Bosforo Mexiko

Phänomen Mezcaleria. So schaut es in Wirklichkeit aus.

Reportage 5.3.2012 1 Kommentar

Es ist die letzte Station unseres Autors Steffen Hubert in Mexiko City. Aber wie hätte er die Stadt verlassen können, ohne eine echte Mezcaleria aufzusuchen. In dem im Stadtkern gelegenen Bósforo werden seine Träume wahr. Er sitzt an einem Tresen, um sich von einem Kenner in die Weiten des Agavenbrandes tragen zu lassen.

Dieses zerfahrene Mexiko. Wer mitteleuropäische Maßstäbe anlegt, wird hier scheitern. So sollte es im Bósforo auch Pulque geben. Nur derzeit kann die Mezcaleria im Herzen von Mexiko City das traditionelle Nationalgetränk leider nicht bieten. Der Zulieferer meldet sich nicht mehr. Das hängt damit zusammen, dass dieser ein Paracaidista, zu Deutsch ein Fallschirmspringer ist. Nein, er ist nicht vom Himmel gefallen, vielmehr werden in Mexiko auch Landbesetzer Paracaidista genannt.

Der vertrieben Paracaidista

Der einstige Zulieferer hat sich also irgendwo in der Pampa ein Stück Land geschnappt, um dort ein paar Agaven für Pulque anzuzapfen. Wenn der Paracaidista sich nun nicht mehr meldet, wurde er kürzlich vertrieben und versucht nun auf einem neuen Stück Erde zu landen. Kurz: Dann gibt es eben vorerst keine Pulque. Im Bósforo kann man aber auch sehr gut ohne den vergorenen Agaventrunk.

Hinter einem Steintresen, der von oben mit leichtem grünen Licht und vom Ende der Theke mit einer kleinen roten Stehlampe sehr zurückhaltend beleuchtet wird, steht der etwas verträumt wirkende Inhaber Arturo Dozal. Er schenkt mit seinen kecken Mitarbeiterinnen munter diverse Mezcals aus und klärt die interessiert lauschenden Gäste über Agavenart, Herkunft, Herstellung und weitere Details auf. Der Raum ist schmal und sehr hoch, es gibt eine kleinen Empore. Es war angeblich mal eine Hauseinfahrt. Neben der Tresenbeleuchtung bestimmt Kerzenschein die schummrige Stimmung. Die Türen sind weit geöffnet. Nur ein schwerer, alter Vorhang trennt die Mezcalschlürfenden, von der Straße in die Megacity.

Die Mezcal-Loge

Der Inhaber wirkt wie ein zerstreuter Künstler. Selbst offenbar schon ordentlich betrunken, zaubert er immer wieder neue Mezcalvarianten aus seinem Hut. Darunter auch ein Mezcal Puntas. Eine derzeit von der mexikanischen Jugend geliebte Variante, die er aber geschmacklich nicht empfehlen möchte. Es ist ein hochprozentiger Vorlauf der zweiten Destillation und löst wahrlich keine sensorischen Versprechen ein. Seine anderen Darbietungen sind dagegen perfekt. Hin und wieder verschwindet er und kommt dann fahriger, dafür noch quirliger zurück. Dazwischen packt ihn der Rhytmus und er schraubt an den Plattentellern, um urbane Beats von hervorragender Qualität aufzulegen.

Aus allen Himmelsrichtungen trägt er seine Agavenbrände zusammen und seine Gäste schätzen dies. Stets mit Bierchen und Mezcal bewaffnet, lauschen Sie den Worten des Agavenbrand-Bringers. Flaschen werden an der Theke entlang gegeben, und wenn einem etwas Neues empfohlen wird, scheint der halbe Laden zu lauschen. Es hat nahezu etwas Verschworenes. Und ja, die Flaschen. Verrücktes Mexiko, da ist nichteinmal immer drin, was draufsteht. Denn der Inhaber zieht ja auch, wenn er Zeit findet, mit ein paar leeren Pullen durch die Landschaft und lässt sich was abfüllen. Faszinierendes und stets funktionierendes Chaos. So schaut also eine echte Mezcaleria in Mexiko aus.

 

Weitere Informationen: facebook.com

Foto: Annika Boerm

Ein Kommentar

  1. SKOERPER

    “…Er schenkt mit seinen kecken Mitarbeiterinnen munter diverse Mezcals aus…”

    that’s it!

Hinterlasse eine Antwort