Tripple Hamilton

Notiz aus einem Leading Hotel of the World: „Ihr seid dumm!“

Notizen 9.6.2011 2 comments

Wenn fremde Personen sich um Kopf und Kragen reden, ist es schwer, die innerliche Ausgeglichenheit zu bewahren. Gleichzeitig aber auch sehr erheiternd. Schnell wird dann zum Beispiel klar: Wo Leading Hotel of the World drauf steht, ist noch lange nicht „Leading Bar of the World“ drin. Und Eier sind eine existentielle Bedrohung. Ein Plädoyer für ein Bar-Bewertungssystem?

Lange schon weiß man als Bar-Eingeweihter, was sich am Tresen des einzigen „Leading Hotel of the World“ in der Breisgau-Heimat so abspielt. Nach einigen Jahren Besuchs-Abstinenz überwog dann doch die Neugier, der betagten Bar die Aufwartung zu machen. Immerhin dreht es sich hier um ein „Weltklasse-Hotel“. Der Besuch eines Berliner Bartenders gab Anlass genug, sich mit zwei weiteren lokalen Bartendern in die Höhle des Nebulösen zu begeben.

Kleine Drinks für große Männer

Ein älteres Pärchen saß in einer Ecke auf Mobiliar, das vor Jahrzehnten mal als angesagt gegolten haben muss. Ein Klavierspieler, immer noch der gleiche wie beim letzten Besuch vor vielen Jahren, spielte tapfer für sie, begleitet von einem sterilen Ensemble aus den Boxen. Ansonsten nur gähnende Leere. Der Grande Senieur hinter dem Tresen erinnerte mehr denn je an den Butler James im beliebten Sylvester-Sketch „Dinner for One“.

Zumindest dürfte er seiner Pensionierung nicht mehr allzu ferne sein. Nur das im Film stark akzentuierte, immer trunkener werdende, britische Englisch, muss in unserer Szenerie mit den wohlfeinen Nuancen einer deutsch-italienischen Mundart getauscht werden. Darüber hinaus fehlten natürlich auch die Trunkenheit und der Löwenkopf als Stolperfalle.

Die Karten wurden schnell studiert. Cognac und Armagnac gab es in Unmengen. Auch Single Malts lächelten einige aus dem Rückbüffet. Ansonsten ein sehr überschaubares Programm. Startschuss für die Bestellungen:

„Einen Jack Rose, bitte!“

„Das ist aber ein sehr kleiner Drink für einen so großen Mann. Doch bestimmt lieber etwas mehr Flüssiges, in einem größeren Glas?“

„Nein, danke.“

„Wie es beliebt“.

Zur zweiten Hürde:

„Bitte einen Rye-Sour.“

„Raiii?“

„Whisky-Sour?“

„Gerne“.

Ihr seid so dumm!

Mit der folgenden Bitte nach einem Ei für den Sour wurde dann offenbar ein Tabu gebrochen. Ein wahrer Entrüstungssturm brach los. Es gebe natürlich kein Eiweiß in einen der Drinks. Damit mache man sich strafbar. Salmonellen seien eine ernstzunehmende Gefahr. Das Gesundheitsamt würde ihm umgehend den Laden dicht machen und ihn einsperren, sobald sich jemand beschwere. Die Nutzung von Eiweiß sei in Drinks schon seit über zehn Jahren verboten. Und alle Bartender, die Eiweiß in Drinks ausschenkten, seien unverantwortlich und dumm!

Hier regiert König Hamilton

Oha! Vier betreten schweigende Idioten am Tresen. Glücklicherweise wurden die restlichen Bestellungen, ein Martini-Cocktail und ein White Russian, ohne Predigt entgegengenommen. Eine Diskussion über Intelligenz oder Gesetzeslage wurde gepflegt vermieden. Hinterm Tresen begann das muntere Werk. Flaschen wurden gesucht und gefunden und in verschiedene Behälter wurden Flüssigkeiten gekippt. Mit einer geschickten Handbewegung wurden Whisky Sour und White Russian durch den beliebten Hamilton Beach in ihre gewünschte Konsistenz versetzt und auf die nötige Temperatur gebracht.

Der Jack Rose wurde fachgerecht ein knappes Dutzend Mal im Shaker hin- und hergeschwungen. Es folgte der Martini Cocktail. Während die Cocktailschale mit drei Eiswürfeln schon vorgekühlt wurde, versank die halbe Hand des ehrwürdigen Tenders, mit einem kurzen Löffelchen zwischen den Fingern, im mit geschätzten fünf Eiswürfeln benetzten Rührbecher. Dort wurde dann munter und zielgerichtet ein paar Mal gestochert.

Nach eingehender Betrachtung der vier vorbereiteten Drinks, verteilte der Tresenmeister gezielt und gerecht drei Physalis und präperierte anschließend zwei Oliven am Spieß. Die zwei letzteren immerhin am Martini-Glas. Zeit zu trinken. Der White Russian bestand unter seiner dicken Krone einzig aus aufgeschlagener Sahne. Der Martini konnte kaum noch wärmer werden.

Sours sind Damengetränke

Beim Jack Rose wurden wenige Dashes Grenadine mit „wenigen Zentilitern“ verwechselt und der Sour war, wie man es leider zu häufig erlebt, standardmäßig mit Orangensaft zum Californian Sour gewandelt worden und unerträglich süß. Die durch den Hamilton Beach gezauberte Krone des Sours war leider schon beim Servieren in sich zerfallen und hinterließ einen erbärmlichen Eindruck von abgestandener Brühe. Immerhin wurden noch aufgeklärt, dass „der Whisky Sour ja ein Damengetränk ist“ und man „daher damals bei der DBU beschlossen hatte, diesen immer mit Orange zu servieren“. Definitiv ein faszinierendes Erlebnis.

Die vier Bartender zogen um mannigfache Erkenntnisse reicher von dannen. Es sollte einige Drinks dauern, bis die geistige Staubschicht, die ihnen dieser Besuch beschert hatte, aus den Köpfen gespült war. Der Gedanke an die kürzlich im Mixology-Forum wieder aufgewärmte Diskussion um eine Klassifizierung von Bars drängte sich auf. Denn schreit das Erlebnis eines solchen Abends nicht geradezu nach einer solchen? In dieser Region werden die fünf Sterne des Hotels nämlich mit einer „Fünf-Sterne-Bar“ gleichgesetzt. Ein Dilemma.

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