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Aviation Cocktail Geschichte

Die Geschichte des Cocktails, Teil 11: Der Aviation Cocktail (1916)

Der Aviation Cocktail ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, in alten Büchern zu stöbern. Lange Zeit war das Originalrezept und auch die darin verwendete Crème de Violette in Vergessenheit geraten. Im Zuge der Cocktail-Renaissance gilt dieser Cocktail als Klassiker. Und als perfekter Drink, um ins neue Jahr abzuheben.

 

Der Aviation ist ein weiterer Cocktail, dessen Rezeptur erstmals von Hugo Ensslin veröffentlicht wurde. In ihm zeigt sich, wie im Laufe der Zeit Cocktails immer kreativer weiterentwickelt wurden. Man verwendete ungewöhnlichere Zutaten. Im Aviation Cocktail ist dies der Veilchenlikör. Wir können uns glücklich schätzen, dass dieser heutzutage wieder erhältlich ist und wir so den Aviation Cocktail wieder originalgetreu zubereiten können.

5 cl Gin
1 cl Zitronensaft
1 cl Maraschino
1 cl Crème de Violette
Glas: Coupette
Zubereitung: geschüttelt

Blau wie der Himmel

Es gibt jedoch nicht nur diesen Aviation Cocktail. Vielmehr erschienen zwischen 1912 und 1916 vier komplett verschiedene Mischgetränke gleichen Namens. Heute versteht man unter dieser Bezeichnung Hugo Ensslins Variante, die jüngste von allen. Bei ihm ist die Bezeichnung am einleuchtendsten. Durch den Veilchenlikör erhält das Getränk eine leicht blaue, an einen Himmel erinnernde Färbung.

Es verwundert auch nicht, dass die Bezeichnung „Aviation Cocktail“ so beliebt war, denn in den Zeitungen der damaligen Zeit war das Thema Luftfahrt allgegenwärtig und etwas relativ Neues, sich beständig Weiterentwickelndes.

Die entscheidende Crème de Violette

Crème de Violette ist die Zutat, die aus diesem Cocktail etwas ganz Besonderes macht. Spätestens seit den 1960er Jahren war er in den USA jedoch nicht mehr erhältlich, und auch sonst war er kaum zu bekommen.

Wir müssen dankbar sein, dass Crème de Violette inzwischen wieder verfügbar ist. Es ist eine zauberhafte Zutat, die zwar schwierig einzusetzen ist, aber bei gekonnter Verwendung wundervolle Drinks entstehen läßt. Ausschlaggebend ist seine Qualität. Es gibt zahlreiche Produkte auf dem Markt, die ganz scheußlich nach Seife schmecken. Wer diese einmal probiert hat, versteht sofort, warum manche eine Aversion gegenüber Crème de Violette entwickelt haben.

Auch Harry Craddock verzichtete bereits in seinem 1930 erschienenen „Savoy Cocktail Book“ darauf. Dessen Variante reicht jedoch nicht an das Original heran. Vielleicht ließ er den Veilchenlikör bewusst weg, vielleicht war Harry Craddocks Rezept aber auch durch einen Übertragungsfehler verändert. Auch bei anderen Rezepturen, die er offensichtlich aus anderen Büchern übernommen hatte, kam es nämlich zu Fehlern. Das Savoy Cocktail Book galt lange Zeit als Standardwerk, und so hat es auch dazu beigetragen, dass der Aviation Cocktail oftmals ohne den Veilchenlikör zubereitet wurde. Lange Zeit dachte man sogar, das Rezept aus dem Savoy Cocktail Book sei das originale. Hugo Ensslin und sein Werk hatte man vergessen.

Die Wiederentdeckung des Aviation Cocktails

Doch der Aviation war selbst in vergangenen Zeiten nicht wirklich bekannt und wird nicht nur zu Zeiten seiner Entstehung ein Schattendasein geführt haben. Erst mit der Wiederentdeckung des Originals ist er bekannter geworden.

David Wondrich hatte im Jahr 2004 Hugo Ensslins Buch auf ebay entdeckt und war überrascht, auf was für ein wichtiges, vergessenes Buch er gestoßen war. Er war es auch, der den Aviation Cocktail letztendlich wieder in unser Bewusstsein gebracht hat.

Die Rezeptur: hoher Säureanteil ist nicht hilfreich

Für den Aviation Cocktail gibt es zahlreiche verschiedene Mischungsverhältnisse. Meiner Meinung nach ist es wichtig, den Zitronenanteil zu reduzieren, damit die übrigen Aromen genügend Raum erhalten, um sich zu entfalten. Ein erhöhter Säureanteil ist hier nicht hilfreich. Wie bereits beim Brandy Crusta erläutert, war Zitronensaft ursprünglich definitionsgemäß kein Bestandteil eines Cocktails.

Man muss also feststellen, dass der Aviation Cocktail trotz seines Namens kein Cocktail mehr im ursprünglichen Sinne ist. Zum einen enthält er Zitronensaft, zum anderen fehlt ihm der Bitters. Wir haben ihn dennoch in diese Sammlung aufgenommen, denn er ist ein sehr frühes Beispiel dafür, dass viele Mischgetränke zwar Cocktail genannt wurden, obwohl sie kein Cocktail waren. Die zuvor mehr oder weniger klar definierten Getränkegattungen „verwahrlosten“ mehr und mehr. Hier deutet sich bereits der heute weit verbreitete Sprachgebrauch an, unter einem Cocktail jegliche Art an Mischgetränk zu verstehen.

Nektar der Götter

Der Aviation Cocktail ist einer meiner Lieblinge, und ich schließe mich Gaz Regans Einschätzung an: „Bring it to the lips and sip, don’t gulp. This is truly one of the nectars of the gods. Stands head and torso above the Aviation sans violette.“

Führen wir ihn also an unsere Lippen und nippen daran. Kippen wir ihn nicht herunter, denn dies ist wahrhaftig einer der Nektare der Götter, und er steht meilenweit über dem ohne Crème de Violette zubereiteten Aviation Cocktail!

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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