Hendrick‘s Gin. Stil-Offensive aus dem schottischen Hochland.

Von Steffen Hubert | September 6, 2011 um 09:00 | Keine Kommentar | Gin | Tags: , , ,

Die Schotten aus dem Hause William Grant & Sons Ltd. produzierten eigentlich hauptsächlich Whisky. Zumindest bis 1999 Hendrick‘s Gin das Licht der Welt erblickte. Und auch wenn heute immer noch Glenfiddich der hauseigene Platzhirsch – und Whisky damit das Hauptstandbein – des Traditionshauses ist, entwickelte sich Hendrick‘s Gin in nur 12 Jahren von einem kleinen Cornichon zu einer wettbewerbsreifen Monstergurke. Wie das? MIXOLOGY ONLINE braucht keine Lupe, um Stil an der Gurke zu entdecken.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten? Verdammt, natürlich kann man streiten. Zum Beispiel darüber, wie ein vernünftiger Gin zu schmecken hat. Denn was ist eigentlich ein vernünftiger Gin? Und schon geht es los. Wacholder müsse ein Gin natürlich haben. Am besten in rauen Mengen. So sagen die Einen. Die Nächsten legen einen Besuch bei einem Produzenten für deutschen Doppelwacholder nahe, damit die vermutlichen Gin-Traditionalisten mal echte Wacholder-Bretter abbekommen. Wer trank schon Doppelwacholder-Tonic? Manch ein Zwist kam so ins Rollen.

Der lachende Schotte

Was Hendrick‘s damit zu tun hat? Hendrick‘s polarisiert. Hendrick‘s ist der Gin auf den Mühlen dieser Diskussion. Denn Hendrick‘s ist Gin mit Gurke und Rosenaromen, ohne Wacholderkeule. Weichgespültes Zeug? Böse Zungen behaupten, Hendrick‘s ist der schottische Weg den Engländern für vergangene Missetaten den Mittelfinger zu zeigen. Seit dem Startschuss für Hendrick‘s wechseln Gin-Konsumenten weltweit zu den Schotten. Und neue Anhänger rekrutieren die Schotten mit ihrem Projekt, auch aus bis dato Gin-fernen Bevölkerungsschichten, in Massen. Es ist, als würde nun eine Horde lachender Schotten im Kilt, natürlich ohne was darunter, vor Freude an den Hängen des schottischen Hochlandes zu traditionellem Dudelsackgejaule tanzen. Und zwischendurch bewerfen sie die Engländer weiter unten mit Gurkenscheiben.

Nüchtern betrachtet mutet es wirklich so an, als ob das Haus William Grant & Sons Ltd einen absoluten Glücksgriff gemacht hat. Egal ob es einem schmeckt oder nicht, dass Hendrick‘s erfolgreich ist, kann nur schwerlich bestritten werden. Dafür gibt es neben dem streitbaren Geschmack nun schon seit geraumer Zeit etwas weiteres Markenspezifisches mit Zündstoff. Und es hat wieder mit Geschmack zu tun. In diesem Fall aber eher mit ästhetischen Reizen.

Denn Hendrick‘s bekennt gnadenlos Farbe. Für den Einen Kitsch, für die Anderen eine große Freude. Denn es gibt nicht nur kleine Teetäschen aus Porzellan mit Abbildungen von Gurken und Rosen, sogar in grazilen, hochstieligen Varianten. Riesige Töpfe für Gurken, die auch als Blumenkübel dienen könnten, Bowleschüsseln, elegante Taschenuhren, Glaskelche, Waagen für den Flaschenfüllstand, sogar versilberte, kunstvoll gravierte Gurkenhobel. Natürlich das meiste davon nicht im öffentlichen Verkauf. Man muss schon zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Zum Beispiel letztens in München, beim britischen Picnic mit dem Hendrick‘s Cucumber Cup.

Manch langweiliger Deutscher

Spiele und Gin, im Casual-Victorian-Style unter freiem Himmel standen auf dem Programm. Unter anderem waren „Zylinder-auf-Gurken-werfen“, „Hau den Lukas“, „Gurkenlauf“ und „Cricket“ geplant. Da der Sommer dieses Jahr jedoch kein Sommer sein will, fielen die eigentlichen Spiele ins Wasser und die Gäste wurden indoor mit einer Partie „Der heiße Draht“ vertröstet. Das Siegerteam des Drahtes sollte somit auch Siegerteam des Cucumber Cups werden und Preziosen gewinnen.

Angetreten waren zur Veranstaltung unterschiedliche Personengruppen. Wie so oft konnte man auch hier zwei grobe Fraktionen ausfindig machen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Die Einen, die Lust auf nette Leute, ein bisschen Spaß und Schabernack hatten und die Anderen, die nur zum Essen und Trinken, respektive Fressen und Saufen kamen. Erstere sind an solchen Veranstaltungen zumeist daran zu erkennen, dass sie die Einladung gelesen haben und sich an dem Dress-Code versuchten. Die lieblos gekleideten Zweiten, beginnen ein Gespräch stets damit, dass die ihnen vorgesetzte Spirituose, diese könnte natürlich beliebig sein, ihnen die allerliebste ist. Oder noch besser, sie trinken diese zum ersten Mal und sind aber total, absolut, superduper und sofort überzeugt. Auch bleiben Zweite natürlich nicht bis zu irgendwelchen Spielen. Man könnte sich ja lächerlich machen.

Im Zweifelsfall dreht sich alles um die Gurke

Abgesehen von einigen Umstellungsschwierigkeiten von draußen nach drinnen und der Tatsache, dass man etwas lange auf ein paar allgemeine Worte warten musste, hat Hendrick‘s in München erneut etwas bewiesen, woran es vielen anderen Spirituosen noch gewaltig mangelt: Stil. Genau, der Schreiber dieser Zeilen steht auf Schnickschnack, Krimskrams, Spielereien und Albernheiten. Geschmacklich nicht einmal unbedingt auf Hendrick‘s Gin. Denn ein Gin muss doch Wacholder … pff!

Alleine das Öffnen der Hendrick‘s Homepage ist eine Freude. Unglaublich viel Liebe zum Detail. So viel Bewegung und eben diese unüblichen Dinge für ungewöhnliche Zeiten. Eine ganze Wagenladung professioneller Wahnsinn schüttet sich auf einem aus. Solch Marketing muss geschätzt werden. Da bedauert man es schon fast, die nächsten Wochen nicht jeden Abend in Berliner und Hamburger Bars abhängen zu können. Denn dort rollt ein neuer Hendrick‘s Zug durch die Landschaft. An Bord sind ein Rosen verteilender Stelzenläufer, ein Gurkenjongleur und ein viktorianisch gekleidetes Pärchen. Bei diesen muss man nur eine Frage beantworten und wird dann schon auf einen Hendrick‘s Tonic eingeladen. Ob die Frage was mit Gurken zu tun hat?

 

// Hendrick’s Gin kaufen: Der schottische Gin ist nahezu bei jedem Spirituosenfachverkauf und in vielen Supermärkten zu erhalten. Auch online bieten sich unzählige Möglichkeiten das gurkige Produkt zu ergattern. Unter anderem bei yatego.com – Preislich liegt er zumeist zwischen 25 und 30 Euro für 0,7 l.  //

 

Produktdaten Hendrick’s Gin

Preis: ca.28€

Herkunft: Schottland

Füllmenge: 0,7 l

Hersteller: William Grant & Sons Ltd, Schottland

Internet: hendricksgin.com

Alkoholgehalt: 44%

 

(Offenlegung: Hendrick’s Gin hat den Mixology Autor Steffen Hubert zum britischen Picnic nach München eingeladen und die Anreisekosten finanziert. Ein industriell finanzierter Artikel stand in diesem Zusammenhang nicht zur Debatte und ist hier auch nicht zu finden. Die Entscheidung oblag dem Autoren, ob und wie über Hendrick’s zu berichten ist.)

 

NACHTRAG: MIXOLOGY ONLINE wurde von einem aufmerksamen Leser und Kenner Schottlands schnell darauf hingewiesen, dass Hendrick’s nicht im eigentlichen schottischen Hochland produziert wird. Die Überschrift ist damit vielleicht etwas verwirrend. Wir bitten daher zu berücksichtigen: es sollte mit dem in der Überschrift bezeichnetem Hochland keine neue Einteilung der klassischen Whisky-Regionen vorgenommen, sondern lediglich ein Blick durch die Londoner Gin Brille gen Norden geworfen werden. Eben geografisch nach oben, nach Schottland.

Der Autor

Steffen Hubert

Der Althistoriker Steffen Hubert ist freudig-suchender Forscher nach den neuesten Entwicklungen der Barkultur. Er lebt in Freiburg und arbeitet neben seinen Studien in der Hemingway Bar.

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