Woher kommt der Spritz? Aus dem Süden, mit Liebe.

Trends & Innovation 10.4.2012 2 comments

Hugo, Aperol Spritz oder der French Sprizz von Klaus St. Rainer aus der Goldenen Bar in München. Was steckt hinter dem sich verstärkendem Sommertrend und wie kommen Lebensgefühl und Spritz ins Glas? Ein kleiner Pulstest und ein Blick zurück.

Verstand, Seele und Geist. Wer kennt es nicht. Um Ersteren wird man häufig vom anderen Geschlecht gebracht. Die Seele hat man als nachtaktiver Streuner in Gedanken schon einige Male beim Teufel verspielt und seinen Geist hat man mit Alkoholika sowieso längst zum Schweigen gebracht. Umso erfrischender, dass der unschuldige und altmodische Name Hugo für eben diese Begriffe steht.

Hugo, das ist, ob man sich damit anfreunden kann oder nicht, wohl auch ein Trend des Sommers. Spritz, Sprizz oder Sprizzetto scheint dabei zum geflügelten Begriff, für ein ganzes Lebensgefühl zu geworden zu sein. Schöne Menschen im Sommer mit noch schöneren Drinks in der Hand. Ein Prinzip, das funktioniert und Begehrlichkeiten schafft. Kein Wunder also, dass der gespritzte Aperitivo mit wenig Alkohol auch schon mal am frühen Nachmittag in den Straßencafés getrunken wird.

Der Spritz als Getränkekategorie

Kein Barbuch hat dem Spritz jemals eine ausführliche Eloge oder gar Beschreibung gewidmet. Das ist zu verstehen, handelt es sich doch in seiner ursprünglichsten Form um ein Getränk mit zwei Komponenten: trockenen Weißwein und Soda. Seinen Ursprung hat der Spritz wahrscheinlich in Norditalien und der Alpenregion. Dort, wo sommers mediterrane (oder zumindest einigermaßen mediterrane) Temperaturen auf eine bereits entwickelte Kulinarik trafen, kam der Städter auf die Idee, seinen Weißwein mit Soda aufzuspritzen.

Das hatte einige Vorteile. Einerseits konnte man, Verdunstung vorausgesetzt, mehr Gläser des Getränks genießen als bei reinem Wein. Hinzu kam der geringere Alkoholgehalt, der beim Sonnenbad im Straßen-Café ebenfalls von Vorteil ist. Schließlich, und das dürfte der Hauptgrund für den Erfolg des Spritzes gewesen sein, fördert er am Gaumen durch den Grad der Verdünnung und die enthaltene Kohlensäure ein wohliges Gefühl der Erfrischung. Als „G’Spritzer“  oder „Spritzer“ etablierte er sich in Österreich. Als Spritz wiederum in Italien, was auf die Einflüsse der k. u. k. Monarchie zurückgehen dürfte, die es sich zwischenzeitlich an der Adria bequem gemacht hatte.

Im süddeutschen Raum wiederum taufte man das Getränk alemannisch in „Schorle“ um und so lernte es auch der Rest Deutschlands kennen. Muss man die Zubereitung dieses simplen Getränks noch erklären? Vielleicht muss man. In Österreich genießt der G’spritzte eine solche Populariät, dass ihm das österreichische Wein-Marketing große Kampagnen und die österreichische Gesetzgebung sogar eine eigene Passage widmet:

„G’spritzter“

§ 4. (1) Anstelle der Verkehrsbezeichnungen für weinhaltige Getränke kann die Bezeichnung „G’spritzter“ („Gespritzter“, „Spritzer“) verwendet werden, wenn

1. das Getränk zu mindestens 50% (v/v) aus Wein, der ausschließlich aus Trauben von Qualitätsweinrebsorten bereitet wurde, besteht;

2. das Getränk ansonsten zu höchstens 50% (v/v) aus kohlesäurehaltigem Trinkwasser (Sodawasser) oder (für den speziellen Verwendungszweck geeignetem) natürlichem Mineralwasser, die den lebensmittelrechtlichen Vorschriften entsprechen, besteht;

3. das Getränk allenfalls mit Zusatz von Kohlensäure hergestellt wurde;

4. der vorhandene Alkoholgehalt mindestens 4,5% vol. beträgt.

(2) Durch Abs. 1 bleiben die der Verkehrssitte entsprechenden Bezeichnungen für Getränke, die durch Vermischung von Wein und kohlensäurehältigem Wasser offen an den Verbraucher abgegeben und üblicherweise am Ort der Verabreichung sofort genossen werden, unberührt.

(Quelle: ris.bka.gv.at)

Diese Gesetzgebung bezieht sich auf kommerziell abgefüllte Produkte. In der Gastronomie variiert die Einschenkmenge natürlich, was der Gesetzgeber auch in (2) anerkennt. Aber auch dieses Getränk hat seine Tücken, weshalb sich in der österreichischen Gastronomie ein charmanter Lehr-Reim etablierte: „Erst das Wasser, dann die Säure! Sonst geschieht das Ungeheure!“ Was ist das „Ungeheure“? Durch die unterschiedliche Dichte der Flüssigkeiten schwebt das Soda sonst größtenteils über dem Wein. Genug des Spritzers. Aber wieso reden wir überhaupt über den Spritzer?

Orangene Vereinfachung

Es ist der erfolgreichsten Cocktail-Variante des Spritzers oder Spritzes zu verdanken, dass auch in nördlichen Breiten neben dem ordinären Schorle nun auch der Spritz im Wortschatz der Stadtbewohner Einkehr hält. Allerdings hat das Marketing der Gruppo Campari den orange-schimmernden Aperol-Gespritzten seiner Komplikationen beraubt. Offenbar um es noch massentauglicher zu machen. „Sprizz“ heißt es jetzt allerorten und der Bartender, der seinen Gästen jahrelang dieses Getränk in mühsamer Kleinarbeit nahe gebracht hat, verdreht genervt die Augen. Denn man hat dem Spritz nicht nur sein „t“ genommen, sondern auch die Rezeptur vereinfacht.

Denn ursprüngliche Spritz Aperol oder Aperol Spritz wurde, dem Wesen eines Spritzes entsprechend, mit zu gleichen Teilen trockenem Weißwein und Soda hergestellt. Bubbles und Wein? Das geht doch einfacher, dachte man sich offenbar in manchen Gastro-Objekten und im Campari-Marketing. Prosecco und Aperol wird nun angepriesen. Und da nicht jeder Haushalt und nicht jede Gastronomie ein Weinglas vor Ort hat, soll man den Aperol Sprizz ruhig im Tumbler servieren. Aus Sicht der Gruppo Campari verständlich. Die Umsätze schießen mittlerweile durch die sommerliche Wolkendecke.

Die nächste große Spritz-Welle

Dicht auf den Spuren des im leuchtenden Orange über die Tresen schwebenden Mixdrink-Superstar Aperol Spritz folgt nun die nächste spritzige Invasion. Dieses Mal allerdings grün gewandet. Ursprünglich von Roland Gruber in Südtirol kreiert, gibt es inzwischen unzählige Abwandlungen mit verschiedenen Sorten Holundersirup und unterschiedlichen Prosecco-Arten beziehungsweise Weißweinen. Doch wie war das gleich mit dem Spritz? Maßgeblich für die prickelnde Erfrischung ist ein Schuss Sodawasser. Dieser ist auch im Südtiroler Originalrezept enthalten und sorgt, wie auch beim Aperol Spritz, für ein feinperliges und ausbalanciertes Geschmackserlebnis. Es geht nicht ohne, egal ob man den Hugo mit Prosecco oder Weißwein zubereitet.

Während man dem Münchner Bartender, dem aufgrund der Nähe zu den großen Spritz-Nationen die grüne Welle bereits vor ein paar Jahren erstmals über die Bar-Schuhe schwappte, mit dem Hugo nicht mehr kommen muss, werden sich die Bartender in anderen Städten an den Klang der Order gewöhnen müssen. Die Getränkeindustrie reibt sich genüsslich die Hände.

Den zehnfachen Umsatz habe man letzten Jahr mit dem Holunderblütensirup verzeichnet, berichtet strahlend ein Vertreter. Jetzt schiebt man, rechtzeitig zum Sommer, auch noch einen Likör nach. MIXOLOGY-Autor Brückner hat die große Hugo-Schlacht der Marken in der aktuellen Printausgabe Issue 2/2012 aufbereitet. Bleibt als Empfehlung für den Bartender, für den Drinks, die in den Medien zu sehr hoch gespielt werden, uninteressant werden, zur Original-Rezeptur des Hugo zu greifen. Die ist nämlich im allgemeinen Holunderblüten-Fieber interessanterweise in Vergessenheit geraten. Sie wollen einen Hugo? Bitte sehr.

 

Hugo Originalrezept von Roland Gruber

15cl Prosecco (z.B. Scavy & Ray)

2cl Zitronenmelisse-Sirup (z.B. D’arbo)

Ein Spritzer Soda

Minze

Glas: Weinglas

Garnitur: Zitronenspalte

Zubereitung: Alle Zutaten im Gästeglas vorsichtig mit zwei, drei Eiswürfeln verrühren.

 

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2 comments

  1. SKOERPER

    beim blick über den tresen auf das getränkeangebot der kleinen privaten feier fiel mir am letzten we (zum wiederholten male) auf, dass es auch möglich ist den „aperol sprizz“ im mischungsverhältnis 50:50 mit relativ pappigem, warmen sekt (hier: jules mumm) ohne jegliche zugabe von eis (!) im longdrinkglas in geradezu beunruhigenden mengen ans – zumeist weibliche – volk zu bringen.

    wenn ein drink mit so simpler rezeptur auch in so grausliger darreichung so viel erfolg hat, dann wird er „auf jahre hinaus unschlagbar sein“ (zitat: f. beckenbauer).

    die herren hielten sich gleicherorts an bacardi-cola.

  2. Tobias

    Hallo Alle zusammen,

    Ich hab mal ein altes Cocktailbuch aus den 80ern zwischen die Finger gekriegt in dem man über den Spritz sprach! Es hieß dort das er in New York sehr hipp war! Weißwein mit Soda, und manchmal veredelt mit Campari oder Aperol……ich glaube Aperol ist von 1918 und Campari noch älter, aber ob er damals schon in New York zu finden war? Auswanderer sind ja auch importeure…..

    Grüße

    TwoBeers

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