Mixology: Magazin fur Barkultur

Bars in Essen – Pott in Bewegung?

Bars 25.1.2011 1 Kommentar

Mit ganz dunklem Humor zog in den frühen 60ern der Satiriker Georg Kreisler durch den Ruhrpott und macht sich mit seinem Lied „Gelsenkirchen“ dort keine Freunde.

Er attestierte der Region, aufgrund der „lieblich durch die Luft ziehenden schwarzen Dämpfe“, allgemeine Gesundheitsprobleme, zweifelte an Bildungseigenschaften der Bevölkerung und bescheinigte darüber hinaus dem Ruhrpott Kulturlosigkeit. Seitdem hat sich offensichtlich einiges geändert.

Essen wurde stellvertretend für 53 weitere Städte der Region zur Kulturhauptstadt Europas 2010 gewählt und aus dem Komitee zur Findung der Kuturhauptstadt war zu vernehmen: "Der Ruhrpott atmet nicht mehr Staub, sondern Zukunft." Dies war Grund genug, sich erneut in den Pott zu stürzen, um zumindest zu erforschen, ob der Ruhrpott Zukunft nicht nur atmen, sondern auch trinken kann. Im Gegensatz zur letzten Mixology-Städteexkursion in den Ruhrpott für Mixology Issue 5/2008 – mutig wurde damals von Helmut Adam auf der Suche nach Trinkbarem nahezu der ganze Pott auf den Kopf gestellt – kamen auf dieser Tour nur vier, von lokalen Szenegängern empfohlene Bars in Essen unter die Lupe.

Alte Hotelbars und neue Gesichter

Den Anfang für Essen sollte Jimmy’s Bar machen. Die im britischen Kolonialstil gehaltene Bar des Mövenpick Hotels beherbergt, laut ortskundiger Begleitung, das mixende Urgestein der Essener Barwelt. Dieser war auch körperlich anwesend, musste jedoch am anderen Ende der langen Theke eine Cocktailschulung für gut gelaunte Damen einer Versicherungsgesellschaft geben. Eine feierliche Übergabe der vorhandenen Saftpresse, als Zeichen der bisherigen Leistung oder als Vertrauensvorschuss, vom Platzhirsch an den jungen Hotelfachangestellten fand leider nicht statt. Cocktails wurden keine geordert und der Durst konnte mit Irish Whiskey und wohltuendem, ungezuckertem Magenbitter vorerst auf die Bank geschoben werden.

Den nächsten Versuch für Essen startete das Faces. Eine junge Bar, die umgehend durch Gastfreundlichkeit der zwei anwesenden Tender Punkten konnte. Die Freundlichkeit wurde durch die heimelige Wohnzimmeratmosphäre noch unterstrichen. Der Eingangsbereich hätte auch der Eingang zu einem Familienhaus sein können und die Bar selbst erreichte die trinkfreudige Reisegruppe über eine schmale Wendeltreppe. Es eröffnete sich dann ein ziemlich heller Raum, dessen Ausstattung teilweise erschreckend an IKEA-Verkaufsschlager erinnerte. Durch große Fenster konnte man die Essener Fußgängerzone beobachten. Da diese an einem Dienstag Abend gegen 23 Uhr völlig ausgestorbene war, lenkte weiter nichts von der gut ausgestatteten Bar ab.

Teile der Runde orderten zielsicher Saftdrinks, die detailverliebt und mit aufwendiger Deko über den Tresen kamen. Die außerdem benötigten fünf Whiskey Sours wurden schnell, aber augenscheinlich nicht gleichmäßig gefertigt und mit dem Eis aus den Shakern direkt ins Glas gegeben. Während die einen über etwas viel Säure klagten, war dem Verfasser dieses Textes der Drink zwar etwas zu süß aber noch im Rahmen. Geschmacklich rund war die folgende White Lady, selbst wenn der Genuss durch die Eismeerschicht an der Oberfläche deutlich getrübt wurde. Das Faces bleibt soweit in ordentlicher Erinnerung und sicher eine Bereicherung des Nachtlebens in Essen. Der verwöhnte Gaumen wird hier nachts nicht über die Maße strapaziert und würde sicherlich tagsüber mal einen Stock tiefer beim zum Faces gehörigen Currywurstimbiss einen Snack ordern.

Aus dem Urwald zum Apotheker

Die folgende Runde wurde zum wahren Erlebnis und im Daktari ausgetragen. Glücklich, in der selbst unter der Woche offenbar stets mehr als gut gefüllten Bar, einen Platz gefunden zu haben, mussten erstmal Eindrücke verarbeitet werden. Zwei junge Damen schlürften am Nebentisch Bananenweizen unter Palmen, an der Wand hingen Plüschlöwen, Lampenschirme waren Elefanten und die Theke war nur durch einen kleinen Urwald an weiteren Palmen und Bambuskonstruktionen zu erreichen. Hier wurde Tiki in Perfektion zelebriert. Die Drinks kamen trotz gefüllter Bar schnell und in nahezu unglaublich großen Gläsern.

Vollbeladen mit Fruchtdekoration, Schirmchen, Gummienten, Leuchtarmbändern, Süßigkeiten und angestrahlt durch die farbig-schimmernden Eiswürfelimitationen im Glas. Der eigene Mai Tai war beängstigend groß, aber in sich stimmig und der Daiquiri des Nebensitzers wurde ins gefrosteten Glas am Platz eingeschenkt und war nach Aussagen des trinkenden Connaisseurs ebenfalls ein guter Tropfen. Da bleibt einem im Nachhinein fast nicht viel mehr übrig als allen Tiki-Anhänger des Landes eine Pilgerreise zu empfehlen und aus der Karte zu zitieren:

"Melone? Kiwi? Alkohol?
Trink‘ unbesorgt, das tut Dir wohl.
Du musst bestehen viel Gefahr,
im Urwald, das ist doch klar?
D’rum lass‘ Dich nieder an dieser Quelle,
die nächste kommt nicht auf die Schnelle.
Nach dem Genuss ist alles tutti,
so sind die Cocktails sweet and fruity."

Den letzten Angriff für Essen sollte die gleich dem Faces noch sehr junge Fcuk Yoga Bar ausführen. Und der Spielzug kann durchaus als gekonnt bezeichnet werden. Stilvolles Ambiente zwischen asiatischen Statuen, gemütlichem Mobiliar bis hin zum Himmelbett, Kerzen und Apothekerflaschen unter würdigen Kronleuchtern. Der hervorragende Gastgeber Axel Klubscheidt, der extra für den besonderen Tag vier komplexe Whiskeydrinks kreierte, arbeitete schnell, handwerklich perfekt und liebevoll an seinen Kreationen.

Alle Drinks fanden schnell ihren Abnehmer und dazu gab es für den Verfasser einen Blood & Sand der ausgewogensten Sorte. Axel überzeugte weiter durch die unaufdringliche aber stets aufmerksame Art eines wirklich guten Bartenders und lies keine Gelegenheit aus, selbst zur später Stunde noch weitere, perfekt ausbalancierte Drinks über die Theke zu befördern.

Perspektiven in die Zukunft

Ein würdiger Abschluss für einen vielfältigen aber auch überzeugenden Tag in einer aufstrebenden Ruhrmetropole. Und ziemlich genau 50 Jahre nach Georg Kreislers Persiflage über den Ruhrpott kann kurz nach dem Europäischen Kulturhauptstadthype auch auf Barebene ein gutes Fazit gezogen werden. Der Pott ist bei weitem noch nicht auf dem hohen Standart wie andere deutsche Metropolen, wo man die Qual hat sich für eine der vielen hervorragenden Bars entscheiden zu müssen, aber er ist in den letzten Jahren deutlich in Bewegung gekommen.

Verantwortlich hierfür scheint, neben der guten und engagierten Vernetzung, ein hohes Maß an vernünftigem Lokalpatriotismus zu sein. Dieser hält besonders auch junge Menschen, trotz der teilweise widrigen Umstände und mangelnden Perspektiven, in der Region. Langsam aber sicher wird dem Pott dadurch offenbar ein neues, kreatives, durchaus angenehm anzuschauendes Gesicht verliehen. Wahrscheinlich kann aus dieser Perspektive nicht für die ganze Region gesprochen werden, daher nur für einen Teil: Essen hat begonnen Zukunft zu trinken!

 

Georg Kreisler mit seinem Lied ‚Gelsenkirchen‘: http://www.youtube.com

 

Jimmy‘s Bar im Mövenpick Hotel

Am Handelshof 2
45127 Essen
Öffnungszeiten: Mo-Sa ab 17.00 Uhr, So ab 19.00 Uhr
Snacks: Essen aus der Hotelküche
Rauchen: ja

FON 0201/170 81 25

 

Cocktailbar Faces

Friedrich-Ebert-Straße 12
45127 Essen
Öffnungszeiten: Di-Do 20.00-01.00 Uhr, Fr & Sa 20.00-03.00 Uhr
Snacks: nein
Rauchen: ja

FON 0178 5327856 / 0178 5327855
http://www.faces-essen.de

 

Daktari Cocktailbar

Juliusstraße 4
45128 Essen
Öffnungszeiten: täglich 21.00 – 04.00 Uhr
Snacks: ja
Rauchen: ja

FON 0201 2698595
http://www.daktari-cocktailbar.de

 

Fcuk Yoga

Emmstraße 13
45130 Essen (Rüttenscheid)
Öffnungszeiten: Mo-Sa 18.00-02.00 Uhr
Snacks: ja
Rauchen: ja

FON 0201 74918130
http://www.fcuk-yoga.de

 

Text: Steffen Hubert

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