Damn! Amsterdam.

Stadtgeschichten 11.8.2013

Amsterdam wirkt am Wochenende wie ein trunkenes Schiff. In der Flut der Zügellosigkeit treibt die Stadt wie ein leck geschlagener Tanker den Klippen der Sinnlosigkeit entgegen. Aber es gibt wunderbare Rettungsinseln der Barkultur. MIXOLOGY-Chefredakteur Markus Orschiedt hat sie gefunden.

Die Stadt hat die Nase voll. Allerdings anders, als es sich die zahlreichen Besucher vorstellen. Vor allem die Armeen von Crackheads, süßliche Haschischschwaden vor sich hinhustende Versagerdrogenkonsumierer und Heinecken-Torkler sind im Fokus.

Ein Kulturwandel muss her, ein Imagewandel wird herbeigesehnt. Zu den schiefen Amsterdamer Häusern sollen sich wieder mehr aufrechte Qualitätsbesucher gesellen. Alte Meister statt jungen Bespaßten mit Rausch-Aphasie und Aggressionseuphorie. Amsterdam will zurück zu seinen Wurzeln. Neue Schwarzwald- und Frankentugendpflöcke sollen eingeschlagen werden. Spitze statt Breite.

Das wird natürlich nicht ganz gelingen. Dafür hat das Unterschichtamüsement bereits zu sehr den Mainstream erschwommen. Party ist schon zu stark ein Synonym für hirnerweichtes Breitsein – und Amsterdam ist eine Hochburg der High-sein-Society in Europa. Und dennoch: Mit viel Aufwand wurden in den letzten Jahren die Museen renoviert. Das Van-Gogh-Museum und das Rijksmuseum verschlangen rund Hunderte Millionen. Hier will man wieder neue Akzente setzen.

Bereits im Hotel wird die Richtung angezeigt. Überall große Schilder mit dem Hinweis, dass es bei Geldstrafe, Anzeige und Rauswurf verboten ist, auf den Zimmern zu rauchen. Dies gilt aber nur für Zigaretten. Über alle vier Etagen schwebt, wie eine Tarnkappendrohne, der süßliche Duft afghanischer Bewusstseinsvernebelung.

Die Stadt der Untergeher

Vor dem Eingang drängeln sich canon- und nikonbewehrte Stauntouristen, augengerötete „Ich-bin-dann-mal-stoned“-Jungstumpfe und mies-finstere Daranverdiener. Der Hotelbesitzer – ein chinesischer Ur-Amsterdamer – erklärt auch gleich, worum es geht.

Hier in dieser Stadt kann man gar nicht untergehen. Es ist die Stadt der Untergeher. Jeder unterläuft die Normen, die Gebäude versinken, die Freiheiten werden unterminiert, die Moral ist nur noch eine ferne Kategorie, das Unterste ist das Oberste und wenn die Polkappen schmelzen, sei man wieder obenauf – nämlich als moderne Arche Noah, die all diese Moderne mit ihren schaurigen Charakteren in eine Welt hinüberrettet, wie sie sich Breughel nur im Fegefeuer seiner schlimmsten Fantasien ausgemalt hat.

Nämlich das Paradies des Drecks, umgeben von einer Gischt der gespenstischen, seelenlosen Libertinage. Einer Gonzowelt. Dagegen helfe kein Damm mehr, schon gar kein Amsterdam.

Dem Apokalyptiker zum Trotz wagen wir uns in die Nacht. Apokalypse bedeutet Enthüllung, Offenbarung. Amsterdam nackt, wild und ursprünglich. Mythenbefreit. Komm her, du Ding. Du Streichelwiese des Hedonismus. Leg mich flach, nimm mich mit der pornografischen Wucht einer Pusteblume. Mut gefasst. Rein in die von Grachten gefesselte Sünde. Bars und rauschende Trunkenheit, zeigt euch. Sazeracgestöber. Genussadventisten- und Vesperzeit.

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