Keine tote Hose. Düsseldorf bei Nacht.

Stadtgeschichten 30.8.2012 4 comments

Ja, ja – Düsseldorf. Welches Dorf? Gerade hat hier ein politisches Erdbeben stattgefunden. Die Stadt war auch mal das Epizentrum der deutschen Musikszene. Der Punk, Kraftwerk als Geburtshelfer des Technos, die moderne Kunst. Heinrich Heine. Wenn man an moderne Bars denkt, kommt einem am Rhein eher Köln in den Sinn. Das weckt die Neugierde. Wie nun fühlt sich Düsseldorf an bei Nacht? Was gibt es zu entdecken? Wie arbeiten die Bars? Die anfängliche Skepsis schlug bald um. In Verzweiflung oder Verzückung? Lassen Sie sich mitnehmen auf einen gustatorischen Nighttrip.

Blond. Düsseldorf ist blond. Jedenfalls dann, wenn es keine Japaner sind, die hier ihre größte deutsche Kolonie haben. Die Models in den Schaufenstern sind blond, die Damen auf den Straßen und in den Bars sind blond. Campino, der Sänger der Toten Hosen, ist blond. Die Nerze und Zobel sowieso. Nur das Altbier, das ist dunkel. Warum in aller Welt amüsiert sich alle Welt über Düsseldorf? Natürlich, der Name animiert zu Wortspielen. Die sollen hier nicht gegeben werden. Kann man sich in dieser Stadt auch amüsieren, sind Lustbarkeiten zu erwarten? Ist da mehr jenseits der Klischees? Immerhin kommen aus dieser Stadt Legenden. Heine, Kraftwerk, Beuys, Lüpertz, Stockhausen, Klaus Allofs, Lagerfeld, Ratinger Hof … und viele mehr.

Die Kölner nennen Düsseldorf überheblich ihren schönsten Stadtteil. Sie haben es nie verwunden, dass dort der Landtag steht und von hier die Geschicke von Nordrhein-Westfalen gelenkt werden. Und dass sie nun auch noch hinnehmen müssen, dass Fortuna Düsseldorf in der Fußball Bundesliga spielt und der 1. FC Köln durch die Zweitligaprovinz tingeln muss.

Gleich unweit des Bahnhofes wird gelungert und gelümmelt, gesammelt und geschnorrt. Hier die Mühsamen und Beladenen im Kampf ums Überleben, dort die Streiter für das Gute und die hohe Moral. Ein versprengter und zerfledderter Haufen Occupy-Aktivisten bittet um Brot und Rotwein. Das ist doch mal ein Einstieg in die Claudia-Schiffer-Stadt. Apropos: Wo findet man die Modemenschen, Kleiderständer? Also weiter zur Kö. Königsallee. Grotesk. Man fühlt sich wie auf Safari. Lauter tote wilde Tiere schmücken Menschen. Es sind aber keine Häuptlinge. Da gibt es keine Scham, kein Halten. Es riecht nach Fell und Aas. Die Geier kreisen über der Savanne der Eitelkeiten.

Nur ein paar rettende Meter weiter ist Zeit zum Durchatmen. Im Hofgarten findet sich eine Oase der Ruhe. Penner, Renner, Hunde, Familien. Hier wurde auch mal ein Turnplatz von Turnvater Jahn errichtet. Kunst hinter Glas, Baumerklärungspfade, Stille. Jenseits dieser spaziert man vorbei an der Tonhalle und hat es nicht mehr weit bis zur Rheinbrücke. Scheiß auf die Stille. Zurück ins Leben, zu einer anderen Legende. In der Ratinger Straße lärmt eine weitere Institution. Auch das ein Felltier. Das Füchschen ist eine alteingesessene Brauerei und mittlerweile eine urige Kneipeninstitution neben der ehemaligen Punkhöhle Ratinger Hof. Wahrscheinlich das beste Altbier der Stadt. Es ist später Nachmittag. Opulente rheinische Küche, Bier bis zum Abwinken. Es ist Wahlkampf. Vor dem Füchschen ein betrunkener Männerpulk. Wahlkampf-Armada der FDP. Die saufen sich gerade mit zwei Promille ihre Partei über die fünf Prozent schön. Darüber hinaus wird hier noch das Leben gefeiert wie in alten Zeiten. Ab dem frühen Abend ist kein Platz mehr zu bekommen. Eine bunte Mischung jeder Couleur zeichnet hier die Gästeschar. Die Kellner sind trotz der Hektik bester Laune und arbeiten zotig die Bestellfluten ab.

Auftakt nach Maß

In der Dämmerung fällt dann die Entscheidung, dem Rat der Einheimischen zu folgen und den »Längsten Tresen Deutschlands«, nämlich die Altstadt am Wochenende, zu meiden. Beim Flanieren über die Breite Straße Richtung Landtag und Medienhafen kreuzt man sie, die Menschen, die an dieser ballermannähnlichen Bespaßung Freude finden. Sauflokale um des Saufens willen. Uniformes Gruppengrölen, blödsinniges Pulkgeschlucke, kollektive Resthirnzellenverdrängung. Doch bald hat man sich durchgekämpft, und es wird wieder ruhiger. Am Horizont erscheint ein kleiner Park. Ein kleiner See, genannt Kaiserteich, dessen nördliches Ende den poetischen Namen Schwanenspiegel führt. In dieses Idyll schmiegt sich die Bar am Kaiserteich. Seit vier Monaten wird sie unter neuer Bewirtschaftung betrieben. Hier gibt man sich einfallsreich und verspielt. Die Terrasse ist bei den ersten schüchternen Sonnenstrahlen schon besetzt.

Im Innern ist der hohe Raum – eine Mischung aus Restaurant und Bar – geschmückt mit einer Art Seifenblasendeko an den Wänden. An der Decke eine ausgefallene Lichtkomposition aus beleuchteten grünen, blauen und gelblichen Blättern, die an die Wasserpflanzen im Teich erinnern. Hohe schwarze Lederbänke mit Sesseln. Auf den Tischen stehen Fläschchen mit aromatisierten Ölen und Pipette zur vorsichtigen Verabreichung. Nüßchen werden in braunen Papiertütchen gereicht. Gekonnte Originalität, wenn man sie für sich selbst zulässt. Die Karte ist klein gehalten, aber auf Nachfrage bleibt kaum ein Wunsch unerfüllt. Auffällig sind die vielen teeinfusionierten Drinks. Zum Konzept gesellt sich auch die Möglichkeit, die Drinks ineiner kleinen und einer großen Variante bestellen zu können. So stillt man die Neugierde der Neugierigen. Auf den Tisch kommt ein Ginger Cocktail. Zum Gin gesellen sich Ingwer, Limette und frischer Thymian. Dann schon wieder eine Überraschung. Das Nass kommt in einer Konserverndose. Wie gesagt: man muss es zulassen. Der Drink erfrischt und stärkt. Fein balanciert mit dem Thymianaroma in der Nase und dem freundlichen Service ein herrlicher Einstieg in den Abend.

Vorbei geht es an Bauruinen, Kramläden, Wohn- und Industriezweckbauten. Ödnis. Düsseldorf hat ebenso wie Köln wüste Verheerungen im Krieg hinnehmen müssen. Doch in einer ruhigen Seitenstraße funkelt etwas. Die Bar Alexander. Eine Bar im Stile der Zwanzigerjahre. Orange- und Brauntöne dominieren. Jazz- und Soulklänge zwängen sich durch den schmalen Raum. Die Barphilosophie präsentiert sich höchst zeitgemäß. Zur wohlsortierten Spirituosenauswahl gesellen sich Kreationen im Cuisine-Style und Molekulares. Um weiterhin ausdauernd durch den Abend getragen zu werden, fällt die Wahl zunächst auf einen Moscow Mule. Aromatisch und spritzig. Die Flasche Ginger Beer wird vom höflichen Bartender zur eigenen Portionierung gereicht. Schnell füllt sich die Bar zur frühen Stunde. Ein gemischtes Publikum zwischen Szene und Studenten. Aber auch reifere Trinker verlieren sich hier. Auch der Wasserservice kommt ohne Nachfrage. Die Barmänner arbeiten schnell und präzise, jeder Handgriff sitzt, beobachtet von den expressionistischen Gemälden an den Wänden. Auch hier widmet man sich den probierfreudigen Geistern. In sogenannten Flights kann man klein portionierte Drinks ordern und so Neues entdecken. Von diesem Angebot wird auch reichlich Gebrauch gemacht. Zum Abschluss kommt noch ein Vodka Gimlet auf das Brett. Temperatur und süß-sauer-Balance in feinster Harmonie. Dazu ein schön ziseliertes Pokalglas. Die Landeshauptstadt zeigt bisher keine Schwächen.

4 comments

  1. Orlando Fernetti

    Hallo Markus hallo Mixology Team ,

    danke für eure vielen und schönen Beiträge , freue mich immer auf eure Ausgabe und sachlichen Beiträge sowie eure Spirituosen Bewertungen .
    Ihr macht echt einen tollen Job weiter so ….
    Betreibe seit 2 Jahren eine kleine Personenbezogene Bar in Düsseldorf Bilk , die Bar Alexandra ist mein Herzblut und meine Leidenschaft …..
    habe meinen Job aufgegeben und Hobby zum Beruf gemacht .
    Leider hatten wir nicht das Vergnügen euch bei uns in der Bar begrüssen zu dürfen als ihr Düsseldorf unter die Lupe genommen …. schade das Markus sich lieber ein leckeres Alt in der Altstadt gegönnt hat und das Füchschen besucht hat , auch der Fuchs ist in der Bar Alexandra vertretten .
    Alles Gute und viele Grüße aus Düsseldorf 😉

    Vg Orlando Fernetti

  2. Redaktion

    Halllo Orlando,

    vielen Dank für die lobenden Worte. Eure Bar ist uns nicht unbekannt und von mehreren Seiten auch empfohlen worden. Also stand sie auch auf der Liste der zu entdeckenden Orte. Da wir ganz ausgefuchst sind, haben wir uns für unseren nächsten Besuch in Düsseldorf etwas aufgehoben. Eine Stadt zu erfassen stößt eben machmal an zeitliche und physische Grenzen.

    Grüße aus der Redaktion – MO

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