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Stadtgeschichten Bars im Ruhrgebiet

Cocktailglanz statt Grubengold: Auf Bartour im Ruhrgebiet

Die „größte Stadt“ Deutschlands ist barkulturell noch mehr oder minder ein weißer Fleck. Aber nur auf den ersten Blick. Denn in den verschiedenen Zentren dieses 5-Millionen-Ballungsraums zeigen auch neue und alte Bars selbstbewusst ihre Mixkunst. Man muss nur etwas buddeln.

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Glück auf, Glück auf, der Stei-ger kommt.
Und er hat sein hel-les Licht bei der Nacht,
und er hat sein hel-les Licht bei der Nacht,
schon an-ge-zünd’t, schon an-ge-zünd’t.
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Erklingen diese vier altehrwürdigen, mit viel Pathos und Glanz belegten Zeilen des staubigen Steigerlieds, voller Inbrunst gesungen auf der Parteiversammlung oder vor dem Fußballspiel, dann ist man plötzlich ganz tief im Westen. Dort, wo eine Region wie wohl nirgends sonst in der Bundesrepublik vor der Herkulesaufgabe steht, in den Sneakern der Zukunft den bedeutsamen wirtschaftlichen Entwicklungen vergangener Tage Schritte folgen zu lassen. Willkommen im Ruhrgebiet.

Das Ruhrgebiet und seine Bars im Wandel

Eine Region im Strudel des Strukturwandels, geplagt von elementaren Fragen. Während der Rest der Republik sich über gestiegene Mieten, Tempolimit und Paritätsgesetz den Kopf zermartert, fürchten die Menschen hier die nachhaltige Veränderung ihres Umfelds, den Abgesang der guten alten Zeit, verbunden mit der Aufgabe eines elementaren Industriesektors.

Einst hämmerten und schufteten 500.000 Arbeiter unter Tage für das schwarze Gold. 150 Zechen gab es hier mal, die letzte machte vergangenen Dezember schließlich dicht, die Förderbänder blieben stehen.

Statt Steinkohle wartet jetzt der systematische Umbau sozialer und wirtschaftlicher Strukturen hin zur Hochtechnologie. Man kann das „mit der Zeit gehen“ nennen und dem vermeintlich zurückgebliebenen Ruhrgebiet ein süffisantes Augenrollen schenken. Für viele hier, wo die Arbeitslosigkeit bei über 8% liegt, geht dieser Schritt jedoch in die falsche Richtung. Denn wie wird die Neuorientierung vonstatten gehen in einem derart geprägten Umfeld? Wie werden die Kumpels, Malocher und einfachen Arbeiter sich ansiedeln können zwischen gewünschter Elektromobilität und Co-Working-Space? Wie wird die Region einer Abwanderung in größere Städte wie Köln oder Düsseldorf entgegenstehen können?

Stadtgeschichten Bars im Ruhrgebiet
Im Jahre 2019: Auch in Dortmund ist ein Negroni-Twist kein Problem mehr | ©Muto Heimatgastronomie GmbH

Nen Pils und nen Korn!

Häufig spiegelt sich die Politik ja genau dort wider, wo man sie am wenigsten erwartet. Wenn aber Drinks teurer werden, von der Karte verschwinden, das Interieur sich verändert und die Bartender Hosenträger tragen, dann ist auch eine gesellschaftliche Entwicklung, die politisch bedingt sein kann.

Wie also reagieren Bars im Ruhrgebiet auf all diesen Wandel? Gibt es hier, zwischen Herne und Bottrop, überhaupt Barkultur und wie schlagen sich die kleineren Städte gegen die großen Metropolen?

Fußballer. Models. Zivilisten.

Nur wenige hundert Meter entfernt vom früher so heißenden Westfalenstadion liegt der letzte Stopp auf dem Weg zur Borussia: Das Balke. Seit nunmehr zehn Jahren gibt es die Bar jetzt, und in dieser Zeit hat sich viel getan. „Uns ging es darum, die von den Gästen gegebenen Impulse derart in unser Konzept einzubringen, dass wir die Bar weiterentwickeln konnten“, so Melanie Adam, Betriebsleiterin und Bartenderin im Balke.

Untertitelt im Menü lautet das Motto hier: Fußballer. Models. Zivilisten. Was zunächst unfreiwillig komisch anmutet, fügt sich in der Gesamtbetrachtung des Etablissements zu einem stimmigen Ganzen. Geschickt werden hier Elemente der Räumlichkeiten aus der früheren Nutzung als Bäckerei mit moderner Barausstattung kombiniert und damit eine ambivalente Atmosphäre geschaffen, in der unterschiedliche Persönlichkeiten fernab von alltäglichen Vorurteilen miteinander Pils zischen können.

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Nix mit Gelsenkirchener Barock - das M One | ©Reinhold Krossa
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Die stählernde Lore schlägt die Brücke zur Historie | ©Reinhold Krossa

Balke Bar

Hohe Straße 127
44139 Dortmund

Mi - Sa ab 18 Uhr

Gute Bar, aber bloß kein Hipster-Pott

Der durchdachte Stilbruch äußert sich ebenfalls im Menü des Balke. Dort finden sich monatlich abwechselnde Bartender-Drinks und Experimente sowie gleichermaßen adaptierte Klassiker für ein Mainstream-Publikum. Das muss so sein, weiß auch Adam, die sich der städtischen Lage bewusst ist. „Dortmund ist irgendwie ein Sonderfall. Die Bezirke hier liegen weit auseinander, dementsprechend herrscht eher Kiezdenken statt urbanem Flow. In der Innenstadt gibt’s die Systemgastro, dort dann wieder die alttypische Kneipe. Viele Menschen hier hängen an der alten Zeit und dementsprechend dann auch eher an Bier und Korn.“

Gleichzeitig sieht die Barleiterin damit verbunden auch das Abwandern guter Bartender in die größeren, umherliegenden Städte: „Das ist insbesondere dann schwierig, wenn es keine Konkurrenz gibt. Die gibt es wiederum aber auch nicht, wenn keine Bartender vorhanden sind.“ Es ist daher verblüffend, mit welcher Zielsicherheit und Entschlossenheit das Balke-Team auf einem mit deutschen Großstädten in jedem Fall mithaltenden Niveau agiert und sich dabei der Region mehr als bewusst ist. „Ich fände es schade, wenn das hier mal ’nen Hipster-Pott wird. Das waren wir nie und werden wir nie sein.“

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Vielleicht die Keimzelle des heutigen Bar-Ruhpotts: das FCUK | ©Julius Groth

Der sich in der Sonne suhlende Süden

Zieht man im Ruhrgebiet um die Häuser – also quasi um die nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegenden Städte – führt an der Aorta des Ruhrgebiets kein Weg vorbei. Die A 40, die sich wie eine Schlange ihren Weg durch Dörfer und Städte bahnt, ist medizinisch betrachtet zwar eher ein Blutgerinnsel, doch steht sie symbolisch für den Ballungsraum, für den die westdeutsche Region so bekannt ist.

Unweit von Bochum entfernt liegt das zutiefst gespaltene Essen. Während der Essener Norden ganz ähnlich wie Gelsenkirchen, Bottrop und Gladbeck in alten Tagen schwelgt und entweder mehr und mehr verwaist oder von Großfamilien für sich eingenommen wird, suhlt sich der Süden in den Sonnenstrahlen der kleinen Hipster-Revolution. Die Rüttenscheider Straße mit der „Kö“ in Düsseldorf zu vergleichen, das mag ein wenig weit hergeholt scheinen; doch fährt hier die zwischen dem Essener-Süden und Düsseldorf angesiedelte höchste Millionärsdichte Deutschlands am Wochenende gerne mal den Porsche oder Ferrari spazieren.

Und genau so hat sich diese Gegend des Ruhrgebiets ganz anders als viele andere Städte zu einem kleinen Hipsterhort gemustert, in dem individuell einfallsreiche Konzepte nunmehr in den Kampf ziehen müssen gegen die sich ausdehnende Systemgastronomie.

Gin & Jagger

Rüttenscheider Straße 181
45131 Essen

Mo - Fr ab 11:30 Uhr, Sa & So ab 10 Uhr, jeweils bis 0:45 Uhr

Bars im Ruhrgebiet zwischen Bar und Club

Das Gin & Jagger ist ein solches Individualkonzept. Seit mehr als fünf Jahren gibt es das Bar-Bistro-Konzept mittlerweile, zunächst firmierte es unter dem Namen „Balthazar“. Der Chefin Yu-Jin Chung war es stets wichtig, eigene Erfahrungen und Interessen in ihrem Projekt zu verarbeiten. So entwickelte sie das Innendesign des Etablissements zum Großteil selbst und ließ in ihm persönliche Einflüsse aus ihrer Zeit in New York zur Geltung kommen.

„Mir ist es wichtig, dass wir hier auch durchaus auf dem Boden bleiben. Man darf nicht zu sehr abheben, zu viel wollen und den Bezug zur Realität verlieren“, so Chung, die mit dem Gin & Jagger versucht, Kneipe und Bar in einem kontemporären Korsett miteinander zu vereinen. Zwar sei Essen mit seinen knapp 600.000 Einwohnern eine Großstadt, doch nicht weltstädtisch genug, um auch unter der Woche zufriedenstellend zu liefern.

Auch daher bietet Chung in ihrem Konzept eine große Bandbreite mit asiatischem Einschlag an: Essen, das man gut zu einem Drink nehmen kann. Drinks werden im Gin & Jagger nicht nur an der Hauptbar, sondern mittlerweile ebenfalls im im Sous-Terrain gelegenen Supperclub serviert, der speakeasymäßig moderne Clubatmosphäre mit Barkultur in Einklang bringt. Chung, die selbst ihre Wurzeln in der Clubszene hat, zeigt hier ebenfalls, wie wichtig die authentische Verzahnung der persönlichen Idee mit den Einflüssen der Zukunft ist. Das Gin & Jagger ist somit ein innovatives und überaus spannendes Konzept, das sowohl das ehrliche Bier als auch den gekonnten Drink anbietet und darüberhinaus gastronomisch zu überzeugen weiß.

FCUK Yoga

Emmastraße 13
45130 Essen

Mo - Sa 18 - 02 Uhr

Klassiker-Bar im Ruhrgebiet: das FCUK Yoga

Die Rüttenscheider Straße entlang Richtung Innenstadt findet man, versteckt in einer kleinen Seitenstraße, einen echten Dauerbrenner unter den Bars des Ruhrgebiets, das FCUK Yoga. „Das war so eine Spielerei von uns und ein Seitenhieb auf den damaligen Yoga-Wahn“, erinnert sich Besitzer Denis Rosic, der seit der Eröffnung 2008 die Bar als sein Zuhause sieht.

Heimelig und gemütlich wirkt die Bar, deren Innenarchitektur einst bahnbrechend ihrer Zeit voraus und heute so langsam State-of-the-art wurde. Der „Abrissstil“ mit unverputzten Wänden und für das Ruhrgebiet charakteristischen Backsteinen im Zusammenspiel mit den hellen und eleganten Sofas, beleuchtet vom Kronleuchtern, verdeutlichen gut die angesprochenen Gegensätze der Region.

Auf der Karte des FCUK Yoga finden sich neben einigen vergessenen Cocktailschätzen der Vergangenheit spannende Signatures mit mixologischem Kern. „Man muss die Leute hier dennoch langsam an die Materie ranführen. Vom Pils umme Ecke zum Sazerac ist das ’nen großer Step“, so Rosic. Dem FCUK Yoga, einst geführt vom heutigen Monkey-47-Botschafter Axel Klubescheidt, ist es dennoch sehr gut gelungen, Gäste auf unaufgeregte Weise zu empfangen und mit hervorragenden Drinks zu bedienen, ob mit dem Renner „Kreuzberger Schraube“ oder mit einem „Billionaire“.

Daktari

Juliusstraße 4
45128 Essen

Di - Sa 20 - 03 Uhr

Noch im Ruhrgebiet oder schon in Afrika?

Dem Stadtkern nahliegend ist eine der wenigen Essener Bars, die sich im Laufe der langen Geschichte als wahrliche Institution haben feiern können, das zwischen Shisha-Bars in einer Seitenstraße in den Rüttenscheider Outskirts gelegene Daktari.

Wer die Bar betritt, begibt sich sowohl auf Zeit, als auch auf eine kleine Weltreise. Die tropisch anmutende Einrichtung, die Masken, Giraffen, Hüte und weitere charakteristische Merkmale des Dschungels wiedergibt, sowie die überaus großzügig dekorierten Drinks in wohlgemeinter Größe könnten die Vermutung nahelegen, dass die Mixologie hier keine überaus präsente Rolle einnehme.

Tatsächlich hat das Team um den Inhaber Sven Momber im Zuge einiger Modernisierungsakzente auch vermehrt am Profil der Bar gearbeitet. So werden nunmehr eine Reihe vergessener Tiki-Klassiker sowie selbstkreierte Signatures mit hausgemachten Zutaten dargeboten. Gleichzeitig ist das Daktari auch für eine überaus große Gin-Auswahl bekannt, in der sich Marken fernab vom Mainstream finden.

„Das ist im Grunde ja immer eine Art Kompromiss. Auf der einen Seite hast du dann Riesendrinks, auf der anderen die feine mixologische Komponente. Das ist ein Balanceakt, mit dem wir versuchen, unterschiedliche Ansprüche miteinander zu vereinen“, so Momber. In einer entspannten Atmosphäre kann man hier im Daktari seinen nächsten Urlaub planen oder eben halt auch schon verbringen.

„Bochum, ich komm aus dir …“

… sang einst der in Göttingen geborene Herbert Grönemeyer. Dabei geht es hier natürlich nicht um die durchaus amüsante Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion (zumal Grönemeyer in Bochum aufwuchs), sondern vielmehr um das Lebensgefühl, die Solidarität und Heimat, die Bochum als Stadt verkörpert.

Hier, mitten im Ruhrgebiet, treffen Kumpels auf Unternehmer, der einfache Arbeiter auf den Feingeist. Nie aber geschieht diese Begegnung respektlos. Immer schwingt Vertrautheit, Gelassenheit und ein bisschen Selbstironie mit. Man weiß, man kommt aus der gleichen Stadt.

Eine Stadt, die überregional vor allem für ihr wildes Nachtleben bekannt ist. Im „Bermuda3eck“ verschwinden hier keine Flugzeuge und Schiffe, aber der zukünftige Bräutigam beim Junggesellenabend. Dass das Thema Bar hier auch auf gehobenem Level funktioniert, hätten wohl die wenigsten für möglich gehalten.

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Könnte so auch in Köln oder Berlin stehen: das Gin & Jagger | ©Gin & jagger

Pearlz by Barzani

Kortumstraße 3
44787 Bochum

So & Di - Do 18 - 01 Uhr, Fr & Sa 18 - 03 Uhr

Eine Perle von einer Bar im Ruhrgebiet

Die 2015 von Serkar Barzani eröffnete Pearlz Bar hat jedoch das Gegenteil bewiesen. Mit viel Durchhaltevermögen hat Barzani den Bochumern das Verständnis und den Genuss eines guten Drinks erst einimpfen müssen. Dass sich seine „Perle“ im Dreieck so gut hat etablieren können lag daher nicht zuletzt am Barchef selbst, der sich nicht immer zu ernst nimmt, neue Wege beschreiten will und auf seiner Karte einfachste Klassiker der Popkultur zunächst auf mixologische Weise neu adaptiert hat.

So gab es einst hier den „Roasted MaiTai“, der mit gegrillter Ananasscheibe dem Drink einen Hauch neuer Aromen verleihen konnte. Barzani indes hat vier Jahre nach der Eröffnung allerhand zu tun. Erst im Dezember letzten Jahres eröffnete der gebürtige Iraker in Düsseldorf das Chelsea Piers im Medienhafen.

M One

Johannes-Rau-Allee 13
45889 Deutschland

Mittwoch bis Samstag von 16 bis 23 Uhr; Samstag ab 23 Uhr Clubbetrieb

Das MOne ist der dritte Streich von Barzani

Etwa zur gleichen Zeit öffnete außerdem das MOne in Gelsenkirchen seine Pforten. Als Grundidee wird auch hier Barkultur gelebt, mit von Mittwoch bis Sonntag unterschiedlichen Konzepten. „An Wochentagen ist das MOne eher eine klassische Bar mit entspannter musikalischer Untermalung à la Jazz und Funk, am Samstag wird ab 23 Uhr die Musik lauter Richtung Deep House aufgedreht. Eigentlich würde ich uns als Musikbar bezeichnen“, so Gesellschafter und Geschäftsführer Barzani.

Trinktechnisch wartet das MOne mit einer Auswahl an klassischen Drinks und Eigenkreationen auf. Ein bisschen wie die Pearlz Bar in der Anfangszeit, jedoch mit einem klaren Fokus auf Highballs, passend zum Clubbetrieb. „Ich wollte bei diesem Projekt Bar und Musik gekonnter miteinander verbinden, als man es häufig in Clubs in der Region so erlebt. Mit Gelsenkirchen, einem strategischen Mittelpunkt des Ruhrgebiets, lädt das Projekt viele Besucher aus umherliegenden Städten ein.“

Das Ruhrgebiet mag also vieles sein. Ein bisschen Arbeiterklasse, ein wenig Proll. Ein bisschen Gelassenheit gemixt durch cholerische Aufreger, ein bisschen Glanz in der verstaubten Geschichte. Ein bisschen der Cocktail in der Grube, nach dem man erst suchen muss. Aber zum Glück findet man ihn ja. Nicht nur unter Tage.

Dieser Artikel erschien zuerst in MIXOLOGY Ausgabe 2/2019.

Credits

Foto: Titelbild: ©Reinhold Krossa

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