Ivy Mix Leyenda Interview

„Was wir in dem Zirkus manchmal vergessen…“

Bars 9.11.2018 1 Kommentar

Von einer Backpackerin, die auszog, eine der besten Barfrauen zu werden: Ivy Mix im Interview. Die Leyenda-Betreiberin erzählt uns von ihrem Werdegang, ihrem Designtalent – und natürlich ihrer Vorliebe für Tequila und Sherry.

Bekannt wurde Ivy Mix vor allem für ihre Aktivität im New Yorker Mayahuel, einer auf Tequila spezialisierten Bar, die es heute nicht mehr gibt. Was es aber gibt, ist das Folgeprojekt der in Vermont aufgewachsenen Bartenderin: das Leyenda, deren Zusatz Coctelería ebenfalls die Ausrichtung auf Agavenspirituosen verrät. 

Ihre bereits mehrfach prämierte, in Brooklyn ansässige Bar betreibt die US-Bartenderin des Jahres 2015 gemeinsam mit ihrer Mentorin, der Bar-Pionierin Julie Reiner. Wir haben Ivy Mix in Berlin anlässlich der Diageo World Class, wo sie als Judge anwesend war, zum Interview gebeten.  

MIXOLOGY ONLINE: Ivy, ich bin bei meinen Recherchen auf eine Geschichte gestoßen, bei der du eine von dir entworfene Heimbar von USM Haller vorstellst. Wie kam es dazu?

Ivy Mix: Ich habe einen Abschluss in Kunst und Philosophie, an der Universität gab es aber auch etwas Design. USM Haller ist 2016 an mich herangetreten, ob ich eine Bar für den Hausgebrauch entwerfen möchte, und ich fand die Vorstellung interessant. Ich wollte aber nicht nur eine funktionale Hausbar, sondern eine, die Interaktion ermöglicht und gleichzeitig Designobjekt ist. Die Oberfläche eignet sich wie eine Barmatte, um Drinks zu machen, es gibt verschiedene Schubladen und Behältnisse für Bartools. Es war mir wichtig, dass man Equipment verstauen kann, aber auch Eis oder Bücher. Und vor allem: Viele Homebars sind nicht praktisch und oft zu niedrig. Niemand möchte in gebückter Haltung einen Drink machen. 

Auf der Bar steht auch ein altes Foto eines Mannes. Es ist ein Freund, von dem du im Interview sagst, er hätte sich zu Tode getrunken …

Ivy Mix: Hat er in gewisser Weise. Ich habe mit 19 angefangen, durch Lateinamerika zu reisen, und habe seither eigentlich auch nicht mehr aufgehört. Ich liebe es, zu reisen, ich bin bekannt geradezu bekannt dafür, dass ich von allen Orten schwärme, die ich besuche. 2008 habe ich das College abgeschlossen und meinen ersten Backpacker-Trip durch Europa gemacht. In Pamplona habe ich dann diesen Mann getroffen, er war damals Mitte siebzig und stammte aus Wales. Meine Freunde meinten auch: „Warum bist du mit ihm befreundet? Was ist das Motiv?“ Aber es gab keinen besonderen Grund. Er war einfach ein interessanter Typ, hatte in verschiedenen Kriegen gekämpft und lebte in Madrid. Er war einfach ein interessanter Mensch, auch wenn ich erst 22 und er Mitte Siebzig war. 

»Ich liebe es, in Bars zu sitzen und Menschen zu treffen.«

MIXOLOGY ONLINE: Freundschaften über Generationen sind selten ja geworden, meistens ist man in seiner Blase …

Ivy Mix: Absolut. Wir haben gelegentlich miteinander telefoniert, und ich bin jedes Jahr nach Spanien gereist, um ein paar gemeinsame Tage zu verbringen. Denn was wir alle in diesem Barzirkus manchmal vergessen: Dass wir Bars lieben! Ich liebe es, in Bars zu sitzen und Menschen zu treffen. Mit all dem Social Media, Voicemails und Tinder geht das etwas verloren. Wir sind einfach in Bars gegangen, hatten eine gute Zeit und ich habe die spanische Kultur aufgesogen. Er hat sich in gewisser Weise zu Tode getrunken, aber deswegen habe ich sein Bild auf meiner Hausbar – genau dort würde er stehen wollen. 

MIXOLOGY ONLINE: Du hast Kunst studiert, deine Eltern sind Künstler. Gab es zu Hause auch Cocktails, oder sind deine Eltern mehr die Flower Power Generation?

Ivy Mix: Früher nicht, aber heute mögen meine Eltern Cocktails. Sie genießen es, wenn ich zu Hause bin, so viel ist sicher. Mein Vater ist Glasbläser, er hat als junger Mann in Schweden gearbeitet hat und ging dann zurück nach Vermont. Meine Mutter stammt aus der Nähe von Chicago. Sie hatte immer ein begnadetes Talent, jeden noch so hartnäckigen Fleck aus jedem Stoff zu bekommen. Also hat sie gebrauchte Stoffe gekauft, diese gereinigt und auf Messen teuer verkauft. So ist sie in die Textilindustrie gelangt und betreibt heute eine Firma, die sich auf italienische Stoffe spezialisiert hat. 

»Aromen sind wie Farben. Wenn du Aromen hast, die nach nichts schmecken, dann erschaffst du ein schlechtes Bild.«

MIXOLOGY ONLINE: Du bist bekannt für deine Vorliebe für Tequila. Wundert es dich manchmal, wie relativ klein Agavenspirituosen in Europa noch sind?

Ivy Mix: Teilweise, es ist aber auch logisch. Die USA und Mexico sind Nachbarn, es gibt viele mexikanische und lateinamerikanische Menschen in den USA, die Teil der Kultur werden. Als ich in der Bar angefangen habe, hatten Menschen eher Angst vor Geschmack und haben Vodka Soda aggressiven Aromen vorgezogen. Das hat sich verändert. Die Leute trinken heute Scotch, Talisker ist Teil der World Class! Die Menschen verlangen nach Aroma, und Tequila – und lateinamerikanische Spirituosen generell – ist sehr aromatisch. Für einen Bartender sind einzelne Spirituosen wie Farben einer Palette für einen Maler. Wir verwenden sie, um ein Bild zu erschaffen. Wenn du Aromen hast, die nach nichts schmecken, dann erschaffst du ein schlechtes Bild. Tequila und Mezcal sind für mich Spirituosen, die den Ort ihres Ursprungs repräsentieren, sind feurig, schmecken nach etwas. Aber ich habe auf jeden Fall den Eindruck, dass Tequila auch in Europa am Wachsen ist. 

MIXOLOGY ONLINE: Um bei dem Aphorismus zu bleiben: Malst du dieses Bild noch in deiner Bar, dem Leyenda, oder lässt du eher andere malen?

Ivy Mix: Ich bin tatsächlich an einem interessanten Punkt meiner Karriere angelangt. Wir haben die Bar vor zweieinhalb Jahren eröffnet, und ich habe in den ersten beiden Jahren jede Woche gearbeitet. Ich habe ein tolles Team, das mehr arbeiten will. Als Besitzerin muss ich also Schichten abgeben, damit meine Leute mehr arbeiten und mehr Geld verdienen können. Ich kreiere immer noch Drinks für die Karte, stehe aber weniger hinter der Bar, und das fehlt mir, denn Drinks zu erfinden und Bartending sind zwei verschiedene Dinge. Bei letzterem geht es darum, mit Menschen zu sprechen, das Licht zu dimmen, die Musik zu ändern. Es geht um Interaktion. Aber ich komme auch wieder dahin zurück. Wenn einer meiner Leute meint: „Ich kann nächste Woche nicht!“ Kein Problem, ich mache die Schicht. 

MIXOLOGY ONLINE: Es ist ein gutes Zeichen, dass man sich das als Besitzer erlauben kann …

Ivy Mix: Absolut. Es gibt nicht viele unabhängige Bars, die nicht einer Marke oder einem Hotel gehören. Wir wissen das zu schätzen. Wir sind einfach zwei Leute (eine davon Julie Reiner, Anm.), die eine Bar betreiben. Die Hälfte unserer Mitarbeiter sind seit dem Tag der Eröffnung dabei, auch eine fantastische Quote.  

»Ich verwende meine Social Media Plattform auch, um für die Dinge einzustehen, an die ich glaube.«

MIXOLGY ONLINE: Ist es gerade für unabhängige Bars wichtig, sich als Marke in Social Media zu präsentieren?

Ivy Mix: Ja, aber das ist ein zweischneidiges Schwert. Was will man schließlich zeigen, immer nur, wie gut wir sind und was wir draufhaben? Schwierig. Ich habe erst unlängst ein Seminar mit dem Namen „Pouring with a purpose“ gehalten. Ich verwende meine Social Media Plattform auch, um für die Dinge einzustehen, an die ich glaube, was Politik und Umwelt betrifft. Und nicht nur Cocktails und Flaschen. 

MIXOLOGY ONLINE: Weil es auf Dauer langweilig wäre …

Ivy Mix: Und weil vermutlich jemand für diese Flaschen bezahlt. 

MIXOLOGY ONLINE: Neben Agavenspirituosen bist du auch für deine Liebe zu Sherry bekannt?

Ivy Mix: Tequila und Sherry passen sehr gut zusammen. Wenn ich einen Drink entwerfe, mache ich Notizen. Nach was schmeckt dieser Tequila? Zitrone, Cookie, Pilze? Was auch immer. Das gleiche mache ich mit Sherry. Es geht darum, einen nuancierten Cocktail zu machen. Wenn ich einen Pisco habe, der nach Blumen schmeckt, will ich dann noch mehr Blumenaromen reinkriegen? Sagen wir, ich verbinde diesen Pisco mit St. Germain und Vanille, dann habe ich einen sehr eindimensionalen Drink. Was aber könnte noch nach Blume riechen, das keine Blume ist? Was nur einen blumigen Unterton mit sich bringt? So verfahre ich mit Sherry und Tequila. 

MIXOLOGY ONLINE: Ein Drink, der das besonders gut für dich repräsentiert?

Ivy Mix: Vielleicht der Palo Negro, den wir im Mayahuel erfunden haben, wo ich als Cocktailkellnerin begonnen habe. Es ist ein Drink mit Reposado Tequila, Palo cortado Sherry, Black Strap Rum und etwas Grand Marnier. Der Drink ist auch heute immer wieder mal auf unserer Karte, praktisch ein Manhattan mit Tequila, zumindest beschreibe ich ihn so. Ich habe aber viel Zeit damit verbricht, diese verschiedenen Aromen auf eine Art zu verbinden, die nicht zu offensichtlich ist.

»Meine Art ist es nicht, klassischen Rezepte zu adaptieren.«

MIXOLOGY ONLINE: Was ist der erste Cocktail, der dich umgehauen hat?

Ivy Mix: Wahrscheinlich der Pale Rider, ebenfalls aus dem Mayahuel. Ein Drink mit Manzanilla Sherry, Calapeno-infused Tequila, Limette, Zucker, Gurke und Soda. Ich hatte bis dahin noch nie so etwas getrunken. Es hat mich also insofern umgehauen, als dass mir klar wurde, dass es überhaupt Menschen gibt, die solche Drinks machen. Tequila hatte für die meisten eine üble Assoziation, aber hier gab es Leute, die ihn mit Calapenos infusionierten. Da habe ich verstanden, dass Cocktails eine kreative Sache sind.

MIXOLOGY ONLINE: Der letzte Drink, der dich umgehauen hat?

Ivy Mix: Erst gestern, als ich die World Class gejudged habe, hatte der niederländische Teilnehmer einen ungewöhnlichen Drink mit Essig gemacht. Ich würde ihn so nicht machen, aber er war großartig. Ein anderes Beispiel ist ein Drink unseres Bartenders Ryan Liloia, der im Leyenda unser Tiki-Guy ist. Er hat mit dem Pearl Diver experimentiert und ihn vegan zubereitet, mit Cashewbutter, Honig, Gewürzen, Zitrone und Bourbon. Die Cashewbutter war umwerfend, wie in einer Pâtisserie. Es war überhaupt nicht so, wie ich neue Drinks anlege, denn ich adaptiere keine klassischen Rezepte. Der Drink läuft jedenfalls hervorragend.

MIXOLOGY ONLINE: Drei Zutaten, die du auf eine Insel mitnehmen würdest? 

Ivy Mix: Gibt es auf dieser Insel Zuckerrohr und Zitronen oder Limetten? Ja? Ok, dann würde ich Campari und Mezcal mitbringen. Und Sherry. 

MIXOLOGY ONLINE: Eine Person – tot oder lebendig – mit der du gerne einen Drink nehmen würdest?

Ivy Mix: Ruth Bader Ginsberg vom US-Supreme Court. Es ist fürchterlich, was aktuell in unserem Land passiert. Sie unterstützt eine weibliche Agenda, ist super smart – und ich weiß zufällig, dass sie Cocktails mag. Ich würde einfach herausfinden wollen, ob sie wirklich so cool ist, wie ich finde. 

MIXOLOGY ONLINE: Ivy, danke für das Interview.

Leyenda

221 Smith Street, Brooklyn, New York 11201

Kontakt: +1 347 987 3260 / info@leyendabk.com

Kartenzahlung: Ja

Rauchen: Ja

Photo credit: Birte Filmer

Ein Kommentar

  1. Hans

    „Er hat mit dem Pearl Diver experimentiert und ihn vegan zubereitet, mit Cashewbutter, Honig, Gewürzen, Zitrone und Bourbon.

    Seit wann ist Honig vegan?

    #calapeno

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