Agavenfeld

Gruß aus Mexiko. Über echte Liebe zu seinen regionalen Produkten.

Reportage 19.2.2012

Im Herzen der Tequila-Produktion erlebt unser Autor Steffen Hubert was es bedeutet, wenn ein Volk ein Produkt lebt. Dafür reichten ihm aber weder der Besuch eines Agavenfeldes und seine angeblich dilettantischen Versuche als agavenstechender Jimador noch eine stundenlange Destilleriebesichtigung. Auch keine umfassende Verköstigung lies den Groschen fallen. Es war der Carneval, der die wahre Tequilaliebe offenbarte.

Es ist angeblich der kälteste Monat im Jahr. Die Sonne knallt trotzdem auf die 20.000 Seelenstadt Amatitán. Bunte Flachbauten reihen sich aneinander und im Herzen ragt eine gepflegte Kirche empor. Dahinter ein imposanter Bergkamm. Am Eingangstor des Zentrums der Gläubigen eine Informationstafel. An Gott gerichtet und betitelt mit „Ich danke für Deinen Tequila und Deine Landschaft“. Amatitán ist von der südwestlich von Mexiko City gelegenen Millionenstadt Guadalajara innerhalb 30 Minuten mit dem Auto erreichbar. Oder man nimmt den Tequila Express Bus. Direkt zu den hier gelegenen Agavendestillerien. Nicht irgendwelche Destillerien. Hier ist „Tequila Cuervo La Rojeña“ und „La Hacienda de San José del Refugio“ beheimatet. Mit José Cuervo zum einen und El Jimador und Herradura zum anderen, wahrlich der Angelpunkt der Tequilaproduktion.

Carneval de Tequila

Und im Augenblick ist der Höhepunkt des mexikanischen Carnevals. Die Stadt ist in Bewegung. Gleich startet der große Umzug. An den Straßenrändern sind kleine Stände aufgebaut. Es gibt regionales Essen und natürlich Tequila. Sonst darf in Mexiko auf den Straßen nicht getrunken werden, doch heute schaut die überall präsente, schwer bewaffnete Polizei weg. Kinder mit Cowboystiefeln säumen die Straße, es wird Ramsch verkauft, Mädchen erhaschen Aufmerksamkeit indem Sie sich mit Schaum aus Dosen bespritzen und Reiter in traditioneller Kluft klappern hin und her. Um 16 Uhr soll es losgehen, eine halbe Stunde später scheinen die Wege langsam gefüllt und wieder eine halbe Stunde später dröhnt näher kommende Trommelmusik durch die Hauptstraße. Es geht nun wirklich los und es bleibt lediglich die Frage, wo die Unmengen an Zuschauern so schnell herkamen.

Nach dem eröffnenden Spielmannszug passiert der lokale Mustang Club die Wegelagerer. Obenauf sitzen gekrönte Mädels. Die fahrenden Jungs lassen die Motoren heulen. Danach geht es Schlag auf Schlag. Kurz zusammengefasst: Autos, Musik, Tequila, Pferde und Frauen. Von den kleinen, oftmals von Destillerien gesponserten Wägen wird Tequila gereicht. Direkt aus der Flasche in den Hals, Tequila-Drinks in Plastikbechern oder Probefläschchen stehen auf dem Programm. Die Menge frohlockt und trinkt. Carnevalstrommelei knallt von Pritschenwägen in die Zuschauer. Dann Trompeten, Posaunen und Klarinetten. Keiner bleibt ruhig. Selbst die Pferde werden, teilweise etwas rüde, zum Tanzen gezwungen.

Spirituosen und Heimat

Ein Spektakel, indem die Heimatliebe den Takt angibt. Authentisch als mexikanische Cowboys gekleidet und hoch zu Ross lassen selbst die ehrwürdigen Ältesten keine Chance aus, noch einen Schluck vom Agavenbrand zu sich zu nehmen. Eine der Bands ist in Herradura Polo Shirts gekleidet und die Nächste nennt sich gleich „Sangua Agavera“, das Blut der Agave. Der Spruch an der Kirchenmauer kommt zurück ins Gedächtnis und erscheint einem im neuen Licht. Die eigenen Versuche früher am Tag eine Agave zu stechen waren  dagegeb lächerlich. Im Kopf hängt aber die erlebte, atemberaubende Hochlandkulisse unter der brennenden Mittagssone des mexikanischen Winters, an der die Felder der blauen Weberagave sich über Täler und Hänge bis an den Horizont ziehen.

Es macht alles Sinn. Auch die Aussagen des José Contez. Seines Zeichens in der Casa Herradura „Boss“ für die touristischen Belange. Der in krokodilledernen Cowboystiefeln, Jack Daniels T-Shirt und Levis Jeans gekleidete, unter seinem großen Hut zumeist freudig lächelnde Mexikaner, schwärmte bei der kurz zuvor stattgefundenen Verkostung von der Verbundenheit der Bevölkerung zu Tequila und der Heimat. Sein Vater stach als Jimador Agaven und dessen Vater auch schon. So gehe es vielen in Amatitán und so solle es noch vielen weiteren Generationen gehen. Wer den Carneval gesehen hat, zweifelt daran nicht. Die Stadt liebt ihre Produkte und sie stehen dazu.

Verdammt! Wann wird Deutschland sich lockermachen und so begeistert mit seinen Schätzen auftreten?

 

(Offenlegung: Der Getränkekonzern Brown-Forman übernimmt im Rahmen des Aufenthaltes in Mexiko teilweise Reise- und Unterkunftskosten für MIXOLOGY ONLINE. Es besteht jedoch kein vertraglicher Zwang, über bestimmte Thematiken zu schreiben. Insbesondere wird nicht die Zeit des vor Ort befindlichen Autors Steffen Hubert bezahlt. Der Autor ist nicht verpflichtet, über Themen aus einem gewissen Blickwinkel im Sinne des Getränkekonzerns zu berichten und wählt seine Artikelthemen frei.)

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