TOP

Bangkok: Von Shanty towns und Wolkenkratzern

Ladyboys und Garküchen. Rooftop-BlingBling und Slum-Gestank. Bangkok ist eine Stadt von Superlativen und extremen Gegensätzen. Doch hat die Stadt jenseits der polierten Touristenbars eine echte, für westliche Besucher zugängliche Barkultur zu bieten? Philipp Gaux mit einem Bericht.

Irgendwo an den Ufern des Chao Phraya, dem besungenen „muddy old river“, liegt dieses Bangkok also. Asiatische Metropole und Startpunkt vieler Backpacker. Eine Stadt, so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Elendsviertel grenzen an moderne Hochhäuser, vor 5-Sterne-Hotels finden sich mobile Garküchen. Dreck, Armut, unsagbare Hitze, Luxus, Laissez-faire und Savoir-vivre — Gegensätze gehen Hand in Hand wie ein sich fremdgewordenes, ja verbittertes Ehepaar. Doch wie spiegelt sich die Cocktail-Kultur in einer solch kontrastreichen Stadt wider? Was kann man erwarten in einer Stadt, bekannt für Massage-Salons, Ladyboys und Rooftop-Bars? Von der Khaosan Road bis zum Lebua. Let’s start.

Der Grund für einen Drink: die Hitze

Steigt man aus dem Flugzeug, trifft einen die südasiatische Hitze mit solcher Wucht, wie es sonst wohl nur ein thailändischer Muay Thai-Boxer täte. „Temperaturen um 40° sind hier durchaus üblich“, bestätigt schon unser Taxifahrer, also sehnen wir uns nach einer Abkühlung, sollten uns vorher jedoch umziehen, denn wir beginnen unsere Bar-Tour elegant.

Sind wir jetzt für den Ausblick hier?

Unser Startpunkt soll das Lebua sein. Argwöhnisch betrachten wir die bekannte Rooftop-Bar am Fluss und betreten den Wolkenkratzer. Für die einen Mekka und zugleich Epizentrum der Reichen und Schönen, für die anderen der Ausblick schlechthin über Bangkok. Nur Zeit, diesen auch zu genießen, hat man nicht. Durchgeschleust und begleitet zum Aufzug und zur Terrasse, wird einem Champagner für rund 80 € das Glas, 1000 € die Flasche angeboten. Wir lehnen dankend ab, wir seien ja schließlich wegen der Cocktails hier. Doch können diese überhaupt qualitativ hochwertig zubereitet und umgesetzt werden, bei dem Gästeaufkommen und der Fluktuation, die hier herrscht? Wir sind skeptisch. Schnell wird uns eine Karte gereicht und der „Hangovertini“ beworben, der ja extra für den fast gleichnamigen Film – teilweise gedreht eben auf jener Dachterrasse – entwickelt worden sei.

Wir entscheiden uns jedoch für einen Martini-Twist mit Schokoladen-Marshmallow-Pistazien-Sauce, Vodka, Frangelico und Crème de Cacao, dekoriert mit einem Haselnuss-Mandel-Popsicle, der dem Drink zusätzlichen Geschmack verleihen soll. Fancy, was sich da Cocktail nennt. Innovativ mag er ja sein, unser Drink, der die dunklen schokoladigen Noten der Crème de Cacao gekonnt mit dem Frangelico und dem Eis vereint, nur zu warm ist er leider auch. Besagter Cocktail mag zwar etwas teurer sein, aber um Geld geht es den meisten Besuchern hier nicht. „Der Blick ist das, was zählt…“ so Rhanja, Geschäftsmann aus London, der sich bei uns noch immer über die schlechten Drinks im Banyan Tree beklagt und nun einen Espresso Martini auf der höchsten Hotelbar der Welt mit uns trinkt. Cheers! Wir müssen jedoch weiter, das Maggie Choo’s wartet auf uns.

Es geht auch Fernost

An der dicht befahrenen Silom Road offenbart sich uns ein weiteres Mal Bangkoks kontrastreiche Welt: Wolkenkratzer grüßen gegenüberliegende, dunkle und verfallene Go-Go-Clubs. Es scheint gar, als sei mancherorts die Zeit stehen geblieben. Es ist hier, unweit vom Lebua, ein kleiner, unscheinbarer Ort, der mit seinem Neon-Schild moderne Barkultur verheißt. Wir gehen eine kleine, hölzerne Treppe hinunter und gelangen in einen sous-terre gelegenen, im chinesischen Stil geprägten Innenhof. Irgendwo dann ein kleiner Vorgang, hinter dem jenes Paradies gelegen scheint, das den mysteriösen Namen Maggie Choo’s trägt und uns angepriesen wurde. Schnell tauchen wir ein in die mystische Welt der chinesischen Kaiserzeit, eine Welt, in der alle Sinne bedient werden.

Vor unseren Augen tatsächlich: Schaukeln, auf denen sich gelangweilt schöne Frauen räkeln und Luft fächern, direkt daneben eine afro-amerikanische Formation, die mit ihrem Blues und Soul zu begeistern weiß. Es geht hier um eben jene Kontraste, die Bangkok ausmachen, und das spiegelt sich auch auf der Karte wider. Ostasiatische Twists neben Klassikern, doch uns wird schnell klar: man kommt hier in erster Linie wegen der Stimmung hin. Wer seinen Drink gerne erklärt bekommen möchte oder sich nach einem ruhigen Genuss-Moment sehnt, der ist hier falsch. Das Maggie Choo’s bietet in erster Linie eine ungezwungene Atmosphäre mit Wiedererkennungswert, ein Varieté der Sinne, ein Ort zum einatmen aber eben nicht zum genießen. Eine ideale Bar nach dem Speakeasy und vor der Clubbing-Nacht.

320 Silom Road, Bangrak

Die drei Schweden: Bangkoks Zukunft?

Es ist zehn Uhr abends. Wir haben noch viel vor. Und nach 1 Uhr ist hier in den meisten guten Hotelbars Schluss. Es soll da aber tatsächlich drei schwedische Pioniere geben, die Bangkoks Barkultur einst salonfähig machten. Unsere Reise führt uns zum Lady Brett, sowohl Diner als auch Bar im gleichen Gebäude wie „Uncle“ (United Nations of Cocktail Lovers Everywhere), unserem eigentlichen Ziel. „Lady Brett war zuerst da, steht eher für einfache Drinks, wohingegen „Uncle“ nur dreimal die Woche geöffnet hat und das Herz eines jeden Cocktailliebhabers höher schlagen lässt“, so Sebastian de la Cruz, der einst in Schweden arbeitete, jetzt aber Bangkok um seine Künste bereichert.

Und was er tut, das kann sich sehen lassen. Sein mit Cynar, Umeshu, Amaro Bitters und 12-Jahre altem Flor de Cana gefertigter Drink verzaubert uns. Verlegen bitten wir ihn um seine Meinung zum thailändischen Mekong-Whisky, der geschmacklich nicht so recht weiß, ob er nun wirklich Whisky oder doch eher Rum sein will. Er empfiehlt uns das Vesper als nächste Bar und möchte seinen Freund und dortigen Bartender Colin gerne mit einem Boomerang testen.

149 S Sathorn Road, Yan Nawa, Sathon / Open: Mi, Do, Fr

Vesper ohne Vodka

Mit Glas in der Hand nun also auf zum Vesper. Colin, gebürtiger Schotte und schon seit vielen Jahren in der Barszene Asiens unterwegs, tippt auf ‚Diplomatico’ oder ‚Cana’ und prangert die Rechtmäßigkeit des Testes an. Im Vesper warten zahlreiche klassische Cocktails auf uns. Einerseits Restaurant, andererseits moderne Bar, versuchen Bartender und Team stetig neue Impulse zu setzen und haben sich seit einiger Zeit dem Barrel-Aging verschrieben. Generell erfahren wir, wie schwierig es sei, hochwertige Spirituosen in Thailand anzubieten, da diese durch eine hohe Besteuerung für Bars häufig unwirtschaftlich werden.

„Dann muss man halt mal draufzahlen und dieses Prinzip müssen die Thais häufig erst noch kennenlernen“, so Colin, der uns mit einem herrlichen Gin Sour mit Earl-Grey-Infusion in molekularem liquid-nitrogen-Mantel die nötige Kraft für unsere letzten zwei Stationen verleiht.

10/15 Soi Convent Road, Silom, Bangrak



Bangkok kann Speakeasy! Verschrobener Glanz trifft kühne Mixologie

Nach einer Odyssee durch verlassene Straßen, im Viertel Thong Lor gelegen, gelangen wir nach vielen Blicken auf unser GPS und stetigem Nachfragen schließlich doch zum Sugar Ray, einer von Thais eröffneten Speakeasy-Bar, die mit einem ausgefallenen Konzept zu glänzen weiß. Attapon erklärt uns, dass man sich hier für das „One-Table“ Prinzip entschieden habe. Ein System, das es den Gästen ermöglicht, mit dem Bartender zu interagieren, da dieser auf der anderen Seite eines Holztisches für sie die Drinks zubereitet. „Es gibt jeden Abend ein unterschiedliches Motto“, so etwa Gin-Klassiker an unserem Abend.

Und so genießen wir einen perfekt abgestimmten Martinez, den Attapon mit seinem selbst-hergestellten Old-Tom-Gin vor unseren Augen rührt. Herrlich, diese Atmosphäre, die einen in die 20er-Jahre eintauchen lässt und das Illegale plötzlich ganz legal erscheinen lässt. Spielkarten mit Motiven von Pornostars (auf Konsum von Pornografie stehen in Thailand bis zu 2 Jahre Haft) und schummriges Licht, treffen auf Möbel der Roaring Twenties, und gekonntes Bar-Wissen inmitten unverwechselbaren Industrie-Chics. Wir fühlen uns hier wohl und glauben, das Exil gefunden zu haben. Was könnte es jetzt noch besseres geben als diese fernab vom Trubel gelegene Bastion für Cocktail-Connaisseure? Vielleicht das Hyde & Seek?

Thong Lor, Baan Ekkamai, Ekkamai Soi 21 / Open: Mi, Fr, Sa

Die Offenbarung im Hinterhof

Nach einer schier unendlichen Taxifahrt durch die Straßenschluchten Bangkoks, vorbei an einer mit Wellblechhütten gesäumten Szenerie, fährt das Taxi uns in einen verlassenen, hell beleuchteten Hinterhof im Viertel Sombat. „Hier soll also das Hyde & Seek sein?“, fragen wir verwundert. Der dem Englischen nicht sonderlich zugetane Taxifahrer gestikuliert wild, schaut noch einmal auf die Adresse und fährt ein paar Meter weiter. „Jetzt aber…“ können wir seiner Mimik entnehmen und tatsächlich: was sich da vor uns abspielt, sieht aus wie ein moderner, vom Interieur schlicht und trotzdem elegant gehaltener Diner, fern vom Großstadttrubel zwischen Parkhaus und Hoteleingang gelegen.

In der Hoffnung, der häufig beworbenen touristischen Spezialitäten fernzubleiben und die wahre thailändische Barkultur kennenzulernen, betreten wir gespannt das Innere und werfen einen Blick auf die Karte. Kokosnuss-Drinks und Thai Sabai? Touristische Fehlgriffe wie auf der Khaosan Road? Fehlanzeige! Stattdessen warten spannende Classic-Twists auf uns oder ein mit infusioniertem Kümmel-Koriander-Likör, Rotwein-Reduktion und Ananas zunächst flambierter Sud, der anschließend mit vielleicht nicht ganz so hochwertigem Whisky versetzt wird und sich „Black Hawk“ nennt. Khun Jib hat die Bar im Griff und verfolgt ihre Grundsätze der Mixologie mit derartigem Anmut, dass es einem Cocktail-Connaisseur vor lauter Freude fast die Tränen ins Auge treibt.

„Sind wir schon im Himmel oder doch noch im Hyde and Seek“?, fragen wir uns und blicken zurück auf unsere erlebnisreiche Reise durch die Cocktailkultur dieses fernen Landes. Ob Roof-top-Bar oder versteckter Speakeasy, eines ist sicher: „One Night in Bangkok“ wird da wohl nicht reichen…

65/1 Athenee Residence, Soi Ruamrudee, Wireless Road, Lumpini

Credits

Foto: Artikelbild via Shutterstock. Bilderserie via Philipp Gaux.

Kommentieren

Ich akzeptiere