John Dos Passos porträtiert das 20. Jahrhundert.

Porträts 8.7.2013

John Dos Passos war ein passionierter, ein rauschhafter Beobachter seiner Zeit. Die Poserei und des exzessive Trinken überließ der seinen schreibenden Zeigenossen und seinen wichtigsten Begleitern – seinen Romanfiguren. Mit Manhattan Transfer hat er ein herausragendes Porträt des 20. Jahrhunderts geschrieben. Eine zerrissene Gesellschaft, die dringend einen Drink brauchte, wurde in diesem Buch auf eine abenteuerliche Durchreise geschickt.

Rübenwein. Es gehört Power dazu, die eigene Quasi-Autobiografie mit diesem Wort praktisch anzufangen. Wenn schon besser nicht die Flüssigkeit, sollte man sich wenigstens das Wort auf der Zunge zergehen lassen: Rübenwein. Weil Prohibition war, und „Moskowitz“ auf der Lower East Side gerade nichts anderes da hatte. Mit diesem Szenario beginnt John Dos Passos seine Sammlung Die Schönen Zeiten. Kein Champagner, kein Whiskey, nicht mal schwarzgebrautes Bier.

1896 geboren und im samtig verklärenden Bett des dekadenten Ostküstengeldadels aufgewachsen, führt Dos Passos erst das typische Leben des US-Jünglings mit dem silbernen Löffel: Er unternimmt Reisen durch Europa, es folgt – natürlich – Harvard. Doch die Zeit krempelt den jungen Mann gewaltig um: Er wird Krankenwagenfahrer im ersten Weltkrieg. Statt weiter Kirchen und Museen zu besichtigen, fährt er plötzlich zerrissen-verkohlte, gerade noch schreiende Menschenreste durch die verbrannte europäische Landschaft. Dass man da mal einen trinken muss, versteht sich von selbst. Als er aus dem Krieg nach Hause kommt, ist aus dem jungen John ein Verächter des Militärs und ein glühender Sozialist geworden. 1921 knallt er den im Siegestaumel allmählich zu einer militärischen Supermacht wachsenden USA den ersten amerikanischen Antikriegsroman vor den Latz: Drei Soldaten. Ein amerikanisches Im Westen nichts neues.

Es ist bezeichnend, dass dieser Mann aus reichem Hause, dem jeder Standesdünkel fehlte, sich nicht in eine Reihe mit den zweifellos großen, ihn aber immer wieder zu Unrecht überragenden Zeitgenossen Hemingway, Fitzgerald und Faulkner stellt. Im gleichen Text wie oben fragt er lakonisch: „Wie sollte sich ein Schriftsteller denn benehmen?“ Keine dandyhafte Inszenierung wie bei Francis und Zelda, kein angeberisches Gepose wie bei Hemingway.

Eine Gesellschaft, die einen Drink braucht

Mancher, der mit seiner Vita vertraut ist, fragt sich aus gutem Grund: Was macht der hier? Und es stimmt, zumindest oberflächlich. Genausowenig, wie ihm der gleiche Ruhm zuteil wurde wie den anderen, wird nirgendwo kolportiert, dass er Hemingway am Tresen hätte Paroli bieten können. Trotzdem: Wer sogar Rübenwein trinkt, der hat einen Drink wahrlich nötig. Aber den Rausch, das große, das kaputtkomatöse Saufen, das seine Zeitgenossen so eifrig veranstaltet und zelebriert haben, hat Dos Passos immer Anderen, Wichtigeren überlassen: seinen Figuren.

Das Land, allem voran das New York, das Dos Passos nach dem Krieg und mit geschärftem Blick wiederfindet, ist nicht mehr das Selbe wie vor dem Krieg. Plötzlich nimmt er seine Umwelt ohne die entstellende Brille wahr, die ihm die Familie mit auf den Weg gegeben hat, fernab von Landsitzen in Baltimore und den Hamptons. Er sieht eine Gesellschaft, die keine ist, er sieht Zerklüftung, Neid, Ausbeutung und überkommene Strukturen. Er sieht Verarmung, Reichtum und Kriegsnachwehen, Depression und trotzdem bunte, immer lautere Werbung. Er sieht eine Gesellschaft, die einen Drink braucht. 1925 porträtiert er sie schonungslos und härter als Fitzgerald oder Eliot es je gekonnt hätten: Manhattan Transfer ist sein großer Wurf, sein Programm, vielleicht sein Werther, der ihn berühmt macht. Ende der Dreißiger legt er nach mit seinem Faust, mit der Trilogie U.S.A. Er zeigt den Amerikanern, wo sie sind, in Bruchstücken, in Textfetzen, Zeitungsschnipseln, im dunkelkomischen Dialekt des zahnlosen Greisen und teilweise buchstäblich ohne Punkt und Komma malt er rastlos die Verlogenheit, die Erbärmlichkeit, die Armut und die fehlende Zeit, die alle zusammen in einem großen resignierten Suff enden. Denn so alleine, wie jeder Einzelne in diesen Romanen ist, werden alle Figuren durch dies geeint: Sie saufen wie die Löcher. Alle. Der Rausch als Therapie gegen das Scheuklappenleben im Pursuit-of-Happiness wird zum großen Motiv. Arm und Reich, ob Champagner oder Fusel, alle brauchen Drinks, Drinks, Drinks. Der Industrielle, die Witwe, die Nutte, arme Journalisten, die erst schillernde und später immer tragischere Tänzerin, der verhärmte Hillbilly, der in der Stadt sein Glück gesucht hat und dann von einer Brücke in den East River fällt. Das Amerika in John Dos Passos’ Büchern wird überspült von Whiskey und Rum, von Gin Fizzes, Bier, Manhattans, von Schnaps aus braunen Papiertütenflaschen, und am Ende, wenn alle schon mit Filmriss auf dem Boden oder sogar sechs Fuß darunter liegen, mixt der japanische Butler in Die Hochfinanz noch Old Fashioneds. Dass das zeitliche Zentrum dieser Texte sich meistens zwischen 1919 und 1933, also während der Prohibition findet, spricht Bände über die Realitätsferne und die Hypokrisis dieser Institution, weil keiner sie ernst nimmt. Denn wer ständig einen Kater hat, der säuft am besten weiter.

Rausch des Beobachtens

John Dos Passos ist sicher keine Trinkerlegende, kein Cocktail hat seinen Namen bekommen. Aber er wusste, wie man’s macht: Der Champagner muss „bien frappé“ kommen, der Gin Fizz nur mit wenig Soda, und der Old Fashioned wird lange gerührt. Schließlich war dieser Mann nicht nur der Diagnostiker dieser kranken Gesellschaft, er war auch ein Teil von ihr. Dass sein Schaffen nach dem zweiten Weltkrieg an Qualität stark abgenommen hat, mag viele Gründe haben. Vielleicht hatte er das wichtigste gesagt. Oder es war die Einsicht, dass der reale Sozialismus auf der anderen Seite der Erde auch nur als Vorwand für Terror diente.

Sein eigentlicher Rausch scheint der des Beobachtens gewesen zu sein. Aber dadurch brauchte er eben doch den einen oder anderen Drink. Sogar dann, wenn es nur noch Rübenwein gab.

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