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Auf Barbesuch im Berner Oberland – vor und nach Corona

Auch dieser Artikel wurde auf gewisse Weise ein Opfer von Corona. Bereits im März wollten wir diese „Bartour im Berner Oberland“ veröffentlichen. Nun hat Autor Robert Schröter zwei der damals besuchten Bars in Bern und Thun erneut gesprochen – und wirft gleichzeitig ein Schlaglicht auf einen Teil der Schweizer Barszene im Verlauf der Corona-Pandemie.

In Bern eröffnete im Dezember 2019 – also nur wenige Wochen vor den rigorosen Schweizer Corona-Maßnahmen – inmitten der Stadt die Bar Asino. Der „Esel“ liegt direkt am Casinoplatz im Herzen der de facto Hauptstadt des Landes.

Bei meinem Besuch an einem Januarabend gegen 20 Uhr konstatierte ich: „Auf dem Weg zum Bahnhof kehre ich noch auf dem Casinoplatz ein in das kurz vor Weihnachten eröffnete Asino, welches auf kleinstem Raum mit ungewöhnlicher Inneneinrichtung, Licht und Drinks aufwartet. Hier scheint sich die Drinks-affine Jung-Bohème wohl zu fühlen. Zwei Bartender sorgen für schnellen Service auch ungewöhnlicher Getränke. So genoss ich bis dato in Bern noch nicht entdecktes, geröstetes Sesamöl in meinem ‚Rye No 1‘. Ein Rotovap im Keller ermöglicht die eigene Re-Destillation von Grüntee-Chartreuse und Steinpilz-Rye in meinem Drink.

Vermieter kommen den Bars in Bern entgegen

Was ist seither passiert? Betreiber Silvan Hug informiert: „Die notwendige Schließung aller Bars war natürlich ein Schock für uns alle. Rückblickend betrachtet gab uns dies jedoch die Chance, direkt nach der erfolgreichen Eröffnung noch einmal nachzujustieren. Wir haben uns dem Back Office gewidmet, um quasi … nun ja, geordneter zu eröffnen.”

Der Vermieter des Asino, ein großer Schweizer Finanzdienstleister, kam tatsächlich auch proaktiv auf den neuen Betrieb zu und bot einen Mieterlass der sowieso vergleichsweise nicht teuren Miete an. Silvan Hug berichtet, dass sich in Bern viele Bars über ein Verständnis der Vermieter freuen konnten. „Die Stadt ermöglichte uns dann auch bei der zweiten Eröffnung eine große Terrassenbestuhlung. 82 Plätze ­– obwohl wir innen nur 16 Sitzplätze haben! Wir haben dies anfangs auch voll ausgereizt, haben dann aber intern eine Grundsatzdiskussion geführt, was wir eigentlich anbieten wollen. Also haben wir wieder auf 52 Außenplätze verringert, um uns so stärker auf unser Kerngeschäft – Cocktails – zu fokussieren, anstatt Weinschorlen und Bier.”

Rückblickend sind sie auf diese Weise, auch dank Kurzarbeit und einem sehr kleinem Team, ohne den ganz großen Schaden durch die Corona-Zeit gerutscht. „Wirklich spannend wird es aber natürlich im Herbst, denn mit unseren aktuellen Konzepten können wir die Bar wohl nur für deutlich unter 16 Gäste öffnen. Wir probieren also jetzt schon Prototypen wie ‚Chef’s Table” oder Foodpairing mit einer sehr kleinen Gästezahl, um im Winter nicht schließen zu müssen.”

Auch die Atelier Classic Bar in Thun kommt gut durch den Sommer

Obwohl jeder noch so malerische Abend irgendwann einmal zu Ende gehen muss – jener im Januar tat es nach meinen Barbesuchen in Bern noch nicht. „…ich schwebe aus dem rosa Licht des Asino und nehme für 20 Minuten einen Zug zum nächsten Städtchen: Thun. Malerisch liegt es am Thuner See und bietet neben dem Blick auf die berühmten Bergspitzen Jungfrau, Eiger und Mönch auch gastronomisch und kulturell einiges. Es ist sowohl Ort meines Hotels als auch einer überaus entdeckenswerten Bar. Denn die Atelier Classic Bar gleich gegenüber des Rathauses bietet ein breites Spektrum auf höchstem Niveau. Obwohl es im Sommer ein Plätzchen an der Sonne ermöglicht, liegt es eigentlich in den alten Gewölben der städtischen Keller. Hochwertige Drinks mit und ohne Alkohol sind garantiert durch den national und international vielfach ausgezeichneten Ivan Urech. Sein junges Team ist top ausgebildet. So verdiente sich hier beispielsweise die nun im Basler Angels‘ Share weiter durchstartende Rebekka Anna Salzmann ihre Sporen …

So las sich zumindest der Abschluss meiner Januar-Tour im traumhaften, nur 70.000 Seelen zählenden Thun. Viel hat sich seither geändert – und fast alles zum Positiven. Denn der Bar wurden im Frühjahr endlich Terrassenplätze auf dem Rathausplatz bewilligt, ab Mai ging dort die Post ab. Damit konnte die im Sommer chronisch schwächer besuchte Bar das jährliche Sommerloch komplett hinter sich lassen. Dass sich das Atelier im Jahr 2020 nicht mehr nur in Gewölben abspielte, sondern jene großzügige Terrasse bestuhlen durfte, lag jedoch weniger an Corona. Barchef und Geschäftsführer Ivan Urech hatte an der Konzessionserweiterung schon längere Zeit beharrlich gearbeitet. Und wurde nun zum kritischsten Zeitpunkt belohnt.

Die Atelier Classic Bar sorgt in Thun für hochwertige Cocktails
„Stößchen” heißt es im Atelier nicht nur beim Prosten

Apero pays the bills

Auch er sandte gleich zu Beginn der Corona-Beschränkungen sein Team in die Kurzarbeit. Dem Schweizer Arbeitslosengeld entsprechend, bekamen also alle Mitarbeiter 80% ihres eigentlichen Lohns. Doch konnte er dank der Terrasse nicht nur alle Mitarbeiter wieder voll beschäftigen, es mussten sogar die Stunden aufgestockt werden. Denn aufgrund des Ansturms öffnete er alle sieben Tage der Woche – und sogar noch eine Stunde früher für den Apéro. „Cash pays the bills” sagt Ivan Urech so weise wie Street-smart. „Und daher ist dieses Jahr sicherlich auch der Aperol Spritz oder Hugo ein Freund jener Barbesitzer, die in den letzten Jahren versuchten, ihre Gäste in Richtung filigranere Getränke zu lotsen.”

Es waren also bis zum Corona-Ausbruch auch für die Schweizer Barszene Goldene Jahre. Zürich und Basel traten mit Wucht und Verve auf das internationale Podest. Und machen Lust auf weitere Neuentdeckungen südlich des Rheins.

Ein Bar-Besuch im Berner Oberland lohnt

Als Fazit sollten aber Wintersportfreunde (und nicht nur diese) mit Sinn für Genuss auch Thun und Bern auf die Liste setzen. Mit ICE und Mund- und Nasenschutz gelangt man auch aus vielen deutschen Großstädten ohne Umstieg hier an. Und kann mit Ski, Martini und Fondue das süße Leben mit Gemächlichkeit genießen.

Vor allem, wenn der weltweit fieberhaft gesuchte Impfstoff zur Verfügung steht.

Credits

Foto: Asino Bar (Aufmacher)

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