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Vienna Calling. Eine Bartour durch Wien.

Stadtgeschichten 30.6.2011 1 Kommentar

Wien – die ewige Donauschönheit. Eine Stadt, der man ihre Geschichte, aber auch die Narben und inneren Konflikte der Gegenwart ansieht. Gespalten zwischen noch immer verklärter K.u.K.-Glorie und einer globalisierten Migrantenmetropole. Legendär ist auch die gustatorische Vielfalt. Wien hat 2010 kräftig abgeräumt und ist mit zwei ersten Preisen bei den Bar Awards nach Hause gekehrt. Zwar war die Reise schon lange geplant, war es dennoch eine günstige Gelegenheit zeitnah die Entscheidungen zu überprüfen.

„Steigen sie wieder aus, ich nehm jetzt gar keinen mit!“, brüllte der Taxifahrer an vorderster Stelle am Stand stehend und erklärte, dass er jetzt kein Kleingeld und keine Lust habe. Guter Anfang!

Die Stadt der Fiaker und Stiegen. Der Gassen mit den skurrilen Namen. Der morbiden Lust und des kauzigen Charmes. Wien zählt zum Weltgedächtnis der Menschheit. Es gibt wohl keine Disziplin in kultureller, politischer, architektonischer, religiöser und wissenschaftlicher Hinsicht, zu der aus Wien nicht über Jahrhunderte überragende Leistungen beigetragen wurden. Aber sie beheimatet ebenso viele schräge Charaktere, geniale Irre, nasale Phlegmatiker, liebenswert-arrogante Einspännerbringer und eben Taxianalphabeten.

An Wiens Stadtmauern rieben sich die Osmanen auf und verloren ihren bestimmenden Einfluss in Mitteleuropa. Entwickelte sich zur Kapitale einer überdehnten Vielvölkermonarchie, war Ausgangspunkt der legendären Wiener Moderne von 1900 – Vorreiterin in allen Königsdisziplinen in Kultur und Wissenschaft. Die Stadt hatte einen Traumstart ins 20. Jahrhundert hingelegt. Alles verspielt in zwei Weltkriegen. Anschließend folgte ein langer und holpriger Weg zurück – nicht zurück zu alter Pracht, das ist heute Teil von Wien als Freiluftmuseum – aber zurück zu Geltung und Respekt.

Hier sitzt das Geld und vielen sitzt es locker. Ein Gewusel bis zum Stephansdom.

Heute zählt Wien aufgrund seiner politischen Relevanz zu den sogenannten Alpha World Citys und ist nach aus der diesjährigen Mercer-Studie bereits zum zweiten Mal als Stadt mit der höchsten Lebensqualität hervorgegangen – vor Zürich, Genf und Vancouver! Besonders in den Bereichen Kultur, Verkehr, Ökobilanz, Gesundheit sowie soziale und polizeiliche Sicherheit.

Ein überraschendes Ergebnis, wenn man sich noch die Wahlplakate der soeben zu Ende gegangenen Bürgermeisterwahlschlammschlacht betrachtet, die nun überall achtlos und halb zerfetzt am Boden liegen. Offensichtlich gibt es hier tiefe Gräben zwischen den Bewohnern und der Außenstehende fragt sich, ob hier nicht wieder das alte, immer gleiche Gift langsam seine Wirkung entfaltet.

Es ist Herbst – Bartime

Ein paar hastige Schritte vorbei an der Votivkirche – wunderbar in den Abendhimmel erleuchtet – über den Kohlmarkt hinein in die 1.Gasse geschlendert. Hier sitzt das Geld und vielen sitzt es locker. Ein Gewusel bis zum Stephansdom. Eine Teleobjektivparade, man spricht japanisch.

Ab ins legendäre, dunkel ächzende Café Hawelka. Ein Muss in Wien, das finden übrigens auch erstaunlich viele Wiener. Die Gedanken schweifen zu Musil über Canetti bis hinauf zur berühmten Strudlhofstiege. Herrlich hier zu beobachten die egalitäre Lässigkeit, mit der hier jeder Caféschlürfer bedacht wird und wie es jedem wurscht zu sein scheint. Schach spielen und eine der vielen Zeitungen zu lesen ist hier die höchste Disziplin. Ein paar Augenblicke weiter die erste Nachtstation. In guter Erinnerung an die Skybar in Dresden – schöne Aussicht, coole Sounds und gute Drinks -, sollte auch hier der Einstieg in die Wiener Barwelt gefunden werden.

Also wanderte der Blick auf Wien wieder nach unten hinein in die ehrwürdige Stube der vom legendären Architekturpionier Adolf Loos gestalteten Loos Bar. Grünes Leder, Onyxplatten und braunes Patinaholz.

Höflich bat der Doorman zur Garderobe, bevor die heiligen Hallen sich auftun würden. Also Mütze und Jacke abgelegt und hinein. Nein, das abgrundtiefe Grauen erfasste den braven Wächter. Mit dem stolz getragenen Cocktailian-Hoody, mit stilisiertem Skull verziert, wurde man hier nicht geduldet. Kein Schmäh. Da half auch das freundlich angebotene Jackett nicht weiter. Also wanderte der Blick auf Wien wieder nach unten hinein in die ehrwürdige Stube der vom legendären Architekturpionier Adolf Loos gestalteten Loos Bar. Grünes Leder, Onyxplatten und braunes Patinaholz. Ein gutes dutzend Leute sorgt in dieser winzigen Bar bereits für Hochbetrieb.

Die Loos Bar atmet rauchschwere historische Luft zum Schneiden und die teilt sich eine Melange aus Business- und Kreativszene. Es kam ein vorzüglicher Old Fashioned, der den Abend sanft eröffnete und die Querelen gleich vergessen ließ. Leider konnte der Gimlet straight up nicht ganz das Niveau bestätigen und ließ jede Prägnanz vermissen. Der Service war distinguiert, wenn auch ein wenig in der Beratung zu zurückhaltend. Die Bar besticht mit vielen stilvollen Details und auch wenn hier nicht die Cocktailweltklasse am Werke ist, findet der Besucher einen einladenden Ort, der eine angenehme Atmosphäre ausstrahlt und solide Arbeit leistet.

Ein Kommentar

  1. Philipp

    Vor 3 Wochen war die Bar Italia leider schon keine Empfehlung mehr. Marco Pani ist wohl seit kurzem nicht mehr dort und wir fanden eine Disko mit keiner Beratung und Drinks die gerade so ok waren vor. Besonders voll war es nicht.

    Die Sky Bar musste für uns auch ausfallen mangels passendem Dresscode.

    Absolute Empfehlungen (neben den anderen im Artikel genannten) von meiner Seite sind das “The Sign” und das Nightfly’s. In letzterer hatten wir den schönsten Abend von 5 Tagen Wien verlebt.

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