Shitstorm um Fanpage für Bartender

News 21.8.2014

Was andere wie selbstverständlich tun, dürfen Bartender natürlich nicht, finden jedenfalls Bartender und kritisieren einen Kollegen dafür, dass er bei Facebook eine Offizielle Seite – auch Fanpage genannt – zu seiner Person angelegt hat. Allerdings wird die Kritik in den Kommentaren oft nur wenig argumentativ unterfüttert, sondern äußert sich in Veralberung des Kollegen. In einer Szene, die sich sonst immer ihrer guten Vernetzung und ihres Zusammenhalts rühmt.

Plötzlich tauchte sie auf,  die scheinbar harmlose Frage.  „Wirklich? Echt jetzt? Barleute machen ihre eigene Fanpage?“, um, gleich vor der Beantwortung, einen Angriff zu starten  „… man sollte lieber etwas weniger Star und wieder etwas mehr Bartender sein …“ Natürlich kennen sich Frager und Befragter als Kollegen und schätzen sich. Beide zählen zu den Nominierten der MIXOLOGY BAR AWARDS 2015.

Bartender kennen weder Stars noch Fans

Der Fragende war der renommierte Dietmar Petri aus Schumann´s Edel-Ableger Les Fleurs du Mal, München. Ein Gastgeber und Bartender der Extraklasse. Er hätte, wenn nicht über den persönlichen Austausch, auch mit seinem Argument beginnen können – das nämlich, ohne die Hintergründe zu kennen – durchaus stichhaltig, jedenfalls diskutabel ist. Schon wäre die Debatte vermutlich sachlicher verlaufen. „Obwohl ich lange überlegt habe, dazu etwas zu schreiben, war ich doch sehr emotional. Mich regt es auf, dass Bartender prinzipiell zu sehr in die Öffentlichkeit drängen. Ob auf Wettbewerben, bei der Nennung eigener Rezepte in der dritten Person oder in den sozialen Medien. Früher war Facebook ein Medium des Austausches, heute wird hier nur noch Selbstmarketing betrieben und dann bekomme ich noch die Einladung zur Fanseite eines Bartenders, das war zu viel des Guten. Ich wusste gar nicht, dass es so was gibt“, argumentiert Petri. So gab es nur im Stakkatodeutsch hervorgebrachte Zustimmung, Provokationen und Sticheleien. Bis sich dann der Übeltäter selbst der Meute stellte. Arnd Heissen, Curtain Club, Berlin,  hatte das Unglaubliche getan und von seiner Person eine Facebook-Seite angelegt. Facebook nennt es Offizielle Seite. Die kann man dann mit dem Gefällt mir-Butten quasi als permanenten Newsletter anzeigen lassen. Im Volksmund heißen diese dann Fan-Seiten oder Fanpages obwohl es gar keinen Fan-Butten gibt. Genau an diesem Begriff „Fan“ stört man sich in der Gemeinde, denn der Fan braucht natürlich einen Star. Und weil Bartender von Grund auf immer bescheiden und ohne Allüren auftreten, gibt es natürlich keine Stars, mithin kann es keine Offizielle Seite, vulgo Fanpage geben. Logisch.

Fanpage mit Sinn

Logisch? MIXOLOGY-Herausgeber Helmut Adam hat vor einigen Jahren sein privates Facebook-Profil in eine Offizielle Seite, eine Fanpage umgewandelt. „Ich nutze Facebook ausschließlich beruflich. Als Herausgeber von MIXOLOGY würde ich durch die kommerzielle Nutzung eines persönlichen Profils dauerhaft gegen die Facebook Richtlinien verstoßen, was zu einem Verlust des Accounts führen kann. Durch die Offizielle Seite kommen zudem meine Posts gezielt bei den Leuten an, die ich wirklich erreichen will und die sich auch tatsächlich für meine Inhalte interessieren.“ Das ist dann die seriöse Variante. Sie hat nichts zu tun mit dem Trend zu Fake-Fan-Seiten für Hunde, Katzen und Kanarienvögel.

Gruppe oder Offizielle Facebook-Seite?

Aber es kann auch noch andere Gründe für das Erstellen einer Offiziellen Facebook-Seite geben. Oftmals wird auch die Bildung einer Gruppe angeregt. Das ist sicherlich reizvoll für die Gruppenmitglieder, die sich ja ausdrücklich dafür entschieden haben und ein nachgewiesenes Interesse an Informationen dieses Zirkels haben. Allerdings: Gruppen sind in den Suchmaschinen meist nicht indizierbar. Sie müssen durch Recherche ausfindig gemacht werden, wenn man von ihrer Existenz zunächst nichts weiß. Zudem haben gewisse Institutionen oder Bars „Köpfe“. Also Personen, die aufgrund ihrer jahrelangen Präsenz oder ihrer besonderen Leistungen ein Haus repräsentieren. Namen ließen sich hier viele Nennen. Da heißt es dann oft, wir gehen zu XY und nicht, wir gehen in die XY-Bar. Hier macht eine Facebook-Seite Sinn, um den Aktivitäten dieser Personen folgen zu können, die meist unmittelbare Auswirkungen auf die Bar haben, für die sie stehen.

Wer entscheidet über Facebook-Auftritt

„Die Anregung zu einer eigenen Fanseite kam von meinen Gästen, nachdem ich ihnen erklärt habe, dass Postings über die Seiten oder Gruppenseiten meines Arbeitgebers im Interesse der Kommunikationsstrategie des Hauses gesteuert sind. Das ist bei Unternehmen üblich und legitim“, erklärt Arnd Heissen seinen Entschluss. „Außerdem ist die Seite ein Teamprojekt. Zwölf Personen arbeiten daran mit und veröffentlichen darauf. Ich möchte punktgenau unsere Gäste informieren und bestimmt nicht meine Eitelkeit inszenieren. Daher habe ich eher gezögert, da ich mir schon denken konnte, dass mir daraus einige Leute einen Vorwurf machen.“ Manche Menschen wollen zudem über Facebook einfach mit anderen Personen oder Followern ihre Inhalte teilen, ohne die Millionen für sie irrelevanter Postings in der Facebook-Welt zu verfolgen und erstellen deshalb eine Offizielle Seite. Hierzu muss man aber gewiss nicht Popstar oder Fußballer mit tausenden oder hunderttausenden Fans sein. Wer sollte entscheiden ab wann es gestattet ist, eine eigene Offizielle Seite anzulegen?

Differenzierung und Entspanntheit

Ich plädiere sogar dafür, dass Barchefs, Bartender und Inhaber, die Facebook fast nur zur Kommunikation beruflicher oder berufsnaher Inhalte nutzen, mit einer Fanseite besser aufgehoben sind. Als „Freund“ kann ich für mich dann differenzieren, was ich lesen will: Alles über Flaschen, Gläser, Rezepte und Wettbewerbe oder nur die persönlichen Dinge. Also: Gedanken, Meinungen, Ansichten über Filme, Bücher und nicht zu vernachlässigen – Katzen. Oder eben beides auf getrennten Profilen. Petri stimmt dem zu, sagt aber, dass „man dann wirklich konsequent trennen sollte. Wenn ich dann doch wieder Mischmasch poste, ist eine Offizielle Facebook-Seite in meinen Augen komplett überflüssig“. So sei es. Und hat man sich von der Annahme, dass jede Fanseite einen Star benötigt gelöst, kann man ganz entspannt überlegen welchen Personen, mit einer solchen Seite, man folgen möchte. So weit so gut, so weit so schlecht. Denn natürlich hat Dietmar Petri Recht wenn er davor warnt, dass gewisse Bartender zum Selbstinszenierungswahn neigen. Dass weniger oft mehr ist. Allerdings ist auch ziemlich sicher, dass solche Selbstdarsteller irgendwann ins Abseits laufen oder in der Szene ihre Relevanz verlieren. Daher kann es nur so sein, dass jeder selbst beurteilen sollte, wie er bei Facebook auftritt und welchen Sinn das macht. In diesem Sinne endet ja dann auch der Thread, den Dietmar Petri von der Rolle gelassen hat. Man kann das dann Liken oder nicht. Die Entspanntheit ist der Star!

 

Photo credit: Bild via Shutterstock. Post-Produktion: Tim Klöcker.

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