New Orleans

Tales of the Cocktail. Ein Drink wie drei.

Blog 24.7.2013 1 Kommentar

Geschichten von den Tales. Geschichten vom Festival der Cocktailgeschichten. MIXOLOGY-Herausgeber Helmut Adam hat sich zum dritten Mal zum weltgrößten Cocktailfest aufgemacht und meint, dass ein Drink in tropischen Breiten wie drei zählt. Ob er damit nur seinen frühen Abgang am ersten Abend rechtfertigen will?

Esta kostet jetzt 14 Euro. Und Umsteigen in Chicago ist eine Katastrophe. Ob man will oder nicht, man muss sich einreihen in die Linie vor der U.S. Immigration. Den Beamten ist es egal, ob beim Anschlussflug nach New Orleans das Boarding in 20 Minuten beginnt. Schließlich bin ich dran und der Uniformierte fragt mich nach meiner präferierten deutschen Biermarke. „CrewAle aus München ist fantastisch, aber davon habt ihr noch nie gehört“, sage ich. „Mein Kollege steht auf Woarstainer“, bekomme ich als Antwort. Buchstabierung beabsichtigt. „Ja, das ist eine große Marke“, antworte ich. „Aber ihr habt mittlerweile fast besseres Bier als wir.“ Er schaut mich skeptisch an ob der gestreuten Hopfenblumen. Ungebrochen der Ruhm deutscher Braukunst, wie es scheint. Ich darf einreisen.

Es ist mein drittes Mal bei Tales of the Cocktail. Im Jahr 2008 verlor ich meine Tales-Unschuld. „Du warst noch nie hier!“ sagte der damalige Sagatiba-Markenbotschafter John Gakuru trocken, als ich vor dem Hotel Monteleone aus dem Taxi stieg. Tatsache, ich war im Anzug angereist. New Orleans im Juli heißt „Hurricane Season“. Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius, Luftfeuchtigkeit bei gefühlten 80%. Da muss die Förmlichkeit im Norden bleiben. Hier ist „The Big Easy“. Schnell umziehen, Drink an der rotierenden Carousel Bar und kurze Exkursion über die Bourbon Street. Schließlich Gumbo essen.

Das French Quarter ist einer der wenigen Orte in den Vereinigten Staaten, an denen man offen mit einem Glas Alkohol in der Hand durch die Gegend spazieren darf. Das Faszinierende dabei ist, dass es auch absolut legitim ist, mit so einem Drink im Plastikbecher in eine schicke Bar einzulaufen. Ich wiederhole: Mit dem in einem anderen Lokal erworbenen Drink! Von ganzen Flaschen sollte man aber tunlichst die Finger lassen. Ein einschlägig bekannter Londoner Barmann wurde wegen einer Flasche Tequila prompt inhaftiert und abgeschoben. Und was das für zukünftige Reisen in die Sicherheits-fanatischen Staaten heißt, kann sich jeder denken.

Bourbon-Shots auf der Bourbon Street

Beim ersten Mal hatte ich mir die Nachtseite von Tales of the Cocktail noch voll gegeben. Heute weiß ich, dass ein Drink in dieser Klimazone für einen angereisten Europäer aus nordischen Breitengraden wie drei zählt. Bourbon-Shot-Trinken im Old Absinthe House mit abgekochten Westküsten-Bartendern ist daher tunlichst zu vermeiden. Wer es dennoch tut, weiß nicht mehr, wie er aufs Hotelzimmer gekommen ist und wacht mit einem Cut unter dem Auge auf. „Did you pick a bar fight?“ musste ich mir tagelang anhören. Meine Versicherung, dass es die Badezimmertür war, konnte ich genau so gut dem Mond erzählen.

Tales ist ein unvergleichbarer Sog. Man sollte ihn als Barmann einmal erlebt haben. Mittlerweile kann man fast sicher davon ausgehen, dass im Flugzeug nach New Orleans mindestens zwei oder drei Tales-Jünger sitzen. Im Schlauch zum Flieger laufe ich auch prompt Alex Kammerling über den Weg. Er fliegt zum ersten Mal nach New Orleans, um einen Importeur für seinen Likör „Kamm & Sons“ zu finden, den er aufgrund der drohenden Verwechselung mit dem deutschen Kräuter Kümmerling kurz nach Launch umbenannte. Kaum habe ich meine Utensilien am Sitz verstaut, ruft es von hinten im Flieger: „Helmet!“ Es ist Theo Watt von Drink Magazine aus Schanghai.

Der Sitz neben ihm ist frei. Man hat immerhin Heineken im Flieger. „Wir sind jetzt in 65 Städten“, sagt Theo. China, der derzeit durstigste Markt auf dem Planeten. Auch für ihn ist es die erste Reise zu Tales. Später schauen wir gemeinsam auf die William Grants Party im Civic Theater. Eine riesiger Ort, gefüllt mit Bars von Grant-Marken. Die „Partyisierung“ von Tales schreitet voran. Fast jeden Abend laden Marken in riesige Hallen, versuchen die Aufmerksamkeit der angereisten Bar-Aficionados für ein paar Stunden an sich zu ziehen. Exklusivität vorschiebend, lange Schlangen produzierend, Gästelisten-Alarm auslösend. Wir kommen trotzdem überall hinein. Irgendjemand kennt jemanden. Und wenn man niemanden kennt, wird die Visitenkarte gezückt. Bevor sie sich in Diskussionen verstricken muss, gibt die Hostess dann doch den Weg dorthin frei, wo die Ian Burrells, Dushan Zarics und Erik Lorincz‘ der Welt einem persönlich Cocktails kredenzen.

Die Tales of the Cocktail sind nach wie vor der jährliche Mittelpunkt der Cocktailwelt. Der größte westliche Getränkemarkt, das „Mutterland“ des Cocktail, das von Tausenden besuchte Festival in der Mutterstadt des Cocktail New Orleans. Wo sonst? Selbst als Veranstalter einer erfolgreichen Messe, die von vielen bereits als wichtigste europäische Destination für Bar-Profis bezeichnet wird, muss man das neidlos anerkennen. Zeit, der verrückten, von Mrs Cocktail und Mr Cocktail organisierten Veranstaltung ein paar Texte zu widmen. Und dafür schonen wir uns heute entsprechend und belassen es bei etwas über 700 Wörtern. Es kurz haltend, wie am ersten Abend, als ich die Party bereits verließ, als die Schlange draußen gerade so richtig prächtig wurde. Wie gesagt, es ist nicht mein erstes Mal bei Tales. Und Durchhalten bis Sonntag ist angesagt.

 

Bildquelle: Luftbild von New Orleans, NASA

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