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Riskanter Elefant? Das neue Anchor IPA

Ein Elefant auf dem neuesten IPA des US-Craft-Dino Anchor Brewing. Die Macher des berühmten Liberty Ale legen mit dem Anchor IPA eine neue Variante vor. Packt das Schwergewicht die Stoßzähne aus oder ist es eher zahm und gemütlich? Dirk Hoplitschek mit einer Annäherung an die Brauerei und das neueste Elefantenbaby.

„Seeing the elephant“ ist eine aus der Mode gekommene Redewendung aus der Zeit des amerikanischen Goldrauschs, und sie bezieht sich auf hochgesteckte, abenteuerliche, aber auch unrealistische und riskante Ziele und Träumereien, sowie auf die Suche nach überwältigenden Erfahrungen und Gefühlseindrücken (und womöglich wortwörtlich das Sehen eines Elefanten unter dem Einfluss der Drogen, die jene Gefühle hervorgerufen hatten).

Indien auf dem India Pale Ale

Nun ziert der Elefant das Etikett des Anchor Brewing IPAs, wie bei so vielen anderen IPAs auch praktischerweise gleich das Indien im India Pale Ale konnotierend. Dabei mag die Frage aufkommen, was eine Phrase aus dem 19. Jahrhundert mit dem der Craft Brewery aus San Francisco zu tun hat, doch tatsächlich kann Anchor Brewing seine Wurzeln bis ins Jahr 1849 zurückverfolgen, als ein wenig überraschenderweise deutscher Einwanderer namens Gottlieb Brekle seine Familie und sein Braugeschäft an die Westküste der USA umsiedelte (und inzwischen mit dem Brekle’s Brown auch sein eigenes Flüssigdenkmal bekommen hat). Damit dürfte Anchor Brewing nicht nur im Craft-Bereich zu einer der traditionsreichsten US-Brauereien gehören.

Anchor, wie es der Bierliebhaber heute kennt, entstand zwar erst in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, doch bis dahin durfte die Brauerei einiges durchmachen: 1896 kaufen Ernst Baruth und Otto Schinkel die Brauerei und nennen sie erstmals Anchor, wohl als Hommage an den aufblühenden Hafen ihrer Heimatstadt. Ihr Glück aber währt nicht lange, denn 1906 stirbt zuerst Baruth überraschend, dann macht das große Erdbeben die Brauerei dem Erdboden gleich, und just als 1907 das neue Gebäude eingeweiht werden soll, wird Schinkel von einer (pferdebetriebenen) Straßenbahn überfahren.
Auch die Prohibition sowie der Aufstieg massenproduzierter Lager aus Konzernbrauereien gehen nicht spurlos an Anchor vorbei, und mehrmals steht das Unternehmen kurz vor dem Aus. So auch 1965, als Fritz Maytag die Brauerei für ein paar Tausend Dollar erwirbt und vor der Schließung bewahrt. 1971 laufen die ersten Flaschen vom Band, 1979 zieht die Brauerei einmal mehr in ein größeres Gebäude um, in dem sie bis heute geblieben ist – mehr oder weniger mit dem Standardsortiment, dass man auch heute kennt. Seit 1993 gibt es zudem die Anchor Distilling Company, unter deren Namen u.a. Rye Whiskey und Gin produziert und vertrieben werden.

Was kann der kleine Bruder des großen Liberty Ale?

Der jüngste Zugang zum Biersortiment ist das Anchor IPA, welches seit 2014 gebraut wird. Doch halt! Gibt es nicht schon ein berühmtes IPA aus dem Hause Anchor? Das Liberty Ale war eines der ersten Biere, die zeigten, dass in Nordamerika inzwischen anständiges Bier gebraut wird. Viele Größen der US-Craft Beer-Szene, wie zum Beispiel Stone-CEO Greg Koch, verweisen auf Anchor, wenn sie nach dem Aha-Moment ihrer Bierlaufbahn gefragt werden. Auch den Titel „erstes amerikanisches IPA“ beansprucht das Liberty Ale für sich, obwohl man dies natürlich im Vergleich zu den damals erhältlichen englischen IPAs sehen muss, die in Hopfen- wie auch Alkoholgehalt weitaus verhaltener ausfielen. Dies dürfte auch der Grund sein, warum Anchor nun ein modernes West Coast IPA nachschiebt. Was also hat der Jüngling gegen den gewaltigen Schatten seines seit 1975 gebrauten Bruders aufzubieten?

Antwort: so Einiges!

Ein äußerst ansehnliches, leicht opalisierendes, dunkles Bernstein mit weißem, flüchtigem Schaum macht Appetit auf dieses Bier. Der Geruch erinnert an Steinfrüchte mit Beiklängen von Zitrus, dazu kommt eine harzig-holzige Note, Nadelgewächse, die schwere Süße von Waldhonig. Im Mund ist das Bier zunächst brausig, schäumt schnell auf und wieder ab. Die malzige Süße wirkt auch hier klebrig, von Waldhonig geprägt, unterstützt durch die früh aufwallende Bitterkeit, die nichts von ihrer Nadelgewächsbitterkeit eingebüßt hat und für einen holzigen Abgang sorgt, bei dem sich die Bitternoten wie Trapezkünstler durch den Mundraum schwingen und mal hier, mal da ein Kunststückchen abliefern. Stechend, prägnant, schön.

Deutlich bitterlastig, vergisst dass Anchor IPA jedoch nicht, auch seine malzige Tiefe einzubringen, um Alkohol und Bitterkeit nicht zu aggressiv werden zu lassen. Dass ihm dies nicht immer gelingt, ist vielleicht der einzige Kritikpunkt an einem sonst beispielhaften Westküsten-IPA.

Draufgängerisch hingegen, um auf die eingängliche Redewendung mit dem riskanten Elefanten zurückzukommen, ist an diesem Bier eigentlich gar nichts. Ein intensiv gehopftes IPA aus der ältesten Craft Brewery der USA? Was sollte da schief gehen?

Malz:
Two-Row Pale, Münchener, Cara

Hopfen:
Cascade, Bravo, Apollo

Hopfengestopft mit:
Cascade, Apollo, Citra, Nelson Sauvin, Haas Experimental No. 431

Credits

Foto: Bier & Elephant via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

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