oder Egozentrik.

So mutet Meehan’s Bartender Manual auch nicht als klassisches Cocktailbuch mit hübschen Bildchen und einem Haufen halb inspirierter Drinks an. Es ist ein Epitom der Gastlichkeit und eine Tour d’Horizon der Profession en gros. Die Glaubwürdigkeit erwächst nicht aus rotationsverdampften Technikspielerein oder verrückten Darreichungsformen unverständlicher Getränke, sondern fußt auf einem beispiellosen Allerlei barrelevanten Wissens, eigens gesammelter, langjähriger Erfahrung und anderer Industrielegenden, die ihre Freundschaft mit Jim Meehan sowie persönliche Einsichten preisgeben.

Wie ein Who is who der liquiden Welt lesen sich die knappen Statements, ergänzt von Künstlerstimmen, Designern, Architekten oder Schauspielern. Zumal Jim Meehan die Rolle des Bartenders nicht unähnlich zu der des Schauspielenden sieht, analog zum regieführenden Barmanager oder Barbesitzer in der Funktion des Produzenten.

Klangvoll wird der Autor in seinen Analogien, wenn es um Zutaten und Drinks geht. Auf den „Noten“ der Basisspirituosen fußt die Harmonie, welche wohlklingende Musik durch balancierte Rezepturen erschallen lässt. Freilich kann der Ohren- und Gaumenschmaus nur gelingen, wenn ein solides Grundverständnis der Ingredienzien vorhanden ist.

Konsequenterweise blickt Meehan’s Bartender Manual hinter die Türen diverser Destillerien und gibt Einblicke in die Techniken und Prozesse der Spirituosenherstellung.

Mit wertvollen Looks gespickt, präsentiert sich auch das Kapitel über Bar-Design, das servicerelevanten Baumaßnahmen und Abläufen Rechnung trägt. Was hilft schließlich der beste Drink mit der präzisesten Rezeptur, wenn er nach zwanzig Minuten immer noch nicht beim Gast angekommen ist?

Und ja, natürlich sind auch Cocktailrezepte in dem Werk zu finden. Anstelle des augentränenden Effekthaschens, tritt hier aber die zeitlose Klassik zu Tage, die Reduktion eines Professionisten, der angekommen ist, in sich ruht, vor Selbstvertrauen strotzt ob des eigenen Weges.

Am Ende nämlich gehe es immer um das einfachste, wesentlichste und vermeintlich doch allerschwierigste Thema der Bar und des zwischenmenschlichen Miteinanders, nämlich genau das: das Miteinander. People Business.

Meehan’s Bartender Manual oder I did it my way

Wie auch Diter Rimes im Designkapitel von Meehan’s Bartender Manual charmant festhält: „You can not understand good design if you don’t understand people: design is made for people.“ So wie jede gute Bar.

Dann darf sie auch ganz selbstverständlich Erfolg haben und diesen zelebrieren. Dann kommt das Career Bartending von ganz alleine. Oder um es mit den Worten von Jim Meehan zu sagen: „There are many ways to succeed in the bar business; this is mine.“

Amen.

Photo credit: Tim Klöcker

Schreibe einen Kommentar

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.