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Alkoholfreie Spirituosen: Nur ein Trend oder die neue Art zu trinken?

Alkoholfreie Spirituosen: bewusst nüchtern?

Was sind alkoholfreie Spirituosen? Gibt es das überhaupt? Und wie wird alkoholfreier Gin überhaupt hergestellt? Wir geben einen Überblick über einen der wichtigsten und gleichzeitig kuriosesten Trends der Trinkkultur.

Sogenannte „Alkoholfreie Spirituosen“ sind ein neuer, starker Trend der letzten Jahre. Immer mehr Marken bringen Produkte auf den Markt, die den Geschmack von Gin, Rum oder Whisky imitieren. Allerdings ohne das, was diese Spirituosen eigentlich ausmacht – den Alkohol.

Nachgefragt werden die alkoholfreien Getränke, die Spirituosen imitieren, von zunehmend gesundheitsbewussten Konsumenten. „Was Du trinken solltest, wenn Du nicht trinkst“, lautet treffend der Spruch der britischen Marke Seedlip, die diese Kategorie nahezu im Alleingang wachgeküsst hat.

»Den adstringierenden Effekt von Alkohol versuchen manche Hersteller durch Bitternoten oder Schärfe zu ersetzen.«

Alkoholfreie Spirituosen statt müder Kola

Fast jeder kennt die Situation, in der man an der Bar sitzt und entweder aufgrund eines Medikaments oder eines Autoschlüssels in der Tasche nicht zum Alkohol greifen darf. Darüberhinaus gibt es auch die Trinker, denen Alkohol schlicht nicht schmeckt oder die aus anderen Gründen den Volumenprozenten völlig abgeschworen haben.

Wenn man dennoch das Angebot und die Atmosphäre von Bars liebt, hatte man in diesen Situationen häufig den Schwarzen Peter. Entweder bekam man wie ein Minderjähriger eine müde Cola über den Tresen geschoben oder musste an einem zuckrigen „Mocktail“ nippen, der nichts anderes war als eine willkürliche Mischung mehrerer Säfte und zuckriger Sirupe. In diese Lücke stoßen nun mit Verve neue Getränke, die so schmecken sollen wie Spirituosen. Aber eben ohne Alkohol.

Per gesetzlicher Definition gibt es alkoholfreie Spirituosen nicht
Dem Wortsinn nach gibt es die Kategorie alkoholfreier Spirituosen eigentlich gar nicht. Denn eine Spirituose muss in der Europäischen Union per gesetzlicher Definition einen Mindestgehalt von 15% Vol. Alkohol aufweisen. Die USA haben den Begriff „Spirituose“ sogar noch enger gefasst: Nur was mit mindestens 40% Vol. in die Flasche kommt, darf sich so nennen.

Die oben erwähnte EU-Gesetzgebung definiert zudem, dass eine Spirituose „durch Destillieren (…) aus natürlich vergorenen Erzeugnissen und/oder durch Mazeration oder eine ähnliche Verarbeitung pflanzlicher Stoffe in Ethylalkohol landwirtschaftlichen Ursprungs (…)“ hergestellt sein muss.

Mit simplen, anderen Worten: Basis einer Spirituose ist entweder ein hochprozentiges Destillat aus Vergorenem oder aber es werden Aromen in industriellen Neutralalkohol überführt, der anschließend verdünnt wird. Und das Endprodukt enthält Alkohol.

Alkoholfreier Gin ist Wasser mit Geschmack

Zwar verwenden viele der neuen Marken Essenzen und Aromen, die per Destillation oder Mazeration gewonnen wurden. Aber andere Bestandteile entsprechen der Definition nicht. Primär besteht zum Beispiel eine Flasche eines Gin-Imitats vor allem aus einer Komponente: Wasser.

Das tut dem Boom bei dieser neuen Art von Bar-Getränken aber keinen Abbruch. Fast im Monatstakt – wenn nicht gar wöchentlich – kommen neue Vertreter auf den Markt. Zum Teil sind es etablierte Spirituosenmarken, die sich an einer alkoholfreien Definition versuchen. Ein großer Teil der Produkte stammt allerdings von Neugründungen.

Sind die vielen neuen alkoholfreien Produkte wirklich „handmade“?

In ihrer öffentlichen Kommunikation geben sich viele der Marken sehr „handgemacht“ und beschreiben detailliert die aufwendigen Herstellungsverfahren. Tatsächlich stehen hinter vielen Produkten aber nicht einzelne Destillerien, sondern Aromenexperten wie „Symrise“, „Döhler“ oder „Archer Daniels Midland“, die wiederum von anderen – auf bestimmte Extraktionsverfahren spezialisierten – Unternehmen Essenzen und Aromen zukaufen.

Es ist zu erwarten, dass es zu einer Reihe von Gerichtsverfahren kommen wird, da viele der neuen Marken in ihrer Kennzeichnung die EU-Regularien missachten und die Platzhirsche ihre hochprozentigen Pfründe verteidigen werden. In Kreisen von Spirituosenexperten wird das Aufkommen der alkoholfreien „Nicht-Gattung“ ebenfalls kritisch kommentiert.

»Was man trinken sollte, wenn man nicht trinkt.«

Selbstbewusster, geschützter Claim von Marktführer Seedlip

Das Entstehen einer neuen Getränke-Kategorie

An alkoholfreien Spirituosen wird schon länger gearbeitet. Aber erst in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts ist Schwung in die Kategorie gekommen. Unser Marken-Monitor listet laufend die neuesten Produkte und ihr jeweiliges Erscheinungsdatum:

Wie kann man den Geschmack einer Spirituose imitieren?

Alkohol ist ein Geschmacksträger. Das ist auch ein Grund, weshalb zum Beispiel alkoholfreie Biere häufig einen gesetzlich erlaubten, niedrigen Alkoholgehalt von maximal 0,5% Vol. aufweisen. Erst in den letzten Jahren kommen vermehrt Biere mit 0,0% Vol. auf den Markt – nicht zuletzt, weil deren Produktion technisch sehr diffizil bleibt.

Den adstringierende Effekt von Alkohol – damit ist das leichte Zusammenziehen der Mundschleimhäute beim Trinken gemeint – versuchen manche Hersteller alkoholfreier Getränke durch Bitternoten oder Schärfe zu ersetzen.

Die verschiedenen Aromen einer Spirituose werden durch das Vermischen von Essenzen nachgebaut. Dieser Prozess verläuft nicht anders als beim sogenannten „Cold Compounding“-Verfahren, in dem sogenannte „Spirituosen-Blends“ hergestellt werden. Der Unterschied besteht darin, dass die Essenzen entweder komplett ohne Alkohol hergestellt wurden oder ihnen der Alkohol vorher entzogen wurde.

Alkoholfreie Spirituosen zwischen Druck und Labor

Methoden zur Gewinnung von Essenzen sind neben der Destillation mit Wasserdampf, wie sie etwa in der Parfümherstellung verwendet wird, auch die sogenannte „Perkolation“ und die „Kaltpressung“.

Bei der Perkolation entzieht eine Flüssigkeit, zum Beispiel Wasser, den festen Stoffen durch Tropf- oder Druckverfahren die Aromen. Die Kaltpressung wird vor allem für die Gewinnung von Ölen verwendet. Dazu kommt natürlich noch der künstliche Nachbau von Aromen im Labor. Nicht unbedingt handgemacht, wenn man drüber nachdenkt.

Dieser Artikel wird fortlaufend aktualisiert. 

Credits

Foto: ©Source The Good

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