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Das erste P(our)-Symposium in Paris

Bars 24.6.2016 1 Kommentar

Mit großem Medienecho wurde von Branchengrößen das erste P(our)-Symposium angekündigt. Unser Team hat fast alle Vorträge besuchen können. MIXOLOGY-Herausgeber Helmut Adam versucht sich in einer Analyse.

Ein Event, das sich dem Thema „Modern Bartender“ verschrieben hat. Ein Event, organisiert von mehreren absoluten Größen der Bartending-Welt. Eine Veranstaltung mit Alex Kratena, Simone Caporale, Monica Berg, Jim Meehan und Jörg Meyer als Köpfen und dazu noch gemeinnützig und nicht kommerziellen Interessen unterworfen? Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe in den sozialen Medien der Bar-Welt, und auch alle möglichen Fachmedien beeilten sich, die Pressemitteilung 1:1 abzubilden.

Die Vorschusslorbeeren waren groß, stehen hinter den Köpfen von P(our) doch epochale Barprojekte wie das mehrfach prämierte Artesian, das PDT und die Le Lion Bar in Hamburg. Konnte P(our) halten, was es versprach? Der Autor dieser Zeilen und MIXOLOGY-Chefredakteur Nils Wrage hörten sich bis auf einen Vortrag alle P(our)-Referenten an. Entsprechend meinen wir, einen einigermaßen vollständigen Überblick geben zu können.

Das Ein-Bühnen-Symposium

Zuerst einmal war P(our) keine eigene Veranstaltung, sondern vielmehr eine Bühne auf der Messe Cocktails Spirits, die vom P(our)-Team und den P(our)-Referenten bespielt wurde. Die Talks waren allesamt sehr gut besucht, manche sogar regelrecht überfüllt. Stilgerecht begrüßt wurden die Gäste der Bühne am ersten Tag mit einem Glas Champagner, bevor der erste Referent das Mikrofon übernahm. Und er enttäuschte leider prompt. Das Thema „Art & Beer“ drehte sich im Groben um Packaging und Etikettengestaltung. Auch wenn dies an sich ein präsentes Thema in der Barwelt ist, hatte der Vortrag keinen roten Faden und zündete nicht wirklich beim Publikum.

Als nächstes erklomm Nick Strangeway die Bühne und erzählte den versammelten Barprofis von den 1990ern des vergangenen Jahrhunderts. Auch wenn der Vortrag leidenschaftlich vorgetragen wurde, fehlte ihm eine klare Struktur. Und die Botschaft, dass Bartender sich mit anderen Dingen als Bartending auseinandersetzen sollten, haben regelmäßige Messebesucher so oder ähnlich bereits mehrfach auf anderen Bühnen vernommen. Ich hätte mir gewünscht, dass Nick einen Weg skizziert hätte, wie die heutige junge Bartendergeneration den Bezug zu diesen von ihm gepriesenen Wurzeln erhalten kann. Denn auch ich war letztes Jahr schockiert, wie wenig Leute in der Branche beispielsweise noch etwas mit dem Namen Dick Bradsell anfangen können.

Besser machte seine Sache Jim Meehan. Der begnadete Redner geißelte in seinem dreißigminütigen Vortrag den Sexismus der Branche, den allgegenwärtigen Kokainmissbrauch und das ungeschriebene Gesetz, dass man nur dazugehöre, wenn man mit den Kollegen nach getaner Arbeit oder auf Branchentreffen bis in die Morgenstunden Shots kippe. Diese Rede berührte viele Zuhörer, wie mir einige gestandene Barleute später im persönlichen Gespräch bestätigten.

Nachhaltigkeit & Umwelt – ein großes Thema?

Richtig spannend waren zwei Vorträge von Rednern, die nicht aus der Barindustrie stammten. Tracy Ging, Expertin für Nachhaltigkeit und eigentlich im Kaffee-Business beheimatet, referierte über das Thema Nachhaltigkeit und legte überzeugend dar, wie wenig sich das von Bars postulierte Umweltbewusstsein mit Craft Cocktails aus erlesenen, seltenen Zutaten für 15 Dollar oder Euro vertrage. Man hätte gerne noch mehr erfahren, leider war da aber schon wieder die Zeit um. Der zweite, ähnlich gewichtete Vortrag wurde von Douglas McMaster gehalten, Betreiber eines des Silo-Restaurants in Brighton und eines gleichnamigen Cafés in Melbourne, der sich dem Prinzip „Zero Waste“ verschrieben hat. Durch Betreiben einer eigenen Kompostieranlage und eigene Transportbehälter schaffen es diese Betriebe tatsächlich, das Müllaufkommen nahezu auf Null zu senken. Wenn es um Getränke geht, lässt sich dieses Prinzip aber leider nicht anwenden. Denn die Qualitätsweine bekommt man kaum im Fass. Entsprechend steht hier auch die Bar auf verlorenem Posten mit ihren wenigen organischen Zutaten und der Dominanz an in Einwegflaschen angelieferten Getränken.

Wie viel hier der „moderne Bartender“ wohl mitnehmen konnte? Vielleicht setzt sich im kommenden Jahr ein P(our)-Workshop mit genau diesem Thema, der konkreten Anwendung von Müllvermeidung in der Bar, auseinander. Wünschenswert wäre es.

Eine andere Gewichtung hätte man sich auch beim Thema Connecting Dots des Designers Martin Kasner gewünscht. Dieser gestaltet neue Trink- und Essgefäße für die Spitzengastronomie. Auch ihm reichten die 30 Minuten Vortragszeit nicht. Und er kam zum Bar-Teil seiner Rede auch erst ganz zum Schluss. Sein Team steht hinter dem Infusionsgerät The Porthole, das für die Massenproduktion eine stattliche Summe auf Kickstarter einsammelte. Ich würde ihn gerne wieder treffen, dann allerdings ebenfalls in einem Workshop für konkrete Anwendungen in der Bar. Gerne mit Beispielen aus der Küche.

Ein rundum gelungener Talk war der des Connaught Head Concierges Corrado Bogni über die Kraft des Willens in der Umsetzung einer Aufgabe. In diesem Zusammenhang ging es natürlich um das Erfüllen nahezu unmöglicher Gästewünsche. Der Zugang zu diesem Thema ist für Barleute natürlich automatisch gegeben aufgrund der Verwandtschaft der Berufe. Es war die Art inspirierender Vortrag, die jeder Veranstaltung gut tut.

Mehr Mut und Fokus

Zusammenfassend kann man sagen, dass die P(our) von der Resonanz in der Barszene ein voller Erfolg war. Inhaltlich voll überzeugen konnte die Bühne aber nicht. Ähnlich gewichtete Vorträge kann man so auch auf anderen Messen wahrnehmen. Auch das übergreifende Thema „Modern Bartender“, ist ein Begriff, der so oder ähnlich in der Bewerbung von zig Branchenveranstaltungen rund um den Globus benutzt wird.

Sollte es zu einer Neuauflage von P(our) kommen, wünscht man sich da mehr Mut vom Veranstalter-Team. Auch passt der Charakter einer nichtkommerziellen Veranstaltung nicht wirklich in den Rahmen einer Messe, die zwangsläufig der Geschäftsanbahnung dient. Eine weitere Bühne der Cocktails Spirits etwa wurde von Schweppes bespielt und gesponsert, ähnlich wie dies von Marken auf den Demo Bars des Berliner Bar Convent gemacht wird.

Messe und Symposium in Paris haben in Sachen Aufmerksamkeitswert garantiert voneinander profitiert in diesem Jahr. Cocktails Spirits platzte vor allem am zweiten Tag aus allen Nähten. Sollte sich das Symposium aber wirklich als ein solches etablieren wollen, wird es sich wohl aus dieser Umgebung lösen müssen. „Es besteht sonst die Gefahr, dass das als zu selbstreferentiell angesehen wird“, warnt ein Branchen-Veteran aus Großbritannien, den wir um seine Eindrücke baten.

Wie von Mitorganisator Jörg Meyer vor der Pariser Veranstaltung zu erfahren war, existierte die Idee zu P(our) schon „seit zwei, drei Jahren“. Für ihn sei der Schlüsselmoment für die Initiierung von P(our) der „Besuch der Mad Conference“ von Noma-Gründer Redzepi vor zwei Jahren gewesen. Diese Konferenz habe er gemeinsam mit Alex Kratena und Jim Meehan besucht. Man sei froh, dass man als „Untermieter der Cocktails Spirits“ starten könne, da er das Vortragsprogramm der Messe auf der Bar Rouge Bühne seit Jahren bewundere und aufmerksam verfolge.

Wohin die Reise gehe, sei noch nicht ganz klar. Man müsse „erst Mal anfangen“. Dieser Anfang ist gemacht. Wir sind gespannt, wie P(our) im nächsten Jahr weitergeht. Unterstützenswert ist so ein Vorhaben allemal. Auf die Gründer wartet eine Menge Arbeit, die sie neben ihren Tagesjobs, die zum Teil sehr Industrie-nah ausfallen, hoffentlich aufzubringen vermögen.

 

Der Autor dieser Zeilen organisiert seit 10 Jahren das Vortrags- und Seminarprogramm der Messe Bar Convent Berlin mit und hat seinen ersten eigenen Vortrag in den Nullerjahren auf einer Barshow in Amsterdam völlig versemmelt.

Photo credit: Foto Artikelbild via Cocktails Spirits. Bilder in Strecke via Nils Wrage.

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