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Wellblech und Cocktailwüsten: Bars in Windhoek

Irgendwo im sandigen Nichts liegt Windhoek, die Hauptstadt von Namibia. Wer nicht gerade einen weißen Flecken auf der Landkarte vorm inneren Auge hat, denkt vielleicht an Löwen und Elefanten.Vielleicht an deutsche Kolonialgeschichte – bestimmt aber nicht an Bars. Marianne Strauss ist für uns auf Schatzsuche gegangen und hat ein paar ungeschliffene Diamanten ausgegraben.

45 Grad im Schatten, 3 Einwohner pro Quadratkilometer und die älteste Wüste der Welt. Namibia ist ein Land der Extreme. Weit südlich des Äquators erstreckt sich der Wüstenstaat zwischen Atlantik und Botswana, Südafrika und Angola. Will man aus dem fruchtbaren Norden zur namibischen Hauptstadt, geht die Fahrt durch den wilden Etoscha-Nationalpark, vorbei an einer Handvoll Häuschen namens Otjiwarongo, dann kommt ganz lange nichts und irgendwann tauchen die ersten Ausläufer von Windhoek auf. Struppige Paviane hocken am Straßenrand. Ein weitestgehend unbeachtetes Ehrendenkmal, ein dösender Kontrollposten, dann der absurd umzäunte neue Präsidentenpalast mit einem Hof voll riesiger Plastiktiere. Wir sind da!

Die Zeit ist stehengeblieben in Windhoek

Offensichtlich hat die deutsche Kolonialzeit ihre Spuren hinterlassen. An der Hauptstraße, die erst 1990 von Kaiserstraße in Independence Avenue umbenannt wurde, kann man ohne Sprachführer in der Luisenapotheke sein Moskitospray ordern und anschließend im benachbarten Café ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte essen. Zwischen 1884 und 1915 haben die Kolonisatoren viel Unwesen getrieben. Zum Glück aber auch Bier gebraut! Das Windhoek Lager aus den Namibia Breweries hat schon mehrfach die DLG-Goldmedaille abgeräumt – ernsthaft, ein Bier aus Namibia? Damit wollen wir unsere Bartour starten, und was wäre dafür ein besserer Ort als Joe’s Beerhouse?

An der Nelson Mandela Avenue versteckt sich die große Open-Air-Bar hinter hohen Palisaden aus ganzen Baumstämmen, der Parkplatzwächter winkt uns umständlich über den Kiesplatz, auf dem ausschließlich weiße Pick-up-Trucks, die „Bakkies“, stehen. Drinnen drängt man sich um den runden, reetgedeckten Haupttresen. Rundherum wird an großen Holztischen die gesamte namibische Fauna aufgetischt, von Krokodil über Oryx bis Zebra liegt im Joe’s alles auf dem Grill. In einer Ecke zeigt der glücklicherweise einzige TV-Screen ein Rugbyspiel — Welwitschias gegen Free State Cheetahs.

Bier und Jägermeister — waren die Deutschen je weg?

Über dem Koi-Teich stehen die Reste der Bühne vom großen Craft-Beer-Festival von letzter Woche. Ein paar Flaschen sind noch übrig. Bartender Silas reicht uns mit breitem Lachen das erste Windhoek Lager und dazu ein südafrikanisches Green Room IPA. Beides herrlich frisch und herb! Wir kommen schnell ins Gespräch mit ein paar Stammgästen, die uns für unseren nächsten Stopp das Roof of Africa empfehlen – mit Pool. So soll es sein. Wir schlendern noch eine Runde durch das Joe’s, bewundern Elefantenknochen und die Deckendekoration aus circa 58 Millionen Jägermeisterfläschchen, dann drehen wir ab Richtung „Roof“, das nach 10 Minuten zu Fuß schnell erreicht ist.

Joe’s Beerhouse

160 Nelson Mandela Ave, Windhoek

Vorsicht, Klischee: Amarula in Afrika?

Das Hotel und Tagungszentrum sieht so gar nicht nach Letzterem aus und hat neben einer beeindruckenden Weinkarte um die zehn Standardwhiskys und eine interessante Auswahl an Brandys aus Südafrika im Programm. Dazu viel koloniales Holz, eine schöne Galerie, WiFi, einen schattigen Hof — Und tatsächlich einen Pool! Das abenteuerliche Cocktailmenü trifft dagegen weniger unseren Geschmack. Beim Amarula Mint Splash mit Amarula, Pfefferminzlikör und Sahne hört der Spaß auf und wir bestellen auf Empfehlung der Barfrau zwei unterschiedlich alte „Joseph Barry“ Brandys.

Während beim jüngeren, nur drei Jahre alten Brandy das Traubenaroma dominiert, schmeckt der 2 Jahre ältere, deutlich Joseph Barry nach klassischem Pfirsich – mein Favorit! Schnell die Füße noch in den Pool gedippt und auf zur nächsten Bar. Wir schwanken zwischen dem Township Katutura und der Innenstadt, telefonieren kurz mit unseren einheimischen Freunden, die uns erst später mit ins Township begleiten wollen. Also Innenstadt.

Roof of Africa

126 Nelson Mandela Ave, Windhoek

Currywurst & Kiez-Größe in der finsteren Bar.

Auf das Andy’s sind wir gespannt! Um den Betreiber ranken sich wilde Legenden, aus Hamburg soll er stammen, sich als Rocker und Zuhälter die Hände dreckig gemacht haben dann der deutschen Justiz nach Namibia entwischt sein. Wie auch immer, über die Currywurst in seinem Laden wird noch mehr geredet. Gutgelaunt und hungrig stolpern wir in eine gut gefüllte Sportsbar, die Barladies zapfen fleißig Bier, finster und weniger finster aussehende Kerle brüllen um sich, eine alte Triumph-Maschine samt Knochenmann hängt an der Decke.

Hier gibt’s jetzt Dinner. Das lange Warten auf die Currywurst vertreiben ein frisches Tafel Lager und Gesprächsversuche mit unseren hochalkoholisierten Sitznachbarn am Tresen. Wir verstehen nur so viel, dass man uns dringend von einer Bartour durch Katutura abraten will. Selber schon mal dagewesen? Nein, natürlich nicht. Na also.

Andy’s Bar

324 Sam Nujoma Drive

Ab ins Hilton! Kann Windhoek auch Luxus?

Erstmal wollen wir sowieso den spektakulären Blick von der Hilton Rooftop Bar — und hier hoffentlich auch einen richtigen Drink — genießen. Die Sonne geht bald unter und als Location für den Sundowner ist die Bar des einzigen großen 5-Sterne-Hotels der Stadt allseits beliebt. Nach der wirklich sehr leckeren, riesigen Currywurst, die uns Bad Boy Andy höchstpersönlich serviert hat, fährt uns einer der noch nüchternen Gäste netterweise an die Independence Avenue, wo das Hilton Hotel wie ein dicker Fremdkörper wirkt, der nicht weiß, ob er gehen oder bleiben soll.

Wir nehmen den verspiegelten Aufzug zum Dach und fallen beim Aussteigen fast in den Pool. Hier planschen noch ein paar Hotelgäste, während auf der Barterrasse weiter hinten schon fast alle Tische belegt sind. Jetzt aber schnell! Aussicht und Brise bekommen direkt ein Sternchen, dazu bestellen wir in Ermangelung von Pisco Sour und Old Fashioned aus der kleinen Cocktailkarte einen Whisky Sour und einen Bellini. Lässt sich beides trinken, schmeckt toll zum Sonnenuntergang und sorgt gleichzeitig für eine kleine Extraportion Mut – ist es in Katutura wirklich so gefährlich wie alle sagen?

Hilton Rooftop Bar

Rev Michael Scott Street, Windhoek

Ab ins Dunkel, ab ins Wellblech — Katutura!

Mit unseren Freunden sind wir an der Ecke der Eveline Street verabredet. Die Straße gilt mit ihren unzähligen Bars, die hier „Shebeens“ heißen, als Partyeldorado in Katutura. Der Stadtteil entstand während der Apartheidszeit, als schwarze Bürger hierhin zwangsumgesiedelt wurden. Je weiter man Richtung Stadtgrenze fährt, desto mehr Wellblech steht am Straßenrand. Ganz außen in den — Achtung: Euphemismus — „informellen Siedlungen“ gibt es nicht einmal fließend Wasser.

Wir winken uns ein Taxi heran. „Nach Katutura?“ „Fahr ich nicht hin.“ Beim nächsten Fahrer haben wir Glück. Dicht an dicht mit 2 weiteren Fahrgästen rumpeln wir in Moses‘ altem Toyota Richtung Norden. Auf dem Beifahrersitz hat seine kleine Tochter die Kontrolle über das Musikprogramm übernommen und spielt mit Eurobeats unterlegtes Babylachen in Dauerschleife. Katutura heißt „Der Platz, wo wir nicht sein wollen“. Was an diesem Freitagabend nicht stimmen kann, denn die Straßen wimmeln nur so von Menschen.

Als wir aussteigen, entdecken uns die Freunde zum Glück sofort. Wir bekommen Instruktionen: Geld ins Shirt. Nicht auf der Straße telefonieren. Zusammenbleiben. Ok. Ab in die erste Shebeen! Am vergitterten Tresen drängen sich Basecaps und bunte Shirts, durch die kleine Luke wandert Flasche um Flasche, in einer Ecke der Bar tanzen die ersten Girls. Der Billardtisch ist Sitzbank und Abstelltisch zugleich. Ein paar Gestalten drücken Knöpfe am Spielautomaten. Wir sind weit und breit die einzigen Weißen und werden ein bisschen verwundert beäugt.

Zur rechten Zeit am rechten Ort.

„Sicher, dass ihr hier richtig seid?“ fragt uns ein breiter Glatzkopf. „Eh.. ja!“ antworten wir so mutig es geht – und gewinnen damit einen neuen Freund. Tangeni besteht darauf, die erste Runde auszugeben und ordert fünf Klipdrift. Brandy scheint in Windhoek der Drink der Stunde zu sein. Wir fühlen uns zunehmend sicherer und stürzen uns nun zu fünft in das bunte Treiben vor der Tür. Tangeni erzählt, wie er vorgestern einen Handtaschendieb zur Strecke gebracht hat. „Hab mich einfach auf ihn draufgeworfen.“ Ugh!

Unsere Divebar für heute ist ein Wellblechverschlag hinter dem Fleischmarkt. Mit roter Farbe steht „Bar“ an die rechte Seite des Häuschens geschrieben, und genauso sieht es im Inneren auch aus. Ein ebenfalls vergitterter Tresen, ein Billardtisch, lautes und gutgelauntes Publikum. Mit unserem Windhoek Lager hocken wir uns auf eine Motorhaube vor der Shebeen. Hier wird auf offener Straße gegrillt und gegessen, zerdellte Autos mit wummernden Bässen schieben sich durch die Menschenmenge, Streuner freuen sich über weggeworfene Knochen. Der Besitzer der Shebeen gesellt sich zu uns. „Das hier ist Katutura. Die andere Seite von Windhoek. Es ist dreckig, es ist laut und ja, es ist oft genug gefährlich. Aber ich will nirgendwo anders leben.“

Wir können das ein bisschen verstehen.

 

Credits

Foto: Windhoek und Namibia via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

Comments (1)

  • Thomas Domenig

    Super Artikel: Gratulation dazu und bitte mehr von solchen aufwendig produzierten Geschichten, abseits von „5 Fakten zum Thema X“ oder den üblichen Markenportraits.

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