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Wo wir waren, wer wir sind: Bars und das Jahr 2020

Für die Barszene hat es noch nie ein Jahr gegeben, das seltsamer, fordernder, kräftezehrender, frustrierender, fieser und desillusionierender war als 2020. Die Corona-Pandemie bedeutet für die Bars und das gesamte Gastgewerbe eine historische Zäsur, deren Tragweite noch gar nicht komplett abgeschätzt werden kann. Heute geht dieses Jahr zu Ende. Mit etwas Glück bleibt es eine Episode, die keinen zweiten Teil mehr braucht.

Für die Bars der westlichen Welt begann das Jahr 2020 eigentlich erst Mitte März. Die rund 85 Tage davor waren – in der Rückschau – nur Geplänkel, das Vorspiel vor der eigentlichen Oper, der Aperitif vor dem großen, schweren Braten. Januar und Februar 2020 waren zwei Monate, in den wir hierzulande ein komplett normales Leben führten. Die Bars hatten Hochsaison und liefen im besten Fall wie am Schnürchen. Ein wenig schauten wir alle nach Asien, von Woche zu Woche etwas mehr, denn dort gab es mal wieder ein Virus, das gefährlich sein könnte. Man kennt das ja, dachten sich die meisten. Alle paar Jahre gibt’s da so ein Panik-Virus, das sich irgendwann im Sande verläuft. Nicht unser Ding, nicht unser Thema. Wir wussten, wo wir waren, und alles fühlte sich nach normal an.

Dann kam der März.

Ob und inwiefern die westliche, die europäische, die deutsche Gesellschaft angesichts des sich ausbreitenden Coronavirus zu lange untätig blieb, die Sache zu lange als nebensächlich abtat, zu lange mit der ihr eigenen, immer noch existenten Arroganz nach Asien blickte – das müssen künftige Generationen von Historikern und Medizinern bewerten. Spätestens am 11. März 2020 jedenfalls gab es hier wichtigere Fragen, denn wir wussten nicht mehr, wo wir stehen. Es war der Tag, an dem die WHO die Situation offiziell als Pandemie und damit als eine gesundheitliche Krise von globaler Relevanz bezeichnete. Es war der Tag, an dem zumindest vielen von uns klar wurde, dass eine Welt, in der Langstreckenflüge oft weniger kosten als ein Paar coole Sneaker, aus empidemiologischer Sicht empfindlicher ist als wir sie uns vorstellen und dass die Sache nicht allein mit Händewaschen zu bewältigen sein würde.

Die kurze Linderung des Sommers

Wo wir in diesen Tagen danach waren, als die Schulen geschlossen wurden, als die Gastronomie geschlossen wurde, als sogar die Bundesliga ihren Spielbetrieb einstellte, viele von uns werden das auch in Jahrzehnten noch wissen. Fast fühlte es sich an, als ob ein Krieg erklärt wurde. Man merkt sich, wo man war, als Zäsuren bekannt wurden.

Seither haben die Bars ihren ganz eigenen, existenziellen Krieg gefochten. Ein Drink, der im April nicht verkauft wird, kann im Juni nicht mehr kompensiert werden – die Miete für April muss dennoch gezahlt werden. So die Misere im Kern, wir müssen sie gar nicht detaillierter beleuchten. Es wurde geliefert, vom Fenster aus zum Mitnehmen verkauft, es wurden Shop-Lösungen entwickelt, der Bottled Cocktail wird uns als visuelles Sinnbild des Jahres im Gedächtnis bleiben. Die vielgepriesenen Hilfen, Soforthilfen, Überbrückungshilfen und wie sie sonst noch heißen waren in vielen Fällen kaum mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Wenn sie überhaupt kamen. Speziell für die Barbetreiber persönlich, die oft noch nicht mal ein Anrecht auf Kurzarbeitergeld haben.

Dann kam die wärmere Jahreszeit und mit ihr der „Reboot“. Auch in dieser Zeit haben uns die Bars so unglaublich beeindruckt mit ihrem Engagement, mit Slushees to-go, mit aus dem Bürgersteigboden gestampften Terrassen, mit richtigen Cocktailgärten, mit Pop-up-Konzepten jeglicher Couleur. Es wurde warm, es fühlte sich gut an, auch wenn wir vor dem ersten Drink erstmal ein Stück Papier mit unseren Kontaktdaten ausfüllen mussten. Die Linderung des Sommers ließ ein wenig vergessen, dass ein Herbst kommen würde, der uns mit ziemlicher Sicherheit in Rahmenbedingungen zurückwerfen würde, die wir in ihrer Heftigkeit noch gar nicht kannten.

Sündenbock wird in der Gastronomie gefunden

Der Herbst hielt Wort. Die Zahlen stiegen an, von Woche zu Woche mehr. Und im Gegensatz zum Frühling, zum ersten Einschlag der Krise, zum ersten Lockdown macht seitdem auch die Politik keine gute Figur mehr. Im März und April konnte man besser mitfühlen mit den Spitzenentscheidern in Bund und Ländern, sie waren so überrumpelt wie wir alle. In der zweiten Welle macht die Politik sich aber – nach Monaten der Vorbereitungszeit – vermehrt lächerlich, agiert in vielen Fällen ganz offenbar eher nach Medienwirksamkeit ihrer Entscheidungen und sucht Sündenböcke.

Einen Sündenbock hat sie in der Gastronomie gefunden, die gemäß aller Statistiken nie ein Pandemietreiber gewesen ist, aber mit Anfang des Herbstes als allererste Branche wieder an die Kandare genommen wurde. Sperrstunde, Alkoholverkaufsverbot und schließlich jener zynisch bezeichnete Lockdown Light, der seit November gilt und mutmaßlich bis in den nächsten Frühling dauern wird. Immerhin gibt es inzwischen offenbar genug Toilettenpapier.

Was wir seitdem beobachten, ist zwar nachvollziehbar, aber dennoch schlimm: Die Stimmung in der Szene ist völlig anders als im ersten Lockdown, sie ist grimmiger, resignierter, teils auch deutlich populistischer. Doch wer könnte den Barbesitzern und Barleuten verübeln, ins simple Narrativ von denen da oben zu verfallen, die sich nicht kümmern? Wer seit neun Monaten ungerechtfertigt in eine Ecke gedrängt wird und gleichzeitig seiner Existenzgrundlage beraubt ist, dem bleibt irgendwann kaum noch etwas anderes übrig, als so zu fühlen und zu denken. Erst recht, wenn zwar Bars und Restaurants dicht sind, wir aber gleichzeitig sehen, dass Elektromärkte, Spielwarenhandlungen und Sportgeschäfte voll sind, voll von Menschen, die mitunter ganz offensichtlich zu dicht gedrängt durch Weihnachtseinkäufe „die Wirtschaft“ lebendig halten sollen. Im Lauf des Jahres gab es immer wieder Formulierungen von Spitzenpolitikern, die „die Wirtschaft“ klar vom „Gastgewerbe“ trennten. So sieht die Politik das leider.

Das Jahr, das heute zu einem Ende kommt, hat uns gezeigt, dass Gastronomie in Deutschland noch immer für eine recht große Personengruppe eher ein Stiefkind ist, eine Halbwelt, ein Hobby – keine Wirtschaft, kein Business, kein Beruf. Und suchte man Mitte Oktober bei Twitter nach dem Hashtag #Sperrstunde, so wurde unmissverständlich klar, dass die Befürworter offensichtlich eher die Mehrheit stellen. Baumarktchefs oder die Inhaber großer, mit Rettungspaketen geschützer Konzerne können da nur müde lächeln. 2020 hat uns gezeigt, dass die Gastronomie sich in Deutschland noch fast immer selbst helfen muss – insbesondere angesichts des bisherigen Fiaskos bei der Ausschüttung der angeblich so einfachen, unbürokratischen „November-Hilfen“. Daran können selbst Spitzenverbände wie der DeHoGa nichts ändern, von einer Bar-spezifischen Interessenvertretung ganz zu schweigen.

Hoffnung auf etwas mehr Planbarkeit

Wir hier bei MIXOLOGY sind beeindruckt und begeistert von all den Ideen, Innovationen, dem Eifer und dem Engagement sowie der Vitalität der hiesigen Barszene, die wir auch mit unseren alternativen MIXOLOGY Bar Awards 2021 in den Fokus gerückt haben. Kaum jemand hätte bei Einbruch der Pandemie gedacht, dass die Bars dermaßen zäh sind, dass sie sich so wenig unterkriegen lassen, dass sie den gewaltigen Bedrohungen und Herausforderungen mit so hoch erhobenem Haupt entgegentreten würden. Es macht auch in solch tragischen Zeiten durchaus Mut, so viel Überlebenswillen zu sehen und als Magazin begleiten zu dürfen.

Mit dem Jahreswechsel von 2020 zu 2021 stehen wir auch an der Schwelle zur Verfügbarkeit eines oder gar mehrerer Impfstoffe. Wer sich ein wenig eingelesen hat in die Modalitäten von Wissenschaft und Forschung, der kann sich vielleicht annähernd vorstellen, was es bedeutet, dass nach rund einem Jahr klinischer Forschung bereits Impfstoffe gegen ein neuartiges Virus vorliegen. Sowas dauert unter normalen Umständen teilweise ein Jahrzehnt. Was die Politik im Laufe des Jahres immer weniger leisten konnte – die medizinische Forschung hat es geleistet. Natürlich bedeutet die Existenz eines Impfstoffs nicht automatisch, dass die Pandemie vorbei ist, auch das haben wir alle mittlerweile zur Genüge gelesen und verstanden. Bis eine Gesellschaft auch nur annähernd „durchgeimpft“ und damit „durchseucht“ ist, werden Monate vergehen, eher Jahre.

Doch die Aussicht auf ein 2021 mit einem ankommenden Impfstoff lässt uns alle hoffen: Hoffen, dass vielleicht im Sommer absehbar sein könnte, ob der nächste Herbst schon mit etwas lockererer Leine angegangen werden kann. Dass für die Bars und auch ihre vielen Zulieferer ein kleines bisschen mehr Planbarkeit entstehen könnte. Zumindest, wenn wir alle weiterhin diszipliniert bleiben, Kontakte weiterhin beschränken und auf unnötige Reisen verzichten.

Der Silvesterabend ist üblicherweise eine interessante Nacht für Bartender. Recht viele Bars lassen an diesem Abend, der so sehr im Zeichen wilder Partys steht, geschlossen und geben ihren Mitarbeitern die Gelegenheit, den Jahreswechsel zu feiern, nachdem sie wieder einmal ein ganzes Jahr lang fast immer genau dann gearbeitet haben, wenn alle anderen Menschen frei haben und ausgehen. In diesem Jahr würden sich wahrscheinlich zehntausende Barleute nichts sehnlicher wünschen als die Bar aufzusperren und ihren Gästen einen Champagner einzuschenken. Das wird nicht passieren. Die Bars bleiben zu, die Restaurants auch, die Clubs sowieso.

2021 kann nur besser werden

Doch wenn wir den heutigen Jahreswechsel hinter uns gebracht haben und 2021 mit dieser kleinen Verheißung auf Besseres beginnt, sollten wir uns an ein Experiment wagen. Wenn das Jahr 2020 vorbei ist, versuchen wir so zu tun, als sei es nicht wirklich da gewesen. Nehmen wir die schönen Erinnerungen mit, die neuen Freundschaften, die vielen Learnings und Fortschritte, die wir im Lauf der Krise gemacht haben. Aber streichen wir das Jahr, anstatt ihm die Berechtigung zu geben, sich zu tief in unser Gedächtnis einzunisten. Verbieten wir 2020, unser Wesen zu verändern. Das Wesen einer Branche, die noch vor zehn Monaten zu Recht mit viel Optimismus in die Zukunft blickte.

2021 wird besser, das hoffen wir ganz inständig. Und mit ein wenig Glück werden wir am Ende des kommenden Jahres und beim Öffnen des Silvesterchampagners alle genau wissen, wo wir waren, als bekanntgegeben wurde, dass es im Herbst keinen dritten Lockdown geben muss.

Credits

Foto: Zamurovic Brothers – shutterstock.com

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