Ricardo Albrecht. Der Menschenfeind.

Porträts 26.11.2012

So wie der Idealist und »Menschenfeind« aus Molieres gleichnamiger Komödie, lehnt auch Ricardo Albrecht heuchlerische Kompromisse ab. Er konzentriert sich auf das Wesentliche, hält sich eher im Hintergrund und überlässt anderen die Bühne. Seit Jahren werkelt er still und erfolgreich an der Verbreitung der klassischen Barkultur. Mit seiner ersten Bar, dem nach einer Gaunerorganisation benannten Immertreu, ist ihm gleich ein Wurf gelungen.


Strahlen: ja. Prahlen: nein. Es gibt Sterne, die funkeln in einer lauschigen Ecke des Cocktailuniversums ganz bescheiden vor sich hin. So wie Ricardo Albrecht. Untypisch für einen Bartender, dessen erste eigene Bar von der »Times« unter die besten 50 ihrer Art gewählt wurde.

Der gebürtige Potsdamer kommt zum Nachmittagsinterview mit Mixology direkt aus dem Immertreu, wo er an sechs Tagen in der Woche hinter dem Tresen steht und sein Know-how in flüssige Kostbarkeiten verwandelt. Seit der Eröffnung im Oktober 2011 sind freie Minuten rar geworden. »Ich bin nur noch auf den Beinen. Mit nächtlichem Cocktailmixen ist mein Job noch lange nicht getan. Tagsüber erledige ich Papierkram, organisiere, kaufe ein, was eben so anfällt. Und um 20 Uhr machen wir schon wieder auf.« Albrecht hatte bereits eine ganze Weile die passende Berliner Location für eine eigene Bar gesucht, als ihm durch den Wink eines Freundes die ehemalige Fluido Bar im Viertel Prenzlauer Berg in die Hände fiel. Hier stimmte alles – von der Location über das Interieur bis hin zum Bauchgefühl. Schnell waren der Kaufvertrag unterzeichnet, der Tresen abgestaubt und die ersten Gäste da. Seitdem hagelt es von allen Seiten Kritik der guten Sorte.

Den Gastrovirus hat Albrecht sprichwörtlich mit der Muttermilch aufgesogen. Seine Lehrund Wanderjahre begannen in der elterlichen Pension, wo er auch schon mal die Zimmer fegte. So war der Schritt in die Hotelfachschule – nach kurzen Praktika in Banken, Wirtschaftsabitur und angefangenem VWL-Studium – kein großer. Im Maritim Hotel am Schwarzwälder Titisee erhielt Albrecht sein Grundbesteck. Schon während der Lehre stand er dort fast ausschließlich hinter der Bar, blickte auf den schönen Feldberg und rückte nach der Ausbildung direkt in die Stelle des Barchefs auf. Albrecht schnippelte Zesten im Bremer Parkhotel, wienerte den Tresen der Harry’s New York Bar im Kölner InterContinental und schwang den Shaker neben seinem Mentor Attila Kiziltas im renommierten Shepheard. Schließlich bereicherte Albrecht die Berliner Bar Lebensstern, wo er nahtlos bis zur Eröffnung seines eigenen Ladens am Tresen stand.

Kein Wunder, dass dem 35-Jährigen für echten Ausgleich neben dem Job schlichtweg die Zeit fehlt. Freizeit, Urlaub und Sport: Fehlanzeige. »Das Fitnesscenter bucht ab«, lakonisiert Albrecht. »Und das ist alles, was ich dazu sagen kann.«

Was zur Höllewill man beispielsweise mit Gurkensirup?

Mittlerweile beschäftigt Ricardo Albrecht einen festen Mitarbeiter und eine Handvoll Freunde, auf die er je nach Andrang gern zurückgreift. »Im Immertreu werden meine Gäste nur von Leuten bedient, mit denen ich schon vorher zusammengearbeitet habe. Knowledge, Umsetzung und Engagement sind Voraussetzung. Bei mir gibt es keine Servicekräfte, sondern nur Leute, die wissen, was sie tun. Mein Team kann kompetent beraten, kennt das gesamte Rückbuffet und findet einen guten Zugang zum Gast. Was gerade in meiner Bar wichtig ist, denn selbst bin ich kein besonders guter Gastgeber. « Dagegen sprechen zwar Albrechts ausgesprochene Freundlichkeit und die Tatsache, dass bei jedem Griff zur Zigarettenschachtel wie von Zauberhand sofort ein brennendes Streichholz erscheint, doch er winkt ab: »Gewohnheit. Kriegst Du nicht weg. Wenn ich mit Leuten unterwegs bin und jemand braucht Feuer, tastet meine Hand ganz automatisch nach dem Feuerzeug, das ich – seit Jahren Nichtraucher – privat gar nicht dabei habe.«

Busserln, Smalltalken, Sprüche- und Schulterklopfen liegen dem zurückhaltenden Bartender gar nicht. Sein Gast ist zwar König, aber nicht zwangsläufig Kumpel. Albrecht vertieft sich lieber in Shaker und Zitruspresse als in Gespräche und taut noch langsamer auf als seine sorgfältig geschnitzten Eiskugeln. »Ein Kollege sagte mir mal sehr treffend, ich sei kein Menschenfreund. Mir liegt dieses Herzliche nicht so. Ich habe mich schon immer lieber im Hintergrund gehalten. « Auch dem Hype um seine Bar kann Ricardo Albrecht nicht viel abgewinnen. »Das ist alles Quatsch. Natürlich ist das Immertreu sehr gut – das ist auch mein Anspruch – aber noch weit entfernt von der Weltspitze. Was im Übrigen auch gar nicht mein Ziel ist.« Nominierungen, Auszeichnungen und Bartenderwettbewerbe interessieren ihn genauso wenig bis gar nicht. Nach ein paar gewonnenen Preisen, die er mit kurzen Nebensätzen abtut, macht der inzwischen etablierte Bartender gern Platz für aufstrebende Talente, die ihr curriculum vitae noch mit der ein oder anderen Prämierung garnieren möchten. »Wozu brauche ich noch eine Auszeichnung? Meinen Traum von der eigenen Bar habe ich wahr gemacht. Da muss ich nicht noch von einem Wettbewerb zum nächsten rennen.«

Zu seinen Vorbildern zählt Ricardo Albrecht neben Attila Kiziltas den Bartitanen Peter Kallweit sowie Barkeeper des Jahres 2004 Mirko Gardelliano und Hercules Tsibis, der den klassischen Münchener Martini Club leitet. Mit seinen Mentoren verbindet Albrecht die Vorliebe für klassische Drinks, die sich sowohl in der Karte als auch im Interieur des Immertreu dezent niederschlägt. Neuen Produkten auf dem Spirituosenmarkt steht der Potsdamer, der persönlich gern nach einem derben Rye Whiskey oder einem gut gemixten Sazerac greift, dagegen skeptisch gegenüber: »Es ist unglaublich, wie viel Unsinn produziert wird. Was zur Hölle will man beispielsweise mit Gurkensirup? Man sollte doch meinen, jeder Mensch hätte ein gewisses Qualitätsempfinden. Auch solchen Schabernack wie das Herumspielen mit 85 neuen Zutaten brauche ich nicht. Im Gegenteil. Ich fahre gern die klare Linie. Mit klassischen Produkten lassen sich durchaus hervorragende Cocktails mixen.«

Immer getreu dem Motto »It’s all about putting smiles on people’s faces«, das seine simpel gehaltene Website überschreibt, will Ricardo Albrecht auch in Zukunft seine cocktailaffinen Gäste schlicht mit galaktisch guten Drinks überzeugen, für geschmackvolle Sternstunden sorgen und ungestört hinter ein paar Schleierwolken am Barhimmel vor sich hin shaken. »Es geht doch gar nicht um uns Bartender. Die eigentlichen Stars sind unsere Bars!«

 

Dieser Artikel erschien erstmals in MIXOLOGY Issue 4/2012. Das Printmagazin MIXOLOGY erscheint alle zwei Monate. Informationen zum Abonnement finden Sie hier auf MIXOLOGY ONLINE.)


Bild: 103prozent / Birte Filmer

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