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20 Jahre Victoria Bar: „Drinnen ist drinnen, und draußen bleibt draußen.“

Kerstin Ehmer, Beate Hindermann und Stefan Weber feiern das 20. Jubiläum ihrer „Victoria Bar“, die mit ihrer Eröffnung 2001 wegweisend für Berlin und die Entwicklung der Barlandschaft in der deutschen Hauptstadt war. Wir haben uns mit dem Trio über die Anfänge, die Kunst, das Trinken sowie die Kunst des Trinkens unterhalten.

Berlin, Potsdamer Straße. Eine Straße in Veränderung. Vor allem der Abschnitt zwischen Bülowstraße und Schöneberger Ufer (und dem dahinter liegenden Potsdamer Platz) ist wohl einer der interessantesten der Stadt. Hier ist vieles in Bewegung, aber nicht immer offensichtlich. Im ehemaligen Verlagshaus des Tagesspiegel sind heute Galerien, mit Andreas Murkudis hat sich einer der hippsten Designadressen weltweit angesiedelt, einen Steinwurf entfernt schimmert das Rotlichtmilieu in Form des nicht wegzukriegenden Straßenstrichs vor allem nachts noch gewaltig durch.

Die Hausnummer Nummer 102 an der Potse, wie Berliner sagen, jedoch gilt seit 2001 und somit seit nunmehr 20 Jahren als fixer Treffpunkt für Nachtschwärmer, Künstler und Liebhaber klassischer Cocktails. Stefan Weber, seine Frau und Buch-Autorin Kerstin Ehmer sowie Beate Hindermann betreiben seit 20 Jahren ihre Victoria Bar, die – so kann man das wohl sagen – Berlin in Sachen Barkultur von den 1990er-Jahren in die Nullerjahre gehievt hat. MIXOLOGY Online hat sich mit dem eingeschworenen Trio zum Interview getroffen.

MIXOLOGY: Beate, Kerstin, Stefan, Ihr habt eure Bar 2001 eröffnet und somit praktisch zeitgleich mit Nine-Eleven aufgemacht. Die meisten Menschen können dadurch den Zeitraum, seitdem es eure Bar gibt, zeitlich gut in Relation setzen. Berlin und auch die Potsdamer Straße haben sich in dieser Zeit verändert. Ihr seid immer noch da, eure Gäste schätzen die Vertrautheit eurer Bar. Ist es so gekommen, wie ihr wolltet?

Kerstin Ehmer: Es ist genauso gekommen, wie wir es uns immer gewünscht haben. Auch in Bezug auf die Namenswahl, denn „Victoria“ ist an sich ist nicht besonders originell. Es klang schon damals so, als hätte es uns schon immer gegeben.

MIXOLOGY: Wer ist denn damals auf den Namen gekommen?

Stefan Weber: Ich glaube, das war ich, weiß es aber nicht mehr.

Kerstin Ehmer: Zusammen.

Stefan Weber: Der Name hat eine kleine Geschichte, denn im selben Jahr ist unsere Tochter Emma Victoria zur Welt gekommen. Uns war aber vor allem wichtig, dass der Name klassisch, international verständlich und griffig ist – und nicht unbedingt zeitgeistig.

MIXOLOGY: Ihr arbeitet seit 20 Jahren als Geschäftspartner Seite an Seite. Wie lebt es sich als Arbeitsfamilie?

Stefan Weber: Es ist ein neurotisches Zwangsverhältnis.

Beate Hindermann: (lacht): Jetzt kommt’s aber raus!

Stefan Weber: Es ist wie in allen Arbeitsverhältnissen. Wir haben Kollegen, mit denen wir seit über 25 Jahren, noch aus Zeiten der Green Door Bar, zusammenarbeiten. Natürlich ist das auf eine gewisse Art neurotisch aufgeladen. (lacht) Da gibt es schon auch Konflikte, die seit Jahrzehnten schwelen. Auf der anderen Seite überwiegt aber Vertrautheit und Freundschaft. Im Moment empfinde ich das Team als das Beste, das wir je hatten. Die Hälfte ist von Anfang an dabei, die andere auch schon seit mehreren Jahren.

»Eine Bar für interessante Leute aufzumachen war schon seit den 1980ern mein Traum, als ich zu arbeiten begann. Allerdings keine der damals üblichen Trashläden mit bescheidenem Getränkeangebot, sondern eine mit der Klasse eines Hollywood-Settings.«

— Stefan Weber

Seit 20 Jahren ein Trio: Kerstin Ehmer, Beate Hindermann und Stefan Weber (v.l.n.r.)

MIXOLOGY: Diese Verbundenheit hat sich bewährt. Gerade in dieser extremen Zeit, in der Personalmangel herrscht, Bars dadurch früher schließen oder an manchen Tagen erst gar nicht öffnen können. Zeigt sich, dass Bars, die über Jahre gut gearbeitet haben, auch geblieben sind?

Kerstin Ehmer: Bei jüngeren Menschen kann ich verstehen, dass sie beschlossen haben, einmal etwas „Gescheites“ anzufangen (lacht). Ich frage mich aber trotzdem, wo all diese Menschen geblieben sind …

Beate Hindermann: Ich habe noch nie, außer damals in der Bar am Lützowplatz, in einer anderen Konstellation gearbeitet. Dieses Team, das wir hier leben, hat auch während des Lockdowns gut funktioniert. Wir waren in Kontakt, haben Waldspaziergänge gemacht, waren füreinander da und sind bis auf einen Mitarbeiter zusammengeblieben. Jener war allerdings erst drei Monate vor dem Lockdown zu uns gestoßen und hatte noch keine feste Bindung. Er ist uns abhandengekommen. Ansonsten kann ich mich Stefan nur anschließen und unser Team in höchsten Tönen loben. Wir alle lieben unsere Arbeit und diese Bar und wollen in dieser Konstellation noch möglichst lange zusammenbleiben!

MIXOLOGY: Habt ihr jemals an eine zweite Bar, einen weiteren Wohlfühlraum gedacht?

Beate Hindermann: Ne, wir wollen doch keine Kette gründen!

Stefan Weber: Nein, wir sind keine Geschäftsleute, sondern Gastgeber an jedem Abend in unserem eigenen Laden. Eine „personengeführte Wirtschaft“, wenn man so sagen will, die nur mit uns funktioniert. Das hat auch Charles Schumann schon mal so gesagt. Und die Bar ist gr0ß genug, um genug Geld für alle zu verdienen, inklusive des Personals.

Beate Hindermann: Das sehe ich genauso. Man kann keine Bar repräsentieren, wenn man nicht selbst vor Ort ist.

MIXOLOGY: Was war die Anfangsidee der Victoria Bar?

Stefan Weber: Eine Bar für interessante Leute aufzumachen war schon seit den 1980ern mein Traum, als ich zu arbeiten begann. Allerdings keine der damals üblichen Trashläden mit bescheidenem Getränkeangebot, sondern eine mit der Klasse eines Hollywood-Settings. Mit Fritz Müller Scherz und seiner damaligen Frau Tina hatte ich dann 1993 eine typische Tresenbekanntschaft in der Bar am Lützowplatz geschlossen, die sich spätestens nach einem gemeinsamen Besuch einer Ausstellung von Martin Kippenberger 1994 zu einer echten Freundschaft auswuchs. Mit diesen beiden „Idealgästen“ – origineller Intellekt, stilsicher, trinkfest und finanziell potent – hatte ich erstmals die Möglichkeit, eine Bar nach meinen Vorstellungen zu realisieren, eben die Green Door Bar. Sie wurde aber zu klein für uns drei, so dass ich dann mit Kerstin und Beate den nächsten Schritt gegangen bin. Die Victoria Bar sollte daher mehr eine geräumige Cocktaillounge aus einem David-Lynch-Film sein, kein Speakeasy mehr aus Alice in Wonderland.

MIXOLOGY: Die Victoria Bar geht durch die Kombination von Bar und Kunst, die hier überall an den Wänden zu sehen ist, über das bloße Dasein als Bar hinaus. Wie kam es dazu?

Stefan Weber: Wir hatten immer schon eine Affinität zur Kunstszene. In den vergangenen Jahren haben sich hier auch viele Galerien und Künstler niedergelassen und sind zu uns gekommen, woraus viele Bekanntschaften entstanden sind. Thomas Hauser, den wir als Maler kennengelernt haben und der heute als Fotograf Karriere macht, hat bereits in der Green Door Bar die Wandmalereien gestaltet. Wir haben ihm früh versprochen, dass er zum 20. Geburtstag der Bar die Ausstellung halten kann. Deswegen gehörte ihm auch die Jubiläumsausstellung mit dem Namen Victoria’s Secret. Auch der Raumentwurf inklusive Holzverkleidung und der Wandmalereien an der Front wie auch den Seitenwänden sind seine Malereien; in Anlehnung an das – zumindest unter Fans – bekannte Foto von Kippenberger mit einer Sahnetorte im Gesicht. Die gemalten Seitenteile in der Bar fingieren die Augen von Kippenberger. Das ist die geheime Idee dahinter: dass Kippenberger uns jeden Tag bei der Arbeit zuguckt.

Kerstin Ehmer: Als der gute Geist in unserem Haus. Gerade in dieser Bar ist Thomas‘ Arbeit weit über die Malerei hinausgegangen. Er hat auch den grundlegenden Architekturentwurf gemacht.

»Seit letzter Woche gilt bei uns die 2G-Regel, die Masken sind gefallen: So muss das Gefühl unserer Mütter gewesen sein, erstmals ohne BH auf die Straße zu gehen!«

— Beate Hindermann

MIXOLOGY: Das mit Kippenberger muss man aber wissen …

Beate Hindermann: Jetzt wisst ihr es! Unsere Kunst ist keine Dekoration, die wir einfach gekauft haben, damit es hier schick aussieht. An ihr ist auch zu sehen, wie sich alles entwickelt hat, dass Kdie unst mehr wird und sich laufend vervollständigt.

MIXOLOGY: Früher war es ja auch keine Seltenheit, dass Künstler:innen mit einem Bild ihre Zeche bezahlen konnten …

Stefan Weber: Modigliani zum Beispiel, der zu Lebzeiten kein Geld hatte, oder Picasso, der in den ersten Jahren in Paris seine gastronomischen Rechnungen mit Bildern bezahlt hat. Es gab immer schon Gastronomie, die Kunst als Währung akzeptiert hat. Den Mixology-Lesern ist sicher die Kronenhalle in Zürich bekannt, die das in ihren Gründungsjahren praktiziert hat. Wir haben aber auch Künstler unter den Gästen, die Einfluss auf unser Lokal haben und mit uns in Wechselbeziehung stehen. In der klammen Phase der Pandemie habe ich bei einem Spirituosenunternehmen große, aber ziemlich hässliche Kreidetafeln bestellt. Einer dieser Stammgäste, Douglas Gordon, war darüber so schockiert, dass er gedroht hat, das Lokal zu boykottieren, solange diese Geschmacklosigkeit da hängt. Allerdings nicht ohne nebenbei wunderschöne, viel stilechtere Original-Billboards aus den 1960ern zu organisieren und zusätzlich mit etwas Lyrik zu veredeln.

Beate Hindermann: Er hat über Internet-Foren danach gesucht. Er will auch noch eine zweite Tafel bringen, aber im Moment gibt es wohl Mangel am Buchstaben „e“.

Kerstin Ehmer: Die Einrichtung der Bar ist auch immer gleichgeblieben, nur die Bilder an den Wänden hängen wir jedes Jahr neu auf. Tatsächlich haben wir viel Kunst gesammelt, mir macht das Sammeln auch Spaß. Wir haben auch das Privileg, Leihgaben zu erhalten. Zum Geburtstag der Bar bestückt ein Künstler für vier Wochen die Bar mit seinen Werken. Danach erfolgt eine Gruppenhängung aus Leihgaben und eigenen Bildern. Es ziehen aber auch schon wieder Galerien aus der Gegend ab, weil manche Vermieter arg zu träumen beginnen, was hier alles möglich ist …

Stefan Weber: Auch unser Mietvertrag wäre im letzten Jahr ausgelaufen. Durch die Coronapandemie und dem ihr geschuldeten Stillstand ist der Vertrag automatisch zu den alten Konditionen um ein Jahr verlängert worden. Mal sehen, was kommt, eigentlich wollen wir noch zehn Jahre anhängen.

MIXOLOGY: Die Künstler haben also Mitwirkung. Klingt ein bisschen nach der vielbesagten Wohnzimmerstimmung. Beate, du hast aber einmal gesagt, die Bar sei kein Wohnzimmer …

Beate Hindermann: Damit habe ich aber nicht gemeint, dass die Leute sich hier nicht wie Zuhause fühlen sollen. Im Wohnzimmer sitzen die Leute in schlabbrigen Klamotten, lagern die Beine hoch und niemand serviert Drinks. Die Bar ist immer etwas Besonderes, und ich goutiere, wenn die Gäste uns Rezept zollen oder sich schön anziehen. Gäste sollen sich wie Zuhause fühlen, aber am besten so, als wären sie eingeladen.

MIXOLOGY: Die Bar ist eben eine Kombination aus Vertrautem und Neuem?

Beate Hindermann: Ganz genau. Eine Bar hat so viele verschiedene Gesichter, und es herrschen so viele unterschiedliche Atmosphären. Wie zum Beispiel: früher Abend, draußen regnet es, abrollende Reifen auf nassem Asphalt, zwei Typen an der Bar, Musik im Hintergrund, ein Manhattan …

MIXOLOGY: Die Leidenschaft für die Bar stumpft also nie ab?

Beate Hindermann: Gerade jetzt nach dem Lockdown, der uns alle in viele Fragen gestürzt hat, sowieso nicht. Für mich war es eine Woge von Wiedersehensfreude und eine Bestätigung für unser Tun. Wir haben in der Zeit nichts Digitales gemacht, auch keine Bottled Cocktails. Das ist nicht unsere Kernkompetenz, denn Bar kann man nicht transportieren. Das Barerlebnis hat gefehlt! Die Menschen sind hungrig nach einem Wiedersehen, nach Drinks, Stammgästen, Kommunikation oder zufälligen Begegnungen. Seit letzter Woche gilt bei uns die 2G-Regel, die Masken sind gefallen: So muss das Gefühl unserer Mütter gewesen sein, erstmals ohne BH auf die Straße zu gehen!

»Ein Teil der Faszination in einer Bar ist, dass disziplinierte Gäste auch mal betrunken sein dürfen, und es kein Problem ist, wenn jemand im Vorbeigehen einen Satzfetzen aufschnappt und sich an einen wildfremden Menschen wendet, der darauf eingeht. Bar ist immer ein Gemeinschaftserlebnis!«

— Kerstin Ehmer

In der Victoria Bar begreift man Bar als philosophische Angelegenheit

MIXOLOGY: In welche Fragen hat euch der Lockdown gestürzt?

Beate Hindermann: Abgesehen von der Frage der Wirtschaftlichkeit habe ich mich gefragt: Gibt es einen Plan B, wenn man 30 Jahre lang Bartenderin aus Leidenschaft gewesen ist? Wenn man plötzlich aus vollem Lauf gegen die Wand fährt, mag das anfangs gutgehen. Wenn aber die Perspektive fehlt, geht es ans Eingemachte. Was könnte meine Zukunft sein? Was bleibt, wenn ich kein Bartender mehr sein kann? Das haben sich bestimmt einige gefragt. Aber wo sind denn die ganzen Leute? Haben die alle einen Plan B in der Tasche?

Kerstin Ehmer: Ich denke, die Arbeitsverhältnisse in der Gastronomie sind etlichen auf die Füße gefallen oder Ausgleichszahlungen ausgeblieben. Es geht auch um Kurzarbeitergeld und Rente.

Stefan Weber: Das interessiert die Jungen doch nicht! Prekäre Arbeitsverhältnisse gab es schon immer in der Gastronomie. Das ist ein altes Phänomen. Auch dass das Nachtleben immer mit Glamour verbunden gewesen ist. Auch wir haben früher das Geld auf den Kopf gehauen, nicht gespart, lieber Champagner getrunken und gut gegessen. Ein weiteres Problem ist der Alkoholismus in unserer Branche. Auch ich würde mich als Alkoholiker einstufen, ganz einfach aufgrund der Tatsache, dass es mehr Tage gibt, an denen ich trinke, als Tage, an denen ich nicht trinke.

Kerstin Ehmer: Das finde ich aber etwas irreführend. Du trinkst gerade mal einen Drink nach deiner Schicht …

Stefan Weber: Es kommt auf die Definition an. Auch wenn ich keinen Kontrollverlust habe, trinke ich eben an mehr Tagen Alkohol als an Tagen, an denen ich es nicht tue. Ich will aber auf etwas anderes hinaus: Die jüngeren Bartender scheinen mir heute schon vernünftiger. Früher waren alle auf irgendeinem Level Alkoholiker, mal mehr, mal weniger. Es ist unheimlich, dass die Jungen nicht einmal die Hälfte von dem trinken, was wir früher getrunken haben.

MIXOLOGY: Hat die Leistungsgesellschaft auch in die Bar Einzug gehalten?

Beate Hindermann: Möglicherweise. Viele wollen alles gleichzeitig sein: Stars der Nacht, aber auch morgens im Fitnesscenter glänzen. Wir wären nie auf die Idee gekommen, vor unserer Schicht noch ins Fitnesscenter zu gehen, zwei Bananen zu essen und dann hinter die Bar zu steigen.

Kerstin Ehmer: Also bevor hier Gerüchte aufkommen: Ich weiß, dass auch die jungen Kolleg:innen trinken können, wenn es darauf ankommt …

Victoria Bar

Potsdamer Straße 102
10785 Berlin

So - Do 18:30 - 03 Uhr, Fr & Sa 18:30 - 04 Uhr

MIXOLOGY: Auch eine zunehmende Erscheinung: Viele Bars sind heute hell, frisch, fast Showroom-artig gestaltet. Low-ABV und alkoholfreie Destillate haben Einzug gehalten. Wie passt das zu eurer konkreten Vorstellung von eurer Bar als Ort der Nacht?

Stefan Weber: Alkoholfreie Destillate sind so überflüssig wie Facebook. Ich bereite aber gerne Low-ABV-Drinks auf Wermut- oder Bitterbasis zu, und ich liebe alle möglichen Champagner-Cocktails. Nicht jeder gute Cocktail muss so stark wie ein Old Fashioned sein. Aber eine Bar muss immer dunkel sein und darf nicht wie ein Friseursalon aussehen. Solche Läden können niemals Klassiker werden.

Beate Hindermann: Ich habe mir vorgenommen, die Terrasse lieben zu lernen und bin heilfroh, dass sie jetzt wieder geschlossen ist. Die Terrasse zu bedienen ist für keinen Bartender schön. Man muss den Überblick behalten, die Treppen rauf- und runtersteigen. Das ist keine Bar-Atmosphäre, obwohl wir auch dort schöne Champagner-Partys hatten.

Stefan Weber: Das Wichtigste ist die Dunkelheit. Drinnen ist drinnen, und draußen bleibt draußen. Die Bar ist wie eine Höhle, ein abgeschlossener Raum, und das ist gut.

MIXOLOGY: Habt ihr im Lockdown überlegt, eure bereits seit 2003 laufende „Schule der Trunkenheit“ ins Digitale zu übertragen?

Beate Hindermann: Nein. Die Leute sollen dieses Buch lesen und lieben. Als der zweite Lockdown kam, habe ich meine Hausbar geputzt und Schnaps gekauft. Bis November haben wir dann gekocht und schön gegessen. Bald dachte ich mir: Das kann es nicht sein. Es war, als würden Kinder im Sandkasten Kuchen backen oder im Kaufmannsladen spielen. Das war nicht real. Nach Silvester galt dann für mich „Mein Wille – null Promille“. Aus Trotz habe ich vier Monate nichts getrunken (Pause)… das war vielleicht langweilig! (lacht)

Kerstin Ehmer: Also ich habe so viel getrunken wie noch nie. Ein Teil der Faszination in einer Bar ist, dass disziplinierte Gäste auch mal betrunken sein dürfen, und es kein Problem ist, wenn jemand im Vorbeigehen einen Satzfetzen aufschnappt und sich an einen wildfremden Menschen wendet, der darauf eingeht. Bar ist immer ein Gemeinschaftserlebnis!

Stefan Weber: Mit Schwingungen im Raum, die vielleicht nicht jeden inspirieren können, mich aber schon. Die Soundkulisse, die sich aus dem Klackern der Eiswürfel, dem Geplauder der Gäste und adäquater Musik zusammensetzt – das gibt es nur live und erfüllt mich immer wieder mit Glück.

MIXOLOGY: Dann auf die nächsten 20 Jahre und danke für das Gespräch!

Das Interview führten Mia Bavandi und Stefan Adrian.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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