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Über Aufstieg und Fall der Agavenpreise

„ …und alle fünf Jahre alle so: Waaaaaah!“ Über Aufstieg und Fall der Agavenpreise

Tequila und Mezcal sind gefragt wie nie, die Agavenpreise aber purzeln aktuell in den Keller. Wie passt das zusammen? Martin Stein auf einer Spurensuche zwischen einem Markt mit wenig Geduld und einer Pflanze mit langem Atem. Und George Clooney kommt auch vor.

Giffard Alkoholfrei

Wunderliches geschieht rund um das Trendgetränk der Jetztzeit. Die Menschen sind von schlechtem Tequila auf guten umgestiegen und von Tequila weiter auf Mezcal; in den Bars wird über käsige Zwischentöne philosophiert wie vordem über Botanicals beim Gin; Paloma und Batanga schubsen den Gin & Tonic zur Seite, und bestimmt gibt es bald, entsprechend zum Whisky, ein ppm-Rennen um den offiziell rauchigsten Mezcal.

Der Boom gibt Grund zur Sorge: Wird Mais untergepflügt, um Agaven anbauen zu können, werden die Pflanzen immer früher geerntet, vielleicht zu früh? Überhitzt der Markt? Müssen die Farmer in Mexiko ihre Felder bewachen wie die Erdbeerbauern ihre in Thüringen?

Gut, vermutlich nicht, schon allein deshalb, weil die Agave größenbedingt denkbar mundraubuntauglich ist. Es ist allerdings aus noch aus einem anderen Grund wenig sinnvoll, Agaven zu klauen: zur allgemeinen Überraschung plumpsen die Preise derzeit in den Keller. Wie die Plattform Tequila Matchmaker berichtet, bewegt sich der Kilopreis für reife Agaven gerade bei etwa zehn Pesos und damit bei einem Drittel des Höchststandes von vor einem bis zwei Jahren. Nicht nur das: mit einer Fortsetzung der Abwärtsspirale wird gerechnet; ein nicht nur vorübergehender Absturz auf drei Pesos pro Kilo wird prognostiziert.
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Die Agave ist kein wendiges Segelboot

Die Boompflanze wird verramscht, und untergepflügt wird nicht der Mais, sondern junge Agaven, die dann zu Tierfutter kleingehäckselt werden. Wie kann das sein? Das ist ja, als wären nach dem Putin-Überfall der Ukraine die Gaspreise eingebrochen. Wir haben nachgeforscht, und die Erkenntnisse sind breit gefächert. Eines wird klar: Die voluminöse Agave ist kein wendiges Segelboot, das schnell auf den Sturm reagieren kann, sondern, mir ihren fünf bis sieben Jahren Reifezeit, eher ein behäbiger Tanker, unfähig zum schnellen Kurswechsel.

Was also sagen die Hersteller?

Die mexikanischen Partner von Nikša Pirović, Managing Founder von Pacific & Lime, einem Premium-Anbieter von Tequila und Mezcal, äußern sich ein wenig achselzuckend: „Die Agavenpreise können weit und schnell schwanken, konträr zur langfristigen Planung in der Produktion. Sind die Preise oben, pflanzt jeder mehr, was Jahre später dann wieder die Preise völlig auf den Kopf stellen kann. Die Höhen und Tiefen gehören zum Spiel, aber das Spiel mit den Zahlen ist auch eine Herausforderung, der wir begegnen. Wir experimentieren mit neuen Produkten wie Agavensirup, wir schließen langfristige Verträge mit den Bauern und investieren auch in eigene Felder, um uns unabhängiger zu machen.“

Kurz gesagt: Als 2016, 2017 die Preise plötzlich extrem nach oben gingen, haben alle wie wild Agaven gepflanzt – und jetzt gibt es zu viele. Es werden aber auch externe Gründe angeführt: ein geringer als erwartet ausgefallenes Wachstum und auch eine Art Covid-Blase, nach der viele Big Player noch auf zu vielen Reserven saßen und eigentlich reife Früchte auf den Feldern blieben, bis sie letztlich dann doch geerntet werden mussten.

Im Schweinezyklus der Agavenwirtschaft

Weitere Aspekte bringen Gernot Allnoch und Manuel Weißkopf von Mezcal San Cosme (und Veranstalter des Club Cantina) ins Spiel. Sie sind ebenfalls nicht unerfahren mit dem besonderen Lebenszyklus der Agave, der dann im entsprechenden Schweinezyklus der Agavenwirtschaft mündet. „Grundsätzlich ist diese Bewegung nach unten aber schon ein wenig verwunderlich, weil sie gegenläufig zur Nachfrage nach Agavendestillaten steht. Aber besonders die kleinen Produzenten haben keine eigenen Felder, und die Agave-Pflanzer sind oft Kleinbauern; das sind zwei getrennte Märkte, die dann unter den Schwankungen besonders zu leiden haben.“

Die beiden haben aber noch weitere Ansätze anzubieten: „100 Prozent Agave im Produkt hört sich ja immer toll an, aber niemand weiß, wie viel davon mittlerweile mittels Diffusoren produziert wird. Die benötigen nur noch drei statt sechs bis acht Kilo Frucht pro Liter Liquid, und die Früchte müssen nicht einmal reif sein. Nach wie vor bleiben Tequila und Mezcal sehr kostenintensive Produkte, und es kann zum Beispiel auch sein, dass große Brands aus markttaktischen Gründen querfinanzieren, etwa aus ihren Gin-Marken, deren Gewinnmargen astronomisch sind. Das setzt den Markt unter Druck.“ Denn eines ist klar: So lange die Agave auch braucht bis zur Reife, so wenig Zeit lässt sie den Bauern nach ihrer Vollendung; „Irgendwann musst du sie ernten. Sonst ist sie hin.“

Man sieht, dass die Agave trotz ihres Volumens ein kapriziöses Pflänzchen ist, das sich leichten Erklärungsversuchen entzieht. „Das Ganze hat so globale Aspekte angenommen, dass man den Agavenpreis nicht mehr als alleiniges Merkmal nehmen kann,“ so Allnoch, der noch einen weiteren Punkt nicht unerwähnt lassen will – die starke mexikanische Währung. „Wir haben momentan den sogenannten Superpeso, der seit 2022 um 25 Prozent zugelegt hat. Das ist der für mich aktuell stärkste Effekt im Markt, denn schließlich kaufen wir alle in Peso ein.“ So findet sich der Kleinbauer in seinem Streben nach einem bescheidenen Wohlstand plötzlich im Getriebe weltweiter Währungsschwankungen wieder.

Oder doch das Ende des Preiswahnsinns?

Chris Santiago von Beú Spirits, einem unabhängigen Produzenten von Agavendestillaten, der sich dem Korsett der Regulierungsbehörden nicht unterwerfen will und seine Produkte deshalb weder Tequila noch Mezcal nennen darf, sieht den Preisverfall im Grunde positiv: „Endlich findet dieser Preiswahnsinn seine Grenzen.“ Dabei hat er aber weniger den eigenen Profit als die generellen Fehlentwicklungen der Branche im Sinn: „Dieser Hype hat dazu geführt, dass alle überall Agave angebaut haben. In der Region meiner Familie gibt es an sich keine Agave, jetzt wächst sie, so weit das Auge reicht. Viele, die sie anbauen, sind nicht mal Bauern, und andere haben für die Agave Bohnen und Mais abgeschafft. Es mangelt völlig an Aufklärungs- und Bildungsarbeit. Ohne Fruchtwechsel werden so nämlich die Böden innerhalb von zehn Jahren völlig ausgelaugt.“

So wird jeder Kleinbauer zum Schmetterling der Chaostheorie, der mit seinem Flügelschlag zum späteren Sturm beiträgt. Auch Indien verfügt über Agaven; diese wurden unter den Engländern meist als Erosionsschutz gepflanzt, aber warum sollte man sie nicht auch destillieren? Rakshay Dhariwal hat mit Pistola Agave ein hochwertiges Produkt auf den Markt gebracht, holt sich seine Agaven aus der Nachbarschaft, wo sie ohnehin wachsen, und bleibt unbeeindruckt ob der Schwankungen im Mutterland. „Die Preissprünge für das Rohprodukt waren irrsinnig, alleine zwischen 2020 und 2022 600 Prozent Steigerung.Vielleicht ergibt sich nun endlich die Möglichkeit für günstigere Produkte, für mehr Tequila in guter Qualität zu bezahlbaren Preisen für den Endkunden.“

Wo ist der Agaven-Meteorit?

Auch Dhariwal vermutet jedoch einen Einfluss von industriellen Rationalisierungsprozessen wie Diffusorentechnik und Kolonnendestillation auf die jetzige Situation. Bevor es zu einer Baisse wie der jetzigen kommen kann, muss es jedoch auch einmal eine Hausse mit einem Heilsversprechen gegeben haben, dem dann alle nachgelaufen sind. Wir gehen also auf Spurensuche. Die Dinosaurier sind tot, aber wo war der Meteorit? Wir rechnen zurück. Gab es vor so sechs, sieben Jahren irgendwelche besonderen Vorkommnisse?

Tja.

Im Juni 2017 hat Diageo ein gewisse Tequila-Marka namens Casamigos übernommen und dafür insgesamt wohl so eine schlappe Milliarde US Dollar gelöhnt.

Da haben wir den Salat. George Clooney hat uns die Suppe eingebrockt. Da kann er leicht seinen Kapselkaffee saufen.
Aber so gerne man unverschämt gutaussehenden weißen Männern die Schuld für die Misere geben würde, so ungerecht wäre das auch. Böse formuliert ist die Geschichte der Agavendestillate auch eine Geschichte der Kurzschlussreaktionen bei langlebigen Pflanzen. Agavenknappheit hat schon um 1930 herum zur Einführung der gefürchteten Mixtos mit der Lizenz zum Pantschen geführt, und um das Jahr Jahr 2000 sorgten Ernteausfälle bei der blauen Weber Agave in Verbindung mit einer Währungskrise sogar dazu, dass Tequila zu 70 Prozent aus Nicht-Tequila bestehen durfte.

Man würde sich also vor allem auch weniger Ungeduld im Umgang mit einer sehr geduldigen Pflanze wünschen. Der mit allen Destillaten gewaschene Allround-Experte Philip Duff kommentiert dann auch eher lakonisch: „Seit 30 Jahren schaue ich mir diese Geschichte an, und alle fünf Jahre passiert das Gleiche – auf einmal alle so: Waaaaaaah!“

Giffard Alkoholfrei
Credits

Foto: LukaszDesign (generiert mit KI) – stock.adobe.com

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