Deutsche Kreativbrauer

Die zehn wichtigsten Fakten über Deutsche Kreativbrauer e.V.

News 23.4.2017 4 comments

Der neue Verband Deutsche Kreativbrauer e.V. möchte die Interessen deutscher Mikrobrauer bündeln und vertreten. Er positioniert sich gegen Reinheitsgebot und Großbrauereien. Wir haben die zehn wichtigsten Fakten rund um den Verein zusammengetragen.

Deutsche Kreativbrauer e.V. nennt sich ein Anfang 2017 von zehn Brauereien gegründeter Verein. Der neue Verband möchte laut Eigenbeschreibung „der Marktmacht der Großbrauereien eine eigene starke Organisation“ entgegensetzen, die „mit vereinten Kräften für die Förderung kreativer und natürlicher Biervielfalt eintritt“. Damit positionieren sich die im Deutsche Kreativbrauer e.V. versammelten Brauer klar gegen den Deutschen Brauerbund und das sogenannte deutsche Reinheitsgebot. Im Folgenden die wichtigsten Fakten rund um die Neugründung.

Deutsche Kreativbrauer statt Deutsche Craft-Brauer

Es überrascht nicht, dass der neue Verband den Lehnbegriff Craft Beer vermeidet, der seit mehreren Jahren auch im Bierland Deutschland die mediale Debatte bestimmt, wenn es um Gerstensaft geht. Unzählige Artikel und Blogbeiträge haben sich bereits daran abgearbeitet, was denn darunter nun wirklich zu verstehen sei. Oliver Wesseloh dagegen warb, seit er die mediale Bierbühne betreten hat, lautstark für seine Kreativ-Definition. Dass sie nun in die Namensgebung Eingang gefunden hat, zeigt wie groß sein Einfluss im neuen Verband ist.

Natürlichkeitsgebot

An die Stelle des traditionellen Reinheitsgebotes setzt der Deutsche Kreativbrauer e.V. auf das sogenannte Natürlichkeitsgebot, einen Begriff, der vor allem im Jubiläumsjahr des Reinheitsgebots die Runde machte. So werden artifiziell produzierte Zutaten wie Zuckerzusätze, Konzentrate oder chemische Filterstoffe in den Mitgliederbieren nicht zugelassen. Jenes vorläufige Biergesetz von 1993 schert sich um diese Zutaten nicht, weshalb sie in vielen Industriebieren Verwendung finden. Deutsche Kreativbrauer e.V. indes setzt auf natürliche Zutaten, so diese eine bierhistorische Berechtigung haben, wie beispielsweise Koriander. Das Natürlichkeitsgebot der Kreativbrauer ist letztlich weniger Gebot denn Gesinnung, weniger Maßregel denn eine Frage der Moral

Der Riedenburger-Effekt

Laut Eigenangaben sind die Gründungsmitglieder fast allesamt Mikrobrauer und bringen pro Jahr jeweils zwischen 1.000 und 2.000 Hektoliter Gehopftes auf die Straße. Der neue Verband dürfte den Branchen-Primussen à la Krombacher, Radeberger oder Warsteiner aufgrund seiner Zwergenhaftigkeit nur ein müdes Gähnen entlocken, wäre da nicht das Riedenburger Brauhaus. Aufgrund der Mitgliedschaft dieser Brauerei, die jährlich 26.000 Hektoliter produziert, also mehr als alle anderen Mitglieder des Vereins zusammen, dürfte so mancher deutsche Braumittelständler, der sich im Deutschen Brauerverband nicht ordentlich repräsentiert sieht, in den nächsten Tagen bei Pax Bräu-Impresario Andreas Seufert oder Oliver Wesseloh anklopfen, um sich zu sondierenden Gesprächen zu verabreden. Das Signet der Kreativbrauer kann von Brauereien übrigens gegen Lizenzgebühr verwendet werden, wenn sie die Anforderungen erfüllen. Dafür „muss eine Brauerei kein Vereinsmitglied sein“, wie der Deutsche Kreativbrauer e.V. auf seiner Internetseite verkündet. 

Die Export-Hürde

Im Zuge der Natürlichkeitsforderung verzichten die Mitglieder des Vereins Deutsche Kreativbrauer auch auf die natürliche Verlängerung der Haltbarkeit, sprich – auf die Pasteurisierung. Diese ist für den Biertrinker keineswegs schädlich, allerdings zerstört sie Teile des Geschmacks. Für den Vorsitzenden der Verbands Wesseloh grenzt eine Pasteurisierungung “fast schon an die Vergewaltigung eines Bieres“. Dieser Respekt vor dem individuellen Aroma des Bieres hat allerdings einen Preis: wer nicht pasteurisiert, schränkt seine Exportmöglichkeiten ordentlich ein. Nahezu alle großen, ikonischen amerikanischen Craft-Marken machen ihre Exportvarianten haltbar, wie man im Branchenflurfunk immer wieder erfährt. Selbst innerhalb des deutschen Marktes ist die sogenannte Kühlkette auf dem Vertriebsweg alles andere als Standard. Als Konsument könnte man sich nun fragen, ob überhaupt kein Bier nicht schlimmer sei als eines mit einer an Aromen verarmten Version. Der Deutsche Kreativbrauer e.V. hat diese Frage bereits für sich entschieden und legt sich die Latte selbst ordentlich hoch.

Keine gekauften Hähne

In den Vereinigten Staaten gibt es derzeit eine große Debatte um das sogenannte Pay to Play, Verträge zwischen Brauereien und Biervertrieben auf der einen und Bierbars auf der anderen Seite, die den Gastronomen verpflichten, bestimmte Marken exklusiv auszuschenken. Während diese Praxis im Biermarkt U.S.A. tatsächlich verboten ist, ist sie in Deutschland Normalzustand in der Gastronomie. Gerade in Hamburg, der Bierstadt, aus der zwei Gründungsmitglieder des neuen Verbands stammen, bekommen Mikrobrauer aufgrund der starken Präsenz großer, finanzkräftiger Bier-Player kaum einen Fuß auf den Boden, geschweige denn Platz an einer Ausschankanlage. Entsprechend verpflichten sich Mitglieder von Deutsche Kreativbrauer e.V. in ihrer Satzung unter dem Schlagwort „Vielfalt fördernd“, auf diese Art von verkaufsfördernden Methoden zu verzichten.

Der Lautsprecher

Fast etwas überpräsent wirkte Oliver Wesseloh seit dem Gewinn des hochtrabend „Weltmeisterschaft der Sommeliers für Bier“ getauften Wissenswettbewerbs der Doemens Akademie im Jahr 2013. Ging es in Deutschland irgendwo um Craft Beer, konnte man sicher sein, ihm als Aufhänger einer Geschichte oder als Mitglied einer Podiumsdiskussion zu begegnen. “Braut der überhaupt noch?” hörte man so manchen Kollegen ätzen. Für den neuen Verband Deutsche Kreativbrauer e.V. ist die Rampensau-Mentalität des Hamburger Bier-Unternehmers sicher nicht von Nachteil.

Anarchie statt Oligarchie

Im Grunde genommen darf beim Deutsche Kreativbrauer e.V. jeder Bierproduzent mitmachen – es sei denn, er hat vor, mit seiner Industriebrauerei das Biermonopol und die Weltherrschaft an sich zu reißen. Wem Diversität und die handwerkliche Möglichkeit wichtiger sind als Masse und Mainstream, wer außerdem sein Unternehmen selbst führt und konzernunabhängig arbeitet, findet bei Deutsche Kreativbrauer e.V. seinen Platz. Kreativ im Brauen, Spießer in der Qualität – so definiert sich ist der Deutsche Kreativbrauer selbst. Gleichwohl der Verein seine Mitglieder durch strikte Auflagen beschränkt, bietet er einen Zusammenschluss, der Rechtsberatung, eine Einkaufsgemeinschaft und ein Netzwerk. Vereine sind the new black.

Schlagkraft

Legt man die Mitgliedsbeiträge der elf Deutsche Kreativbrauer e.V. Gründungsmitglieder zusammen, verfügt der Verband, sofern er nicht bereits mit Spenden oder einem Darlehen aufgespritzt wurde, über liquide Mittel von etwas über 11.000 Euro. Insofern, dass Gründungsmitglieder Oliver und Julia Wesseloh eine Brauerei repräsentieren, könnten es sogar weniger sein. Ein Büro in der Bier- und Lobbyhauptstadt Berlin kann man davon nicht betreiben. Weiter als die britischen Mikrobraukollegen ist man aber definitiv. The Germans! They’re so organized! Die britischen Mikropioniere BrewDog, Camden Town, Magic Rock und Beavertown hatten nämlich vor zwei Jahren mit viel malzigem Trommelwirbel und hopfigen Fanfaren die United Craft Brewers annonciert. Passiert ist seitdem – nichts. Oh doch! Camden Town hat an einen Multi verkauft, also an genau die Sorte Unternehmen, von denen sich der geplante Verband abgrenzen wollte, und BrewDog nahm einen Heuschrecke Finanzinvestor an Bord.

Bayern führt

Das Bundesland Bayern ist mit drei von zehn Brauereien unter den Gründungsmitgliedern die dominierende Region im neuen Verband. Auf dem zweiten Platz folgen mit jeweils zwei Mitgliedern die beiden Metropolen Hamburg und Berlin. Die Flächenländer Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen entsenden jeweils ein Mitglied in den Kreis der Kreativbrauer. Wer fehlt? Nimmt man Berlin aus, ist der Osten der Republik deutlich unterrepräsentiert. Dass Bayern so stark ist, dürfte nicht an der Brauereidichte liegen. Nein, wir denken, dass der Leidensdruck innovativer Mikrobrauer in Bayern am höchsten ist. Denn dort wacht der Bayrische Brauerverband argwöhnisch darüber, was sich Bier nennen darf und was nicht. Gründungsmitglied Hans Craft kann davon ein Lied singen. Wer unserer Leser erinnert sich an das „Bayerisch Nizza Gate“?

Der Hopfenadler

Zum Schluß möchten wir noch einen Blick auf das Logo von Deutsche Kreativbrauer e.V. werfen. Es gibt davon auf der Internetseite des Verbands zwei Varianten. Eine trägt die Beschriftung „Deutsche Kreativbrauer – Natürlich geht mehr“, die Mitglieder des Vereins vermutlich auf ihren Werbematerialien einsetzen werden. Die andere wiederum propagiert „Gebraut nach dem Natürlichkeitsgebot“ und wird in dieser Form sicher auf Bierpullen in den deutschen Supermarktregalen wieder zu entdecken sein. Den Blick des Betrachters zieht bei beiden Varianten allerdings vor allem eine neuartige Interpretation des deutschen Bundesadlers an. Da, wo der deutsche Biertrinker eher etwas rundlich daherkommt, prangt beim Wappenvogel der Kreativbrauer ein schickes, taillierendes Dolden-Sixpack. Aber bevor das stolze Wappentier zu kriegerisch-kämpferisch daherkommt, hat der Gestalter auch der sedativen Wirkung des Hopfens Tribut gezollt. Als hätte er gerade zwei gezwickelte Maß in der ersten milden Frühlingssonne genossen, hält der deutsche Hopfenadler entspannt die Augen geschlossen. „Er chillt.“ würde der Nachwuchs der MIXOLOGY-Redaktion seinen Anblick beschreiben. Nun, Mitglieder der Kreativbrauer wie Wesseloh, Siemsglüß oder Schoppe sind ja auch als entspannte, freundliche Zeitgenossen der Neuen Deutschen Bierszene bekannt. Beschreiben wir den neuen Verband doch einfach so: In den Forderungen entschieden, vom Wesen her entspannt.

Für die deutsche Bierlandschaft bedeutet die Gründung von Deutsche Kreativbrauer e.V. einen willkommenen, frischen Wind. Es wird mehr Debatten über Bierqualität und Biervielfalt geben, die schlußendlich dem Verbraucher zugute kommen werden. Die Platzhirsche werden sich nicht die Hopfenbutter vom Malzbrot nehmen lassen wollen und entsprechend eigene Kampagnen fahren. Es wird also ordentlich lärmen im gesamtdeutschen Sudhaus. Das bedeutet reichlich Futter für einen anspruchsvollen, analytischen Bier-Journalismus, so es ihn denn abseits des sporadisch veröffentlichenden Reinheitsgebot-Blogs der FAZ gäbe. Bedauernswerterweise hat ja niemand die Absicht, ein Bier-Magazin herauszubringen. Prost!

Nachtrag 23.4.2017, 17:30 Uhr: In einer früheren Version des Artikels hieß es irrtümlich „Der Giesinger-Effekt“. Die Münchner Giesinger Brauerei ist aber kein Mitglied des Verbandes. Im entsprechenden Abschnitt geht es tatsächlich um das in Riedenburg beheimatete Riedenburger Brauhaus, bekannt unter anderem durch das Bio-IPA Dolden Sud. 

4 comments

  1. Kerstin

    Leute, es gibt doch ne Menge Bier-Blogs! Und es gibt schon drei Bier-Magazine auf dem Markt! Jetzt mal nicht so negativ-süffisant am Ende! (Und falls ihr noch Bier-Schreiber braucht….)

  2. Max

    Wollt ihr abgehoben philosophieren ? Oder brauen , trinken und dann darüber reden?

  3. Redaktion

    @Kerstin, @Max:

    Wir wollen über Bier schreiben: Objektiv, kritisch, neugierig und journalistisch. Nicht einfach jedes neue Pale Ale abfeiern, nur weil es in einer Garage gebraut wurde. Und auch nicht einfach Stereotypen wiederkäuen. Sondern Fragen stellen, den Weg von gutem Bier auch mit Skepsis begleiten – und Skepsis bedeutet nicht, immer nur zu schreiben, wie böse die Großbrauer sind. Ein solches Magazin gibt es unserer Ansicht nach noch nicht. Mit „abgehoben“ oder „negativ-süffisant“ hat das eher weniger zu tun, sondern mit unserer Einschätzung des Status quo.

    Herzliche Grüße // Nils Wrage und die Redaktion

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