Labor der Bar

Das Labor in der Bar. Bartender kreieren ihre eigene Marke. (2)

Porträts 5.4.2012 1 Kommentar

 

Vom Experten zum Erzeuger: Im zweiten Teil unserer Serie stellen wir wieder drei Produzenten vor, die ihren eigenen Weg von der ersten Idee bis zum Vertrieb ihrer Marken diokumentieren.

Merkur galt nicht nur als Gott der Händler und Seefahrer, sondern auch der Künstler. Seine Schnelligkeit und Gewandtheit verliehen Merkur Flügel, so dass er an allen Orten gleichzeitig zu wirken schien. Der Beruf des Bartenders vereint ebenfalls diverse Berufsgattungen: Gastronom, Künstler, Conferencier, Diplomat, Chemiker und Designer. Grund genug, von einer Barwissenschaft zu sprechen, wenn wir all dies zusammen zählen.

Wird der Bartender  aber zum Barbesitzer oder schafft mit seiner Einrichtung gar eine Marke, ist es nur noch ein kurzer, aber bedeutsamer  Schritt  vom Entrepreneur zum Produzenten: Bartender suchen, testen und kreieren Getränke, entwickeln eigene Rezepte und setzen Trends. Was liegt also näher, dank der gesammelten Erfahrung und Fachkenntnis selbst zum Erzeuger zu werden und eigene Produkte auf den Markt zu führen? Nun, vergleichbar wäre die Entscheidung eines Autors, selbst zum Verleger zu werden: Die Sachkenntnis ist das Rüstzeug, doch die Marktkenntnis muß erst noch erworben werden.

Doch wann und warum wandelt sich Merkur vom Künstler zum Unternehmer? Unser Autor Daniel Khafif hat deshalb einige Unternehmer gefragt, wie sie ihre Produkte erfolgreich auf dem Markt platzieren konnten.  Ihre Antworten stellt MIXOLOGY ONLINE in einem spannenden Vergleich gegenüber.

So unterschiedlich manchmal die Vertriebs – und Produktionsschritte erscheinen mögen, ist allen Portraitierten eines gemeinsam: Eine ungebremste Leidenschaft zum Produkt,Wagemut und Lust am Unternehmen. In der aktuellen Folge, die wir aufgrund Ihrer Länge in zwei Teile aufgesplittet haben, stellen wir Ihnen wieder passionierte Entrepreneure und deren Produkte vor:

1)            Peter Kowalczyk, (PK) „Lebensstern Dry Gin“, Berlin.

2)            Daniel Biernatowski, (DB) „Beezkiz“- Honiglikör, Wadersloh.

3)            Mario Grünenfelder & Thorsten Bruchertseifer, (MG/TB) “Greenfield & Harter – Gin & Vodka“, Berlin.

 

1 – Wie kam es zu der Idee, eine eigene Marke zu kreieren?

PK:  Die Bar Lebensstern setzte schon vor der Entwicklung des Ersten Produktes, des “Lebensstern Dry Gin”, auf eine große Auswahl an Nischenprodukten mit Schwerpunkt auf Wacholderdestillate und R(h)um. Der Lebensstern Dry Gin sollte kein herkömmlicher Gin-Klassiker mit Wacholdernoten im Vordergrund werden, sondern eine eigene kleine Nische bedienen, welche noch nicht durch andere Marken besetzt war. Die Idee, einen eher floralen Gin zu entwickeln, der neben seinen klassischen Noten eine elegante Note der Holunderblüte einband, war nun geboren.

Mit der Marke “Lebensstern Dry Gin” wurde das Ziel verfolgt, die “Bar Lebensstern” in ihrem Profil zu stärken und das Barpublikum im eigenen Haus zu überraschen. Zudem spielte der romantische Gedanke, eine eigene Spirituose zu kreieren, eine weitere, nicht unerhebliche und fördernde Rolle.

Nun reicht die Idee zu einer eigenen Spirituose nicht aus. Wir fanden in der Firma Haromex Development GmbH einen vertrauensvollen und äußerst kompetenten Partner, der es uns ermöglichte, diese Idee zu verwirklichen. In mehreren Schritten begannen wir zu experimentieren, um den Lebensstern Dry Gin so zu kreieren, wie man Ihn heute genießen kann. Mit dem Lebensstern Rum, dem Lebensstern Pink Gin und dem Lebensstern Elderflower Liqueur folgten weitere Produkte in unserem Portfolio, die Ihre Liebhaber und Kenner fanden.

DB: Seit meiner Jugend beschäftige ich mich gern mit den süßen Genüssen der Likörwelt.  Somit war dieser Schritt für mich im Grunde vorprogrammiert. Aber erst in späteren Gesprächen, durch einen Impuls meines heutigen Partners Jens Albersmann, erfolgte der erste Schritt, tatsächlich einen eigenen kommerziellen Likör herzustellen

TB: Eigentlich gab es gleich mehrere Gründe und Ideen, die uns dazu veranlasst haben, eine eigene Marke zu kreieren. Vor allem hatten wir natürlich „Bock drauf“, einen Gin und einen Vodka zu machen, der genau so schmeckt, wie wir es uns vorstellen. Es gibt so unzählige tolle Getränke, aber es ist doch schon sehr spannend, eine eigene Spirituose zu entwerfen. Wir hatten Glück, mit den Herren Schroff und Stahl befreundet zu sein, die es uns ermöglicht haben, viel mit Ihnen gemeinsam auszuprobieren. Die „Preussische Spirituosen Manufaktur“ in Berlin ist dafür natürlich die perfekte Spielwiese. Und mit Herrn Schroff und dem Professor sind wir da auch in besten Händen gelandet.

 

2 – Warum gerade dieses Getränk?

PK: Gin und R(h)um stellen den Spirituosenfokus der Bar Lebensstern dar! Alleine in diesem Bereich arbeiten wir mit mehr als 900 verschiedenen Produkten. Die Produkte “Lebensstern” sollten stets eine Eigenständigkeit besitzen und in ihrer Nische über ihre Qualität Profil zeigen und überzeugen. Wir können uns rückblickend über die Jahre immer mehr an internationalem Publikum erfreuen, das die Produkte in den jeweils eigenen Ländern kennengelernt hat.

DB: Nun, wie so oft, liegt der Grund im nahen Umfeld: Der Vater von Jens Albersmann ist tatsächlich Honigtherapeut -  und ich bin ohnehin begeisterter Honig-Anwender im Cocktailbereich. Er fragte mich nach einem originellen Likörrezept. Und diese Frage passte zu  meinem Wunsch nach einem originellen Honiglikör. So ergänzte sich das Eine mit dem Anderen.

TB: Nun, derzeit bieten wir Gin, Vodka und Elderflower. Gin und Vodka sind mit die wichtigsten Spirituosen an der Bar und außerdem schmeckt uns das „Zeug“ auch ganz gut. Da fiel uns die Entscheidung zur Produktwahl nicht schwer. Wir hatten von Beginn an den Gedanken, auch ein paar Liköre zu produzieren. Elderflower war der erste Schritt in diese Richtung, da wir an den Bars relativ viel damit arbeiten.

 

3 – Welche Faktoren  zur Entscheidungsfindung waren aus betriebswirtschaftlicher Sicht wichtig?

PK: Der entscheidende Faktor war hier die Wahrnehmung. Kurz nach unserem Markteinstieg konnten wir zum Beispiel auch schon das Schloss Bellevue (Amtssitz des Bundespräsidenten) in Berlin mit unseren Gin beliefern, welcher sogleich bei internationalen Empfängen ausgeschenkt und damit einer diversifizierten Öffentlichkeit kommuniziert wurde. Und natürlich ist dies für eine kleine Marke aus der Kurfürstenstrasse in Berlin ein beachtlicher Erfolg.

DB: Nun, da der ursprüngliche Gedanke, gleich ein High Level – Produkt auf den Markt zu bringen, für uns vorerst unerschwinglich war, haben wir uns zunächst auf ein ebenfalls hochwertiges “Partyprodukt” geeinigt. Die gute Vorweihnachtszeit hat uns da sehr bestätigt!

Bald steht auch die Schützenfestsaison an. Unser heiteres Etikett ist daher auch bewusst kindlich gewählt, um das „Kind im Erwachsenen“ anzusprechen.

TB: Also, da wir zunächst mit dem Gedanken gestartet sind, unsere eigenen Läden auszustatten, sind wir da weder mit großen Erwartungen noch mit großen Mengen reingegangen. Daher war uns der betriebswirtschaftliche Aspekt primär nicht so sehr wichtig.

 

4 – Wie kalkulierten Sie den gesamten Produktionsablauf und wie finanzierten Sie diesen?

PK:  Der Kalkulation liegt zugrunde, einen höchstmöglichen Qualitätsstandard zu einem attraktiven Preis zu bieten. Dies sollte die Absatzchancen wahren und das internationale Geschäft beleben. Finanziert wurde dies mit dem in Mitteleuropa gängigem Zahlungsmittel, dem Euro.

DB: Learning by Doing: Viele wichtige Arbeitsutensilien zur Herstellung habe ich mir im Laufe der Jahre bereits angeschafft. Plötzlich standen da 40 kg feinster Honig in meinem “Labor” und wir besorgten uns von unserem dreistelligen Taschengeld Alkohol, Flaschen und Etiketten – einfach mal mit Freude und Finesse ins Blaue hinein. Selbstverständlich wurde mitgerechnet, aufgerechnet, und auch mal verrechnet.´Die richtige Marge blieb jedoch in weiter Zukunft unser Programmziel. In erster Linie aber ging es uns bis dato um ein leckeres „Tröpfchen“.

TB: Wir wussten von Anfang an, mit wie viel Absatz wir mindestens rechnen können: So mussten wir aus dieser Sicht auch nicht so viel für die öffentliche Wahrnehmung in die Hand nehmen. Je höher die Nachfrage ist, umso mehr wird also produziert. Der Stoff ist praktisch wie ein Maybach, er wird auf Anfrage bedarfsgerecht produziert.

 

Bildquelle: aboutpixel.de / Bunte Reagenzgläser 2 © Carsten Jünger

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