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Angels‘ Share. Ein Schluck für die Engel.

Angels‘ Share, ein Schluck für die Engel – so heißt der der neue Film von Regisseur Ken Loach und Autor Paul Laverty. Eine schrecklich ehrliche und verrückte Tragikomödie über das Leben.

Glasgow – im Gerichtssaal stehen nacheinander vier kriminelle Jugendliche, die Stimme des Anklägers kommt aus dem Off. Der Beginn des Films bringt die sozialkritische Problematik der Geschichte sofort auf den Punkt. Hohe Arbeits- und Perspektivenlosigkeit und die damit verbundene Depression und Ohnmacht vieler Jugendlicher aus sozialschwächeren Familienverhältnissen, die sich ohne fremdes Eingreifen oft nicht anders als mit Aggressionen oder anderen kleinkriminellen Machenschaften zu helfen wissen. So geht es auch Robbie (Paul Brannigan) dem Protagonisten des Films. Er wurde erneut verurteilt, diesmal zur Abarbeitung von Sozialstunden.

Dieses milde Urteil freut nicht nur ihn, sondern auch seine schwangere Freundin Leonie (Jasmin Riggins), die sich vor ihrer, gegenüber Robbie gewalttätigen Familie, für ihre Beziehung zu ihm rechtfertigen muss. Ihre Liebe droht zu zerbrechen. Robbie geht es zudem mit dem Urteil des Richters alles andere als gut, nachdem er nach einer Mediationssitzung mit dem Opfer seiner brutalen Prügelattacke und dessen Familie, in Tränen ausbricht. Auch dem Zuschauer wird bei dieser sehr ehrlichen Szene das Ausmaß der grausamen Tat und die Auswirkungen auf Opfer und Familie deutlich – bis zu diesem Zeitpunkt scheint der Film ein auswegloses Drama von verschiedenen, miteinander verknüpften Schicksalen zu sein. Trotz Reue, wenig Mitleid für Robbie aufseiten des Publikums.

Dann scheint sich das Genre des Films allerdings endgültig von Drama zu Komödie zu bewegen. Der geläuterte Robbie beschließt sein Leben komplett zu verändern, und seinem neugeborenen Sohn Luke ein guter Vater zu sein. Er schwört seiner Vergangenheit ab, die Zuschauer sympathisieren dieses Verhalten – die Stimmung wird wieder etwas heiterer nachdem Robbie auf Harry (John Henshaw) trifft, dem Sozialarbeiter, der ihn bei der Abarbeitung der gemeinnützigen Stunden betreut. Harry steht sofort ganz oben in der Publikumsgunst – er ist mit seiner uneigennützigen und ehrlichen Art der heimliche Held der Geschichte.

Währenddessen findet Robbie Anschluss und freundet sich mit Mo (Siobhan Reilly), einer kleinkriminellen Diebin, die mit ihren kleptomanischen Ausbrüchen den einen oder anderen Lacher auf ihrer Seite hat, dem leicht verwirrten und trotteligen Albert (Gary Maitland) mit einem Talent zur Tollpatschigkeit und Rhino (William Ruane), dem Denkmal bepinkelnden Chaoten der Gruppe, an.

Von Torfnoten und rauchigen Holzaromen

Im weiteren Verlauf wird dann langsam deutlich, worauf der Titel des Films überhaupt abzielt. Anders als der Devils‘ Cut (der Prozentanteil der bei der Whiskylagerung im Holz des Fasses bleibt), ist der „Angels‘ Share“, der bis zu 2-prozentige Anteil, der bei der Lagerung verdunstet – sich quasi in Luft auflöst, und zu den Engeln aufsteigt. Der Bogen zum Angels‘ Share wird geschlagen, als Harry seine vier Schützlinge zu einer Whiskyverkostung einlädt. Mit Robbie als Anführer, der sich durch eine überaus feine Nase und einen differenzierten Geschmackssinn auszeichnet, entdecken die Vier ihr Interesse für hochwertigen Whisky. Als sie dann auch noch durch einen kleptomanischen Anfall während der Verkostung von Mo an geheime Informationspapiere über eine Malt Mill Single Malt Versteigerung in Millionenhöhe in den schottischen Highlands erfahren, ist die nun als Roadmovie anmutende Geschichte perfekt. Sie beschließen, sich vier Flaschen des letzten Fasses des kostbaren Whiskys abzupumpen und es an interessierte Geschäftsmänner weiterzuverkaufen. Sie machen sich auf den Weg und um nicht zu sehr aufzufallen, bezeichnen sie sich als „Single Malt Whisky Club“. Und ja, sie tragen Kilts. So viel Zeit muss sein.

Ab diesem Zeitpunkt wird die Handlung dann auch etwas zu optimistisch. Obwohl die Spannungskurve beim Abzapfen des Whiskys sehr hoch ist und vielen den Atem stocken lässt, erscheinen die darauffolgenden Ereignisse zu sehr inszeniert. Durch einen glücklichen Zufall belauscht Robbie beim Abzapfen des Whiskys ein Bestechungsversuch zwischen einem interessierten Bieter und dem Auktionator. Da der Auktionator nicht auf den Deal eingeht, kann Robbie dem amerikanischen Bieter dann später auch den gestohlenen Whisky zu einem hohen Preis und ohne Herkunftsnachweis verkaufen.

Was bleibt?

Zugegeben, wäre der Film so sozialkritisch, wie er beginnt, hätte er vermutlich anders geendet. Und auch die typischen Schottland-Klischees kommen nicht zu kurz. Als am Ende des Film dann auch noch trotz der (wirklich komischen) Ungeschicklichkeit Alberts, die den kompletten Zuschauersaal in einer Szene zu einem erschrockenen Schrei der Fassungslosigkeit hinreißt, alle vier ihren Anteil an der verkauften Flasche erhalten und Robbie mit Kind und Kegel in ein Haus zieht, um in der Nähe seines neuen Jobs zu sein, ist der Kitsch perfekt. Und man möchte es Robbie und seiner Crew sogar gönnen. Teilweise vielleicht auch etwas selbstironisch – es beginnt mit Kleinkriminellen und endet mit Diebstahl. Die Message soll aber ganz klar eine andere sein – eine zweite Chance für jeden und die Möglichkeit sich zu ändern, wenn man es denn nur will. Der Film Angels‘ Share zielt mehr auf den „Feel-Good-Factor“ ab und schafft es, den Zuschauern mit einem Happy-End ein amüsiertes Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ob es mundet, kann man seit dem 18.10.2012 in den deutschen Kinos entscheiden.

Bildquelle: aboutpixel.de / Highlands Schottland © Thomas Kneip

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