Die Klassifizierungswut ist typisch deutsch. Winzer mit Ärschen.

Interviews 27.10.2013

Der Winzer Michael Teschke aus dem rheinhessischen Gau-Algesheim gilt als Eigenbrötler, seine Weine bewertet er mit „Qualitätsärschen“ und nicht mit den üblichen Prädikatsbezeichnungen und Sternen. MIXOLOGY ONLINE hat  nachgefragt.

Herr Teschke, auf den Etiketten Ihrer Weine sind Ärsche zu sehen.

Ich ärgere mich darüber, dass viele meiner Winzerkollegen ihre Weine mit Sternen und Punkten klassifizieren und dadurch aufwerten. Sie verzichten immer häufiger auf Prädikatsbezeichnungen wie Spätlese und Kabinett. Stattdessen werden Symbole auf das Etikett gedruckt, die angeblich die Qualität der Weine kennzeichnen. Was die Kollegen sich da herausnehmen: Da kann ich auch Ärsche auf meine Flaschen kleben.

Was ist so schlimm daran, seine Etiketten mit Sternen zu schmücken?

Diese Winzer haben sich damit ein eigenes Bewertungssystem geschaffen. Das ist verwirrend für die Kunden, aber vor allem anmaßend: Man bewertet seine eigenen Weine. Ich finde es absurd, wenn Kollegen sich darin überbieten, ihren Weinen möglichst viele Punkte zu geben. Ich habe Flaschen mit sieben Sternen gesehen. Die sind überhaupt kein objektives Kriterium für die Qualität der Weine. Man kokettiert mit Leistungen, die man nicht erbracht hat, man versucht damit, sich aus der Masse der Winzer hervorzuheben. Wird mein Riesling besser, wenn ich ihm fünf Sterne gebe?

Wie viele Ärsche vergeben Sie?

Ich gehe seriös damit um, zweieinhalb Ärsche sind bei mir die höchste Bewertung. Die meisten Winzer sind so unbescheiden, die fangen gleich an, mit mehreren Sternen zu bewerten.
Das ist unverschämt maßlos.

Ist das symptomatisch für die Weinszene?

Diese Klassifizierungswut ist ein relativ neues Phänomen, sie ist typisch deutsch. Sie hängt zusammen mit Statusdenken und Selbstbeweihräucherung. Es sind gerade die etablierten
Winzer, die sich unantastbar fühlen, die damit ihre Eigenständigkeit dokumentieren. Manche benehmen sich, als besäßen sie den Diplomatenstatus. Je gesetzter und wohlhabender
die Betriebe werden, umso größer scheint auch die Dekadenz und Abgestumpftheit zu werden.

Wie fallen die Reaktionen auf Ihre Ärsche aus?

Meinen Kunden, vor allem den jüngeren, gefallen die Etiketten. Ich will auch zum Denken anregen, indem ich spöttisch mit dem Gehabe einiger Kollegen umgehe. Die kommen nicht
zu recht mit meiner Art, ich werde gemieden. Aber es muss darum gehen, möglichst gute Weine zu erzeugen und nicht Etiketten mit Sternen und Symbolen voll zu schmieren.

 

Mehr Informationen zu Michael Teschke und seinen Weinen auf :

weingut-teschke.de

 

Bildquelle: Bikini by Yellowj via Shutterstock

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