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Steins steter Tropfen: auf irreale Ziele warten in Amsterdam

Unser Autor Martin Stein ist ein Cocktailreisender, der seine Zeit am liebsten in Bars verbringt. In seiner Serie „Steins steter Tropfen“ geht es um gute Getränke und Gedanken, die sie verbinden. Es geht um Beobachtungen von unterwegs und Betrachtungen von der anderen Seite des Tresens. Diesmal: Wie hat die Pandemie die Barszene in Amsterdam verändert?

Die Bezeichnung „Freedom Day“ war natürlich schon vor Putins Krieg blödsinnig, aber in jener verblüffend kurz zurückliegenden Vergangenheit, in der das tägliche Coronamaßnahmen-Bingo der größte Aufreger war, da war es auch eine relevante Meldung, dass die Niederlande so gut wie alle Covid-Einschränkungen aufheben.

Man äugelt hierzulande ja immer mal ein wenig neidisch-interessiert ins Nachbarland hinüber, gerade wenn es um gewisse laxere Gesetzgebungen geht, also verdient auch dieser Schritt nähere Betrachtung. Also kann man sich ja mal auf den Weg machen und nachsehen, wie sich das Gesicht Amsterdams verändert hat, nachdem es die Maske abgenommen hat. Als guter Deutscher behält man seine Maske im ICE auch genau so lange auf, bis Zugpersonal und Zuständigkeit hinter der Grenze gewechselt haben, sitzt auf seinem nunmehr niederländischen Platz, atmet beglückt durch und freut sich, dass das Virus noch vor Venlo aussteigen musste.

Door 74: Eine der bekanntesten Bars musste schließen

Genug Spuren hat es vorher natürlich auch hier hinterlassen. Die flüchtige Internetrecherche bezüglich der Bars, die man zu beehren gedenkt, zeigt, dass gleich die erste geplante Anlaufstelle keine mehr ist: Die Door 74, auch auf Mixology Online schon porträtiert, musste bereits im Dezember 2020 coronabedingt die Pforten schließen. Das geht ja gut los.

Die Ankunft in Amsterdam am Sonntag macht die Situation nicht leichter, auch wenn einem das erst später richtig klar wird. Nachdem man sich als professionell Reisender im Auftrag der Spirituose höchst ungern mit der gewöhnlichen Trinker-Plebs umgibt, scheut man ja grundsätzlich das Wochenende. Es stellt sich jedoch schnell heraus, dass Corona von sieben Tagen drei bis vier getötet hat – wie offensichtlich in der ganzen Welt, so leidet auch Amsterdam, und dort auch gerade die Spitzengastronomie, unter eklatantem Personalmangel, was dazu führt, dass selbst die Aushängeschilder der Bar-Szene oft nur noch von Donnerstag bis Samstag oder Sonntag geöffnet haben.

Mit dem „Super Lyan“ expandierte der Brite Ryan Chetiyawardana nach Amsterdam
Auf der Karte des Super Lyan finden sich viele Klassiker mit Twist

Guilty Pleasures im Super Lyan

Glücklicherweise hat das Super Lyan geöffnet, und weil Sonntag ist und der Andrang beherrschbar, hat John Papastylianos, der Bar Manager, auch die Zeit, ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern. Ja, das mit dem Personal sei ein echtes Problem, gerade ab einem bestimmten Niveau, wo man eben nicht auf ungelernte Kräfte ausweichen könne. Seine Geschichte kommt bekannt vor: Lockdown, Öffnen, Schließen, wieder ein bisschen öffnen, dann wieder ganz zu – bei vielen Mitarbeitern war irgendwann Geduld und Finanzkraft erschöpft, und man hat sich nach etwas anderem umgesehen. Rückkehr zweifelhaft. Ein globales Problem, das sich höchstens mittelfristig wieder lösen wird.

Ryan „Mr. Lyan“ Chetiyawardana platziert seine Unternehmungen ja gerne in Hotels, und das gilt auch für die Niederlassung in Amsterdam, die es sich unter dem Dach des mondänen Kimpton De Witt bequem gemacht hat. Diese Strategie scheint sich momentan als glücklicher Umstand erwiesen zu haben; obwohl natürlich auch die Hotels unter den einbrechenden Touristenzahlen enorm zu leiden hatten, ist die Kooperation aus Hotel und Bar eine beiderseits nutzbringende – man braucht einander und hilft sich dabei, das maximal Mögliche aus minimalen Möglichkeiten zu machen.

Das Super Lyan ist mit 75 Sitzplätzen schon ordentlich groß, schafft es aber durch eine sehr kluge Raumaufteilung, nie den Eindruck von Leere zu erwecken. Überhaupt ist die Mischung aus klassisch-edlem Ambiente und modernen Akzenten (mit dem futuristischen Bar-U als brillantem Zentrum) sehr passend aufeinander abgestimmt und spiegelt damit auch die Karte wider: alte Klassiker wie Adonis, Mary Pickford oder White Lady werden gekonnt getwistet (letztere etwa mit Gin, Tequila und einem Chocolate Wash), man wagt sich auch mutig an manch verpönte Guilty Pleasures wie den Miami Vice heran (hier als „Mayami Vice“) heran, und schafft es tatsächlich, denen einen gut sitzenden Anzug ohne Schulterpolster und dünne weiße Lederkrawatte zu schneidern.

Eleganter Rückzugsort: die „Pulitzer’s Bar“ im gleichnamigen Hotel

Pulitzer’s Bar: gemütlich auf irreale Ziele warten

Es ist wohl auch kein Zufall, dass auch die zweite Anlaufstelle in einem Hotel beheimatet ist: die Pulitzer’s Bar ist im gleichnamigen Hotel an der Keizersgracht gelegen und bietet ein Ambiente, wie man es sich in einem früheren Leben mit einem paralleluniversären Einkommen als Standard vorgestellt hätte: dunkles Holz, tiefe Ledersessel, Kamin… dazu ein unaufdringlicher, präsenter Service und dennoch Drinks, die die alte Schule in der Gegenwart ankommen lassen. Man kann also ganz gemütlich bei einem Leather Negroni (mit Roku Gin, Sherry und den namensgebenden Essenzen) ganz entspannt darauf warten, dass der eigene Ostinidienfahrer mit Tee und Gewürzen in den Hafen einläuft und den Reichtum mehrt. Schließlich ist es beim Warten auf irreale Ziele umso wichtiger, dass man es gemütlich hat.

Ob das auch ein Zeichen der Wiederkehr der Normalität ist, dass in den Fenstern des Rotlichtbezirks die Damen wieder ohne Maske stehen? Auch die Coffeeshops scheinen die Krise gut überstanden zu haben, und selbst ohne Eigeninitiative wird schnell klar, dass auch das Angebot weniger legaler Muntermacher breit zu sein scheint. Man ist aber natürlich wegen der Drinks hier, und da empfiehlt sich noch eine echte kleine Pretiose, die so unscheinbar und versteckt liegt, dass man doch gleich wieder das Gefühl hat, etwas Verbotenes zu tun – aber das ist ja auch reizvoll.

„Rosalia’s Menagerie“ besticht mit Speakeasy-Charme

Rosalia’s Menagerie: Wissensdefizite im Genever-Bereich aufarbeiten

Der Speakeasy-Charme von Rosalia’s Menagerie ist enorm, und wenn man im hinteren Bereich abseits der Bar auf dem Kanapee hockt und zur Linken die offene Küche und zur Rechten das Gemenge aus Bilderkacheln, spanischen Wänden und Tapetenwand betrachtet, dann hat man einfach das Gefühl, bei jemanden im Wohnzimmer auf ein Getränk eingeladen zu sein. Mit einer Getränkequalität, die in den seltensten Wohnzimmern zu bekommen ist, versteht sich.

Sehr empfehlenswert der Martinez mit Dutch Cacao sowie der apfelfrische Eden’s Gimlet. Wenn man gar nicht recht nach Hause will, dann hat das Rosalia’s auch Zimmer zu vermieten (womit wir wieder bei der Hotel-Geschichte wären), und darüberhinaus kann man sehr gut seine Wissensdefizite im Genever-Bereich aufarbeiten. Lehrreich und schmackhaft, so soll das sein.

Proeflokaal klingt besser als Tasting Room

Apropos Genever: wenn schon die Anzahl der offenen Bars zu wünschen übrig lässt, so sollte man in jedem Fall mal bei Wynand Fockink vorbeischauen, dem ältesten Tasting Room der Stadt, wobei sich „Proeflokaal“ eindeutig besser anhört. In den Fünfziger Jahren hat Bols seinen ewigen Konkurrenten aufgekauft, aber als Edelmarke beibehalten, und so werden auch heute noch in den hinteren Räumen in zwei Copper Stills edle Brände fabriziert: jounge wie oude Genever, der sehr spannende Rye Genever, mittlerweile auch ein ausgezeichneter Vodka, und ein Mitnahme-Muss ist der elf Jahre gereifte Superior Genever, der im Vergleich zu ähnlichen, angesagteren Spirituosen auch herrlich preisgünstig ist.

Wie bei Rosalia’s gilt: der Aufenthalt ist ebenso schmackhaft wie lehrreich, und man freut sich, hier in den alkoholhaltigen Nebel der Geschichte eintauchen zu dürfen. Ja, Amsterdam hat immer noch viel zu bieten. Gerade der Besuch an einem Ort, der auf eine beinahe 300-jährige Geschichte zurückblickt, hat etwas Beruhigendes. Der Raum, das Ambiente und die Drinks geben Gelassenheit. Das Gute überlebt.

Super Lyan
Nieuwezijds Voorburgwal 3, 1012 RC Amsterdam

Pulitzer’s Bar
Keizersgracht 234, 1016 DZ Amsterdam

Rosalia’s Menagerie
Kloveniersburgwal 20, Amsterdam

Wynand Fockink Tasting Room & Liquor Store
Pijlsteeg 31, 1012 HH Amsterdam

Steins steter Tropfen:

Teil 1: Der Garibaldi – so viel mehr als ein Campari-O

Credits

Foto: Ashkan Mortezapour (Pulitzer's Bar, Super Lyan); Martin Stein

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