Butcher‘s. In der Torstraße in Berlin-Mitte werden Cocktails geflüstert.

Bars 24.2.2012 5 comments

Ohne Al Capone und Alkoholschmuggel, dafür mit geheimnisvollem Reiz. In einer alten Fleischerei wird die Kultur des Speakeasy zelebriert und eine Hinterzimmerbar betrieben, wie zu den Zeiten der Prohibition. Chicago Outfit war einmal. Wiedemann, Hentschler und Baur sind die neuen im Untergrund.

Es waren düstere Zeiten für Schluckspechte in den Staaten. „Das ehrenhafte Experiment“, wie die Prohibition auch genannt wurde, forderte so manchen Tribut. Getrunken wurden meistens schwarzgebrannter Billigfusel oder mit Wasser und Eis aufmontierte hochwertigere Spirituosen. Die Geburtsstunde des „Whiskey on the Rocks“. Doch die trockenen Zwanziger ließen neben wässrigem Whiskey, Alkoholschmuggel und organisiertem Verbrechen auch versteckte Hinterhofkaschemmen und illegale Privatbars florieren. Der Einlass in diese sogenannten Speakeasys war streng, denn eigentlich gab es sie gar nicht. Mit Passwort, auf Freundesempfehlung und unter der Bedingung im Inneren leise zu sein erhielt man dennoch seinen Stoff.

In New York schießen Speakeasys zurzeit aus jedem Hinterhof. Zur Straßenseite ein Schuhladen und im Hinterzimmer ein Club ist keine ungewöhnliche Kombination mehr. Es ist das Geheimnisvolle und Exklusive, was diesen Reiz ausmacht. Und mit diesem anrüchigen Charme der verbotenen Flüsterkneipe kommt auch das Butcher’s daher. Versteckt in den hinteren Schlachträumen einer alten Fleischerei, zur Straßenseite eine Currywurstbude, liegt in der Torstraße in Berlin Mitte das geheime Etablissement. So geheimnisvoll das Barprojekt auch ist, der Mitinhaber David Wiedemann ist in der Bar- und Hauptstadtszene bekannt wie ein bunter Hund.

Seit fünf Jahren bietet die „Fleischerei“ am Rosenthaler Platz Deftiges und Frittiertes. Neben den Gedanken an Currywurst, Boulette und Burger teilten die Inhaber Kerstin Baur und Matthias Hentschler schon länger der Wunsch die hinteren Räume des alten Schlachterbetriebes zu nutzen. Die Idee eine Bar im Hinterzimmer zu eröffnen lag für Hentschler, der zwar gern einen Cocktail trinkt aber diesbezüglich wenig Fachwissen hat, nahe.

Der D-Punkt

Für ihn war somit der Punkt erreicht aus der Idee ein Konzept zu entwickeln und einen professionellen Bartender ins Boot zu holen, mit dem die Chemie stimmt. Gefunden hat ihn Matthias Hentschler mit der Tresenkoryphäe Wiedemann. „Ich wollte keinen Gründer in dem Laden haben. Zudem hat David das Reingold und muss sich nicht mehr selbst verwirklichen“, so Hentschler. „Ich habe ein Kind, David hat ein Kind. Ich habe einen Hund, David hat einen Hund. Da versteht man auch mal, wenn man gestresst ist und früher nach Hause muss. Die Chemie stimmt einfach“, sagt er weiter.

Die Chemie, beziehungsweise Mixologie stimmt auch bei den Drinks und markiert zugleich den wohl größten Unterschied zur klassischen Hinterhofkaschemme aus Prohibitionszeiten.

Ausgeschenkt wird kein Whiskeyverschnitt mit Wasser, sondern Cocktails auf höchstem Niveau. Dabei wird mit Aromen gespielt und auch der Bezug zur alten Fleischerei findet sich in der innovativen Karte wieder. „Wir haben die Karte nach dem Aromarad aufgebaut. Aus sechs Aromabereichen wählt der Gast aus, wonach ihm ist“, so Tino Hiller, Barchef im Reingold. Passend zum Fleischereithema gibt es auch eine Kategorie, in der es vor allem Drinks mit Raucheis, Scotch und BBQ-Sirup gibt. Es wäre keine Bar von David Wiedemann ohne, zumindest kleine, Extravaganzen.

Das Backboard im L-förmigen Raum mit kleinem Loungebereich hängt an Miniaturfleischerhaken von der Decke und die Wände kleiden sich in die alten Fliesen aus Zeiten, in denen noch Rinderhälften anstelle von Gin am Haken hingen. Der Tresen ist mit Leder bespannt, der Fußboden ist original belassen und die Wände rot- und bronzefarbenen, um eine kleine Verbindung zum Reingold zu schaffen. Getaucht wird der mit Funk, Jazz und sanften elektronischen Klängen beschallte Raum in rotes Licht.

Man möchte ein neues, innovatives und extravagantes Publikum ansprechen und auch die Geheimniskrämerei um das Speakeasy wahren. „Es soll ein Insidertipp bleiben. Man soll die Bar erst einmal suchen“, sagt Tino Hiller, der sich zugleich über die Vorstellung amüsiert, dass Gäste auf der Suche der roten Telefonzelle jede Currywurstbude in der Torstraße abklappern.

Call me, if you can

Eben diese rote Telefonzelle, unauffällig versteckt in einem Durchgang zu den Toiletten der „Fleischerei“, markiert den Eingang zum Hinterzimmer. Durch einen Sichtschlitz in der Metalltür wird der durstige Gast vom Doorman gemustert und hereingebeten. Man möchte keine Türpolitik machen, bei der man mit einem speziellen Codewort oder Ähnlichem in die Bar kommt. Das passe nicht zu Berlin, wie Hentschler sagt. Dennoch möchte man sich die Option erhalten, seine Gäste ein wenig zu sondieren. Das Speakeasy von Wiedemann & Co. ist keineswegs so streng und still, wie jene zur Zeit der Prohibition. Es besteht kein Flüsterzwang und die Musik spielt ebenfalls auf. Versteckt ist es dafür ebenso gut, wie die Vorbilder aus den Zwanzigern.

Hat der Gast die richtige Wurstbude mit der roten Telefonzelle gefunden, erwarten ihn erstklassige Drinks, die von Barchef und Tino Hillers Zögling Serhan Housein geschüttelt werden. Die Tresenmänner im Butcher’s müssen in der Hinterzimmerbar allerdings nicht nur mit dem Barlöffel umgehen können, wie Tino Hiller verrät. „Ein Bartender ist ein Allrounder und muss auch mal den Hammer schwingen können“. Und so ist der Umbau von Schlachtbank zum Ausschank in vielen Teilen in Eigenregie erfolgt. Schweiß und Liebe des Einzelnen sind in die Bar geflossen – und Liebe, glücklicherweise von anderen, hochprozentigen Flüssigkeiten begleitet, fließt über den Tresen weiter an den Gast.

Nachtrag: Das Konzept, den Einlass in einer Telefonzelle abzuwickeln, erninnert an das Speakeasy PDT in New York. Dort dient das Hot Dog-Restaurant „Crif’s“ als Tarnung für eine Bar, in der auch der bekannte Bartender Jim Meehan mitwirkt.

 

 

Butcher’s

Torstraße 116, 10119 Berlin

U8, Rosenthaler Platz

Eingang durch die Fleischerei

Kartenzahlung: Nein

Rauchen: Ja

5 comments

  1. Jens Müller

    Auch wenn etwas verzögerter Kommentar: aber schießt sich das nich ins Bein Speakeasy zu sein und am Tag der Eröffnung kommen alle Redaktuere zusammen und schreiben darüber? Öhm, vielleicht sollte man mal den Begriff „Speakeasy 2.0“ einführen. Alle wissen wo es ist, aber der Flair des unbekannten Hinterzimmers bleibt erhalten (was ich übrigens gut finde).
    😉

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