Notizen aus der Provinz Part I: Bars in Ulm, schwäbische Schleckermäuler und der Ursprung des Gin Basil Smash

Südweine 22.3.2011 6 comments

Eine Lobeshymne nach der anderen wurde in den vergangenen Jahren auf die sich rasant entwickelnde deutsche Barkultur gesungen. Klar, Berlin platzt aus allen Nähten vor guten sowie individuellen Bars. München und Wien können schon auf jahrzehntelange Tradition zurückblicken und viele der dortigen Bars müssen als Klassiker bezeichnet werden. Hamburg, Köln und Zürich, sogar Basel haben jeweils einzelne Bars von unbestreitbarer internationaler Klasse. Die Rezepte werden an diesen Orten täglich komplexer, die Techniken ausgefeilter. Mittlerweile geht man selbstverständlich flächendeckend von dem großen Vormarsch der Barkultur aus. Doch wie schaut es in den Provinzen aus? Und wo kommt eigentlich dieser Gin Basil Smash her?

Mixology war erst Ende 2008 für die Printausgabe vor Ort und Ulm schnitt, was viele überraschte, unterm Strich ganz ordentlich ab. In drei Bars war für Herausgeber Helmut Adam ein Funken der Barkultur auszumachen. Nun, etwas mehr als zwei Jahre später, machte Mixology sich erneut auf den Weg, um zu schauen, ob aus den drei Funken eine Flamme erwachsen ist. Vorab musste leider festgestellt werden, dass einer der drei Funken noch unterm heimischen Dach gelöscht wurde. Die Sonderbar in Neu-Ulm schloss die Pforten noch 2009. Besser gesagt, der ganze Laden wurde im Rahmen größerer Baumaßnahmen planiert. Frohen Mutes ging es trotzdem an einem Freitagabend auf die Schwäbische Alb, denn zwei Funken reichen ja locker für einen Flächenbrand.

Die Blau lädt zur Pause ein

Das Erste, was in Ulm wahrgenommen wurde, waren kleinere Gruppen Jugendlicher und junge Erwachsene, die ihre Bierkästen durch die Innenstadt spazieren führten. Da man in Berlin jedoch, ohne Bierflasche in der Hand unterwegs, kaum ernst genommen wird, schwante einem nur am Rande Böses. Erster Gedanke: es fehlen in Ulm wohl die Spätkaufläden an jeder Ecke für steten Nachschub und die sich ins Wochenende trinkenden Feierwütigen treffen lediglich Vorsorge.

Durstig wurde die von Anfang an vielversprechendste Lokalität aufgesucht. Die sogenannte Blaupause liegt an dem kleinen Flüsschen Blau in einem Flachbau und wirkt für einen Fremden in Ulm fast versteckt. Für Ulmer offensichtlich nicht, denn die Bar war kurz vor neun zum Bersten gefüllt. Was folgte, stellte zumindest geschmacklich auf breiter Basis zufrieden. Ein vorzüglicher Rye Sour wurde kredenzt, gefolgt von einer Eigenkreation mit hausgemachtem Holundergelee.

Die Barkarte ist vielseitig aufgestellt und bietet eine Fülle an Informationen für den forschenden Geist, der in die Welt der Spirituosen eintauchen möchte. Offensichtlich soll den Ulmern hier auch Wissen vermittelt werden. Doch Ulm scheint hartnäckig und schwäbisch sparsam. Trotz unglaublich kundenfreundlicher Cocktailpreise und entspannter Stimmung nuckelten leider weitaus mehr als die Hälfte der Gäste an Bierflaschen, schwenkten Weingläser oder schlürften die üblichen Longdrinks.

Der Mitbesitzer und Tender des Abends Hariolf Sproll zeigte sich jedoch für seine 3 Jahre alte Bar zuversichtlich: „Wenn man die Ulmer mal hat, bleiben sie treu und sind auch immer offen für Neues.“ Der Rest von Ulm macht ihm mehr Sorgen. „Ulm ist wie am Ballermann“, war da etwas frustriert zu hören. Am meisten wünsche er sich eine weitere Bar in Ulm, „die angenehme Atmosphäre schafft und sich mit Cocktailkunst auseinandersetzt“. Aber wer wird sich schon beeinflussen lassen und voreingenommen sein.

Ulmer Gruselkabinett

Nächster Stopp: Manhattan Cocktailbar. Von außen und von innen eher Dorfkneipe als Bar erwartet einen hier die volle Raucherdröhnung. Seit das Verfassungsgericht das Baden-Würtembergische Rauchergesetz auf Eis legte, kehrten hier einige Lokale wieder zurück in die qualmenden Siebziger. Weiter wurde hier zwar nicht planiert, aber der Besitzer wechselte seit dem letzten Mixology-Besuch. Entwicklung leider negativ. Der dem Barnamen gleiche Drink war nahezu ungenießbar. Riesiger Pott mit nicht nachvollziehbaren, schrägen Verhältnissen.

Kein wirkliches Wunder, wenn man beobachten konnte, dass mindestens noch mal so viel wie im Glas aus dem gleichen Shaker im Abfluss landete. Ähnliche Technik beim Cosmopolitan der Begleitung. Dazu mangelnde Säure, irgendein Sirup und Zitronenvodka. So bitte nicht! Da hielten einen auch nicht die Gespräche der Thekennachbarn über Whisky vor Ort, denn zwischendurch beklagten auch diese Herren weit übersüßte Drinks.

Weiter ging es in der Stitz Bar. Eine riesige ansehnliche Margarita, mit liebevollem Salzrand, stand, neben einem erneuten Cosmopolitan-Versuch, trotz gut besuchter Bar fix auf dem Tisch. Zwei gestandene Herren verrichteten ihren Dienst hinter der Theke und ein flinkes sowie sicheres Servicepersonal bespielte das entspannte Publikum. Der Cosmopolitan war wiederum eine fragwürdige, sehr süße Sirupkreation, während die Margarita überzeugte. Da die Herren an den Shakern aber offensichtlich kurz darauf Feierabend hatten, wurde man noch auf den Mixnachwuchs neugierig. Man wäre wohl besser gegangen. Der georderte Gimlet reihte sich hinter dem Cosmopolitan in die Kategorie „schwer zumutbar“ und „definitiv skurril“ ein, da sehr trüb und ziemlich bitter. Da jedoch ein Großteil der Kundschaft auch hier zufrieden an Longdrinks oder aber an großen bunten Fancydrinks schlürfte, kann man sich nicht wirklich beschweren.

Mit dem nächsten Schritt war man dann wohl in den gehörten Gruselgeschichten über Ulm angekommen. Gindele Lounge. Gorilla an der Türe, Hip-Hop und Elektropop vergangener Charts, nervige Lichtbeamer, Damen in Zebrakleidern, Captai-Morgan-Flaschen überall um die Theke, gewöhnungsbedürftiges Mobiliar und gefühlte tausend Discokugeln. Der erneute Cosmopolitan-Versuch der Begleitung hatte hier nun wirklich den letzten Bezug zum Klassiker verloren und wenn man den Whisky Sour im Glas gelassen hätte, wäre es dem hohen Säuregehalt wohl möglich gewesen, dieses zu zersetzen. Kurz vor zwei erfolgte die Flucht, vorbei am Gorilla, der ohne eine Miene zu verziehen, einen sabbernden Betrunkenen beobachtete, der direkt vor seiner Türe an einem zum Rauchen aufgestellten Tisch im Stehen schlief.

Gin Basil Smash auf dem Prüfstand

Die weiteren Empfehlungen Becker’s und Cu-Bar wurden anvisiert. Doch kurz vor zwei in Ulm zeigte sich dieser Versuch als nicht sonderlich sinnvoll. Erstere hatte die Türe schon geschlossen und letztere machte an der Pforte deutlich, dass da nichts mehr geht. Beim Blick dort in die schwer angetrunkene Runde und die Bier- und Schnapsgläser auf den Tischen wohl kein wirklicher Verlust. Glücklicherweise parkte der Fahrer direkt an der Blau und dort war noch geöffnet für eine abschließende Pause.

Zum Glück, denn so konnte die in Bälde erscheinende neue Karte der Blaupause entspannt mit Hariolf Sproll besprochen werden. Dort sind nämlich auch einige Hauskreationen zu finden. Unter anderem ein Gin Basil Smash, eine Kreation, die bekanntlich bisher Jörg Meyer aus Hamburg für sich beanspruchte. Dieser ist aber, laut Hariolf, „seit Frühjahr 2008 in der Blaupause zu erhalten und wurde damals dort eigenhändig kreiert“. Muss die Geschichte dieses Drinks nun umgeschrieben werden?

Aus dem Stegreif für Hamburg oder Ulm Partei zu ergreifen ist an dieser Stelle nicht sinnvoll. Festzuhalten bleibt daher leider erstmal nur, dass Barkultur offensichtlich in Ulm derzeit tendenziell auf dem absteigenden Ast ist. Nur die Blaupause stellt sich ernstzunehmend wacker gegen das dortige Verlangen nach „schnell betrunken, extrem süß oder profan“. Und dafür gebührt Respekt.

 

Blaupause Ulm

Neue Straße 43

89073 Ulm

Öffnungszeiten: Mo.-So. 18 bis 3 Uhr

Snacks: Ja

Essen: Nein

Rauchen: Nein

 

FON alte Nummer im Netz ist falsch. Neue Nummer wird derzeit eingerichtet.

 

Manhatten – die Cocktailbar

Neutorstr. 34

89073 Ulm

Öffnungszeiten: Do. 20 – 1 Uhr, Fr. & Sa. 20 bis 3 Uhr

Snacks: Ja

Essen: Nein

Rauchen: Ja

 

FON +49 731 602 15 27

 

Stitz Bar

Herdbruckerstraße 28

89073 Ulm

Öffnungszeiten: Unbekannt

Snacks: Ja

Essen: Ja

Rauchen: Ja

 

FON +49 731 1658685

 

Gindele Lounge

Neue Straße 100

89075 Ulm

Öffnungszeiten: Mo. bis Mi. 9 bis 1 Uhr, Do. bis Sa. 9 bis 2 Uhr; Mittagspause von 15 bis 18 Uhr

Snacks: Nein

Essen: Ja

Rauchen: Nein

 

FON +49 731 1457893

http://www.lounge-ulm.de/

Schlagworte: Bar

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