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„Vorsicht, wir verwenden auch schwule Gläser.“ Zu Besuch in der Atelier Classic Bar in Thun

Am Fuße des Thuner Schlossberges dreht sich alles um Geschichten. Um solche, die sich in der Thuner Atelier Classic Bar in Gesprächen und Begegnungen ergeben. Aber auch um solche, die getrunken werden wollen. Es war an der Zeit, Ivan Urech und seiner „Manege der liquiden Poesie“ einen Besuch abzustatten.

„Eigentlich hätte ich gerne einen solchen Ivan. Aber dann verliere ich den Ivan, in den ich mich verliebt habe.“

Genau dieser „Ivan“ Urech zitiert nun seine Lebenspartnerin, als er vor sechs Jahren vor der Entscheidung stand, eine Position in der Spirituosenindustrie zu bekleiden, ausgestattet mit Dienstwagen, sicherem Einkommen und freien Wochenenden. „Ein wunderschönes Konzept, das vielen Partnerinnen besser gefallen könnte“, meint der nunmehrige Geschäftsführer und Betreiber der Atelier Classic Bar am Thuner Rathausplatz.

Aber er entscheidet sich dagegen. Und dafür, lieber der „vertraute Ivan“ zu bleiben, die Idee zweier Partner aufzugreifen und schlussendlich die seine eigene in Thun zu verwirklichen. Seither wirkt er dort als leidenschaftlicher Gastgeber, dem es am Herzen liegt, seine Gäste zufrieden zu stellen: „Es klingt klischeehaft, aber es ist tatsächlich so: Nur wenn der Gast zufrieden ist, hast du den Job wirklich gut gemacht. Kommt er wieder, ist es die beste Referenz. Sei es ein älteres, elegant gekleidetes Pärchen, dem wir die Türe öffnen, oder junge Gäste, die wir zu coolen Drinks motivieren können.“

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An diesem Tresen entsteht die „Manege der liquiden Poesie“
Aber auch, wer nur ein Bier trinken und Billard spielen will, ist herzlich willkommen

„Vor allem braucht es ein bisschen alle.“

Bunt gemischt formiert sich die Klientel in der im Industrial-Design gekleideten Bar direkt unter dem Schlossberg im ältesten Teil der Stadt, wo in früheren Zeiten ein Hospiz gelegen war. Auf dem Gipfel thront das Thuner Schloss als Wahrzeichen der elftgrößten Stadt der Schweiz mit seinen knapp 50.000 Einwohnern. Im Ausblick erschließt sich der rundum liegende Berner Alpenraum. Touristen besuchen die teils von Stadtmauerresten durchzogene Bar wegen der in Tripadvisor oder Google publizierten Drinks. Stammgäste, Freunde oder Lokalpolitiker:innen schauen gerne auch mal nur zum Apéro oder Feierabend-Bier vorbei oder freuen sich bei Billard oder Schach im Spielzimmer auf Verbundenheit und Geselligkeit.

Gerade im Winter, wenn die Terrasse geschlossen ist, findet manch Barpianist Gefallen an dem über 200 Jahre alten Klavier-Gehäuse, das für ein spontanes Live-Konzert mittels E-Piano-Einsatz spielbar wird. Währenddessen tummelt sich die Formation der Insta-Wütigen mit ausgewählten Drinks rund um das barocke Salon-Sofa, das direkt über dem Tresen in der oberen Etage platziert und über die offene Stiege erreichbar ist. „Unser Insta-Point“, lächelt Ivan Urech und meint weiter: „Das braucht es heutzutage auch. Vor allem aber braucht es ein bisschen alle.“

Vorhang auf zur „Manege der liquiden Poesie“

Nämlich unterschiedliche Charaktere und Individuen, die sich gerade dann im Inneren verdichten, wenn sich „alle“, vom Banker bis zum Bauern, zu dichtem Bargeflüster in der Atelier Classic Bar begegnen. „Es braucht einfach alles. Man kommt zum Gespräch zu uns an die Bar, an der wir wirklich für alle gerne gute Cocktails mixen. Nur nicht für Rassisten, Homophobe oder bösartige Menschen“, betont er die Ausrichtung des Thuner Treffpunkts.

Kleidervorschriften wären unangebracht. Zum einen entspreche das nicht der Ausstrahlung eines „Free-Style-Ortes“ wie Thun mit seinen vielfältigen Sport- und Freizeitmöglichkeit zu Wasser sowie im Berner Oberland während des ganzen Jahres. Zum anderen nicht der Philosophie der Bar. „Wir klassifizieren Menschen nicht nach ihrer Kleidung. Es sind die Leute, die Kleider machen. Sei einfach nett. Das gilt bei uns“, tönt das Gebot der Bar in der Thuner Altstadt zu Respekt und Freude am Genuss.

Als wesentlicher Teil dessen gilt „Die Manege der liquiden Poesie“ – die Karte des Hauses, die als inspirierende Lektüre verstanden werden darf. Regional hergestellt, mit Zeichnungen der Thuner Tätowiererin Noreen Benham und in Teamarbeit per Hand vor Ort in Ledereinband geschraubt, repräsentiert sie jeweils ein Unikat. Denn nicht immer wird auch das metallene Atelier-Schild millimetergenau gleich platziert. Ihre einleitende Botschaft: „Wir machen darauf aufmerksam, dass diese Karte in ironischem Akzent geschrieben wurde. Sie kann Spuren von Sarkasmus, Erotik, Haselnüssen und vulgären Kraftausdrücken enthalten. Kleine Randbemerkung für alle Homophoben: Vorsicht, wir verwenden auch schwule Gläser.“

Vor mehr als fünf Jahren hat Ivan Urech mit dem Verfassen der Cocktailkarte begonnen. Unter kreativer Team-Mitwirkung ist diese auf rund 80 Seiten angewachsen. Zitate aus Serien und Filmen verschiedener Genres von Art House bis zum Thriller oder von bekannten Persönlichkeiten und Zeichnungen umgeben die „Atelier Liquids“ mit der Eröffnung aus dem Film „Fack ju Göthe“: „Dies ist eine Bar, heul‘ leise Chantal“.

Der Hausherr Ivan Urech lebt seine Bar

Atelier Classic Bar

Rathausplatz 3
3600 Thun

Di - Do 17 - 00.30 Uhr; Fr - Sa 17 bis 1:30 Uhr, So 17 - 00:30 Uhr, Montag geschlossen

Die beste Barkarte der Schweiz 2021

Das Besondere an der Barkarte sind die Cocktail-Geschichten. Beiträge zur Herkunft von und Erzählungen zu klassischen wie Signature Drinks sollen Gästen neue oder überraschende Trink- und Genusserfahrungen bereiten. „Wenn sich Gäste nicht an Zutaten, sondern an Geschichten orientieren und nach hervorgerufenem Gefühl entscheiden, lernen sie vielleicht Drinks kennen, die sie aufgrund der Zutaten nicht ausgewählt hätten“, findet Urech.

„Was will man mehr?“, fragt der Old Cuban als „ein in Bernsteinfarben gehüllter Daiquiri, aufgegossen mit Champagner und mit Minze verfeinert“. Die „Manege der liquiden Poesie“ wurde bei den Swiss Bar Awards 2021 zur besten Barkarte des Landes gekürt. „Just am Tage des 80. Geburtstags von Charles Schumann, dessen Barbuch mich zu Beginn meiner Karriere inspiriert und belehrt hat“, würdigt Urech die deutsche Barlegende im Rahmen der Verleihung.

Für Ivan Urech sind die Arbeit und der Austausch mit Menschen eine große Motivation. „Der Gast kommt zu dir. Es kann sein, dass er dich umarmt, weil sein Sohn geboren worden wurde und er eine Runde für alle spendiert. Eine halbe Stunde später kann jemand etwas anders Bewegendes berichten. Es ist die unvorhersehbare Geschichte, die unsere Arbeit spannend macht.“

Herz, Wärme und Geborgenheit

Diese Verzahnung von Geschichten ist auch im Team eine fundamentale Basis, die den Flair der Atelier Classic Bar repräsentiert. „Wir verbringen mehr Zeit miteinander als mit unseren Partnern. Um zu funktionieren und Barkultur zu leben, braucht es nicht nur das beste Handwerk, sondern Herz, Wärme und Geborgenheit. Diese Atmosphäre ist ein von uns gestiftetes Gesamtprodukt, das sich spürbar auf den Gast überträgt“. Um das Fachwissen zu vertiefen, versammelt sich das Team einmal im Monat zur internen Weiterbildung. Ein Mitarbeiter des fünfköpfigen Teams lädt zum Vortrag über Spirituosen oder die Barkultur betreffende Themen. „Die anderen hören zu, diskutieren, reflektieren. Neben unserem bewährten Feierabend-Drink oder gemeinsamen Skiausflügen ist dies eine gute Teambuilding-Aktion. Außerdem verinnerlicht man selbst recherchierten Stoff besser“, findet der in Hawaii geborene Schweiz-Amerikaner.

Er selbst hat die Ausbildung zum Restaurantfachmann und eidgenössisch diplomierten Hotelier absolviert, um später „etwas im Rucksack zu haben“. Neben den Bar-Agenden und der kürzlich angelaufenen Markteinführung seines eigenen Dry Tonic Water Kandt engagiert er sich auch als Fachlehrer in der Berufsschule Bern und Hotelfachschule Thun.

In der Atelier Classic Bar setzt man auf gediegene Atmosphäre

Der Reisende in Thun

Denn neben guten Sommelier-, Barista- oder Bartender-Kursen sei eine fundamentale Ausbildung für das Barfach immer noch abgängig. „Es wäre schön, wenn es bereits im Rahmen der Grundausbildung eine Spezifizierung und mehr Zusatzbildung geben kann, um die Jungen früher abholen zu können“, findet der ausgebildete Biersommelier, der selbst als Quereinsteiger ins kalte Barwasser gesprungen ist.

Seinen Rucksack dafür hat er selbst gepackt, mit praktischen Arbeits- und Trinkkulturerfahrungen bei ausgedehnten Reisen von Kanada bis Südamerika – und natürlich Hawaii.

Davon kann man sich selbst überzeugen. Wesentlich näher: in Thun.

Credits

Foto: lowlight.ch

Comments (1)

  • Robert Schröter

    Eine phantastische Bar, welche schon seit Jahren eine viel größere Aufmerksamkeit von Connaisseuren und Bartendern verdient hat!

    reply

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