Mixology: Magazin fur Barkultur

Kritik an unserem Bericht über Bars in Dortmund

Bars 10.1.2009 9 comments

Dass wir hier im Blog gerade den Artikel "Stadtgeschichten" aus Mixology Issue 5/2008 über Bars im Ruhrgebiet veröffentlicht haben, ist kein Zufall. Wir bekamen vor ein paar Tagen eine ausführliche Kritik zugeschickt. Ein Bartender aus Dortmund war mit diesem Artikel absolut nicht einverstanden. Hier ist sein Text im Original und unten meine Reaktion darauf:

"In der letzten mir bekannten ausgabe wurde über das barleben im ruhrgebiet berichtet. Endlich….. dachte ich zumindest, denn hier bei mir zu haus hat sich einiges getan und so habe ich schon lange auf diesen bericht gewartet und hatte selbstverständlich auch darauf gehofft, dass euer eindruck mit meinem übereinstimmt. leider war dies nicht so.! ich find es an sich schon sehr schwierig eine ganze region in 4 seiten zu beschreiben, wo ihr euch doch sonst mit einer einzelnen stadt schon mehr befasst.

nun komme ich aus dortmund und wurde hier auch ausgebildet, bin seid über 5 jahren barkeeper und gelernter hotelfachmann und bin eigentlich durch den beruf sehr weit rum gekommen. was mich an eurem bericht sehr gestört hat, war die fehlende vorbereitung eurerseits. ihr wart wohl zumindest in dortmund an den absolut falschen plätzen, wart nicht im DOMICIL, im UNKLE TOM`S, in der BALKEbar oder Q-bar.

was mir in meiner ganzen laufbahn in der gastronomie immer wieder auffällt, sind die nickeligkeiten des sogenannten fachpersonals, die es nie wirklich schaffen einfach mal nen schönen freien abend zu verbringen ohne dabei anderen auf die finger zu schauen. ich muß gestehen, dass es bei mir auch oft so ist und ich mich von meiner freundin dann zurückhalten lasse.

dennoch finde ich es unfair nach einem besuch kritik zu üben anstatt vorher darauf aufmeksam zu machen, wie man seinen drink haben will. sich darüber zu beschweren, dass keine frische zitrone im cocktail verwendet wurde, ohne zu wissen, dass man nicht in einer bar sondern im club mit 200 andren steht, halte ich nicht für passend. es gibt zich verschiedene rezepte herstellungsweisen und natürlich auch sichtweisen des personals, aber gäste, die mir erst hinterher sagen, was sie an ihrem getränk nicht mochten, nehme ich schon gar nicht mehr ernst.

ich hatte vor etwa 2 wochen einen gast, der 7, ja 7, mojitos getrunken hat und erst nach dem 3. sagte, dass er gerne weniger minze dafür aber mit ast und stiel haben wollte. er hat also vorher 20 euro ausgegeben für getränke die er so gar nicht mochte?und zu euch muss noch gesagt werden, daß die "gut sortierten" barkeeper in der liquid lounge nicht nur freunde von mir sind, sondern auch die betreiber der dortmunder cocktailakademie und genau wissen, wie und was sie anbieten.

daß ihr nicht ins DOMICIL gekommen seid, obwohl in jeder zeitschrift des ruhrgebiets diese als beste bar im ruhrgebiet ausgezeichnet ist, ist für mich ein zeichen schlechter recherche, denn wenn man auch im pott viele schlechte bars mit fussball, happy hours, latte macchiatoetc findet, so sollte man nicht vergessen auch die leuchttürme zu beschreiben.

jetzt kann es natürlich sein, dass ich in meiner schreibwut auch nicht ganz objektiv war…. desswegen ein vorschlag. lasst doch barkeeper ihre eigene stadt vorstellen. lieblingsplätze, plätze die man meiden sollte, und vielleicht sogar ein wenig gastro geschichte, zb. welche bar hatte die ersten cocktails auf der karte, vielleicht auch ein paar witzige geschichten aus den betrieben und und und.

ich könnte mir nämlich vorstellen, dass andere barkeeper auch nicht so ganz einverstanden waren über eure kritiken, wir allerdings haben herzlich gelacht. es isrt schon komisch, dass städte wie dortmund fasr gar nicht bei euch zum zuge und wenn dann auch sehr schlecht davon kommen, wenn aber das adlon hotel in berlin für wichtige veranstaltungen unbedingt leute braucht, die dann eben bei uns anrufen. hat berlin keine guten shaker mehr?

vielleicht sollte man seine meinung und sichtweise auf bestimmte arbeitsweisen mal etwas zurück nehmen. nicht alle bars sind schumann oder sheppard. bei uns in dortmund gibts einen ausdruck für diese barkeeper: pinzettenshaker, weil wenn diese verbummelt wird, der laden geschlossen bleibt. wir dagegen waschen uns die hände und machen umsatz."

 

Bars im Ruhrgebiet aus unserer Sicht

Als wir in Berlin noch unser Projekt Salzbar betrieben (2004), hatten wir an einem Abend Bartender aus dem Ruhrgebiet zu Besuch. Das war noch vor der Zeit der Barblogs, vor dem Bar Convent Berlin, vor dem Entstehen einer neuen und wachsenden Community und vor Facebook. Diese Bartender waren sehr selbstbewusst, was ihre Szene anbetraf und meinten auch, dass eine Barmesse im Ruhrpott stattfinden müsse, da man ja auch die bevölkerungsreichste Region Deutschlands sei. Seitdem bin ich jährlich auf zig Veranstaltungen und Terminen in Deutschland unterwegs gewesen. Auf Wettbewerben, Schulungen und Cocktail-Demonstrationen. Und kein einziger dieser Termine war im Ruhrgebiet. Ist das ein Zufall? Oder missachten die Firmen und Veranstalter die möglicherweise besten Bars Deutschlands? Oder klaffen da vielleicht einfach nur Anspruch und Wirklichkeit etwas auseinander?

Der Artikel über Bars im Ruhrgebiet, auf den Du Dich beziehst, hätte noch einiges härter und kritischer ausfallen können. Ich habe sowohl geschmacklich, als auch im Service katastrophale Dinge erlebt auf dieser Test-Tour. Und zwar mehr als bei jeder anderen Tour zuvor. Trotzdem habe ich die positiven Erlebnisse hervorgehoben, denn es gibt Entrepreneure im Ruhrgebiet, die hervorragende Arbeit leisten und smarte Konzepte entwickelt haben.

Ich persönlich bin überzeugt vom Potential der Ruhr-Region. Allerdings war auch noch nie eine Recherche schwieriger als die über das Ruhrgebiet. Wenn wir einen solchen Artikel vorbereiten, studieren wir a) lokale Medien und Stadtführer, fragen b) unsere Community im Internet und c) Abonnenten und Bekannte, die in der jeweiligen Stadt oder Region leben.

Interessanterweise wurde keine der von Dir genannten Bars genannt, als wir uns umhörten. Wenn es darum geht, die Bars herauszufiltern, die wir dann wirklich für die Kolumne Stadtgeschichten besuchen und testen, müssen wir uns eben nach den Informationen richten, die wir zur Verfügung haben. Das Domicil beispielsweise wird von Dir als "als beste bar im ruhrgebiet" bezeichnet. Unsere Tipgeber sprachen aber eher von einer "Kneipenatmosphäre". Und auch die Stadtmagazine, die ich konsultierte, lobten das Daktari in den Himmel, aber nicht diese Bar.

Eigentlich hatte ich auch schon Schwierigkeiten damit, die Liquid Lounge mit in die Liste zu nehmen, da diese Bar nur zwei Tage die Woche geöffnet hat. Das ist nicht ganz fair gegenüber Betrieben, die die ganze Woche Drinks und Service anbieten. Ich bin ganz offen zu Dir: das Angebot in Dortmund hat mich enttäuscht und ich habe bewusst diese Bar mit hineingenommen, um noch einen positiven Eindruck im Artikel unterbringen zu können. War Euch nicht positiv genug? Dann sind wir eben nicht einer Meinung. Ich bleibe bei meiner.

Beim von Dir ebenfalls erwähnten Uncle Toms und der Q-Bar verhielt es sich ähnlich wie beim Domicil. Aber kommen wir abschließend zur Balkebar. Nach den Informationen, die Du mir geschickt hast und von dem, was man sonst im Internet erfahren kann, hat diese Bar erst am 27.11.2008 eröffnet. Mixology Issue 5/2008 mit dem Artikel "Bars im Ruhrgebiet" ging Mitte September in den Druck. Wir sind nicht der Michelin, der Lokale schon bewertet, bevor sie überhaupt eröffnet haben. Mehr muss ich dazu wohl nicht sagen.

Über wen berichtet Mixology?

Kritik ist immer subjektiv. Deine Lieblingsbar ist nicht zwingend auch meine. Wenn Du regelmäßiger Leser von Mixology bist, was ich stark bezweifle anhand Deiner Unkenntnis unserer Veröffentlichungstermine (EDIT: ich habe mich geirrt, er ist ein Abonnent von uns. H.A.), dürfte Dir auch klar sein, dass wir auf gewisse Standards pochen. Wenn wir eine Stadt testen, testen wir sie auf „Cocktailbars". Deshalb gibt es im Artikel auch die Unterscheidung zwischen "Cocktailbars" und "Bars".

Wir sind auf der Suche nach den besten Leistungen auf dem Gebiet der Bar. Und dies können entweder balancierte Cocktails sein (und da gehört leider frischer Zitronensaft unbedingt dazu) oder ein gelungenes Konzept mit betriebwirtschaftlichem Erfolg. Das Daktari ist ein Beispiel dafür, dass wir nicht nur nach "Pinzettenshakern" suchen. Mir persönlich geht zuviel Nerdtum ehrlich gesagt auf die Nerven. Ich brauche nicht den neusten exklusiven Bitters in meinem Manhattan, aber wenn ich einen Cocktail bestelle, muss er auch schmecken.

Unsere Kompetenz

Ich habe mich ja bereits von Herrn Jasmin Zora aus Frankfurt im Bols Forum als "dahergelaufener Schreiberling" beschimpfen lassen müssen. Du wiederum sprichst von "sogenanntem fachpersonal". Ich nehms gelassen. Ich glaube nicht, dass wir das ständig raushängen lassen, aber im Mixology-Büro sind über 50 Jahre internationale Barerfahrung versammelt. Deswegen machen wir auch das, was wir machen. Mixology. Und dass GSA-Land mittlerweile auf der Weltbarkarte zu finden ist, ist das Verdienst unserer Community, der Leser und Abonnenten von Mixology, die mit uns aufgebrochen sind vor 5 Jahren mit dem Willen "Bar" neu und innovativ zu gestalten und zu leben. Und nicht das Verdienst irgendwelcher Kielwasserschwimmer und Dem-Hahn-Nachkräher, was jetzt bitte überhaupt nicht auf Dich bezogen sein soll. Ist mir nur als allgemeine Feststellung an dieser Stelle aus der Tastatur gerutscht.

Deswegen habe ich auch einen Vorschlag an Euch, Bartender aus Dortmund: wenn ihr so von Eurer Barszene überzeugt seid, dann lasst uns doch teilhaben an Eurem Fortschritt. Wo ist Eure Facebook-Gruppe? Wo Euer regelmäßiger Newsletter? Wo ist Euer Blog? Ich finde es ermüdend, dass Menschen in unserer Branche immer nur abgeholt werden wollen und sich über zu wenig Aufmerksamkeit beschweren.

Wie soll man Euch denn finden, wenn ihr keine Community-Arbeit betreibt? War jemand von Euch auf dem Bar Convent Berlin? Kam jemals einer von Euch zu einem unserer Tastings oder zu einem Abend der Traveling Mixologists? Wir sind nicht das Barsozialamt, dass alle zwei Monate Aufmerksamkeits-Schecks verteilt. Wir suchen nach den Leistungsträgern unserer Branche und diese fördern wir auch. Ich mache Dir an dieser Stelle einen Vorschlag: schreibe mir einen Artikel über diese 4 von Dir genannten Bars und weshalb sie Deiner Meinung nach gute Bars sind, und ich veröffentliche ihn hier.

Wie ich meinen Mojito trinken will

Wie kommst Du eigentlich zu der Annahme, dass ich dem Bartender die Arbeit abnehmen soll? Deine Berufserfahrung sollte Dich doch gelehrt haben, dass es Deine Aufgabe ist, herauszufinden, was der Gast möchte. Wenn ich als Tester am Tresen sitze will ich sehen, wie der Standard der Bar ist. Ich will sehen, wie der durchschnittliche Gast bedient wird. Wenn der Bartender mich nach meinen Vorlieben fragt, antworte ich ihm auch und nenne sie ihm. Wenn er nicht danach fragt, was die Regel ist, ist die Bar entweder knackevoll (was ich immer als ein absolutes Plus ansehe unabhängig von der Qualität der Cocktails) oder der Bartender beherrscht seinen Job nicht zu 100% (was leider die Regel ist).

Respektvoller Umgang

Du schreibst außerdem, dass Du "durch den beruf sehr weit rum gekommen" bist. Wieso betreibst Du dann dieses armselige City-Bashing gegenüber Berlin? Das ist kindisch und alles andere als weltläufig. Ich habe in mehreren großen Städten und Ländern gearbeitet und fühle mich in allen zu Hause. Und auch die anderen Städte, die ich über die Arbeit für Mixology kennengelernt habe, sind mir mittlerweile zum Zuhause geworden. Ich spreche daher auch immer von meinen "Wohnzimmern", wenn es um die Bars in diesen Metropolen geht.

Statt Eure Komplexe zu pflegen, Dortmunder Bartender, solltet ihr lieber rausgehen und Euch zeigen. Ihr solltet Euch freuen, dass das Ruhrgebiet in Mixology vorkommt und etwas daraus machen. Daniel Biernatowski, dessen Duisburger Casino-Bar im Artikel ebenfalls nicht erwähnt wird, war im Gegensatz zu Dir souverän und nach vorne blickend, wie Du auch hier im Kommentar lesen kannst. Unser Artikel hat nämlich durchaus positive Dinge ausgelöst. In Duisburg treffen sich Bartender jetzt regelmäßig und tauschen sich über fachliche Dinge aus. Daran solltet ihr aktiv teilnehmen, statt darauf zu warten, dass man Euch "entdeckt". 

Die Wichtigkeit von Kritik

Abschließend möchte ich aber noch einmal betonen, dass ich mich gefreut habe über Deine Kritik. Denn nur so kann eine Debatte stattfinden. Ich werde bei meinem nächsten Besuch in Dortmund auf jeden Fall in den von Dir genannten Bars vorbeischauen. Mich würde es freuen, wenn in den nächsten Jahren eine Bar aus dem Ruhrgebiet, und gerne auch aus Dortmund, überregional für Furore sorgt. Le Lion in Hamburg ist beispielsweise nicht nur ein spannendes Konzept, sonder hat auch der Barszene dort eine Menge Auftrieb gegeben. Die Kollegen verschiedener Bars besuchen sich viel öfter als früher, tauschen sich viel mehr aus. Gibt es eine solche Bar schon bei Euch? Ich würde sie gerne kennen lernen. 

lasst doch barkeeper ihre eigene stadt vorstellen. lieblingsplätze,
plätze die man meiden sollte, und vielleicht sogar ein wenig gastro
geschichte, zb. welche bar hatte die ersten cocktails auf der karte,
vielleicht auch ein paar witzige geschichten aus den betrieben und und
und.

Diese Anregungen von Deiner Seite treffen sich mit eigenen Überlegungen, der Kolumne mehr Persönliches zu geben. Die Öffnung der Ulmer Tour für andere Tester war bereits ein Schritt in diese Richtung. Ich werde mal schauen, was sich davon umsetzen läßt. An dieser Stelle wiederhole ich auch noch einmal mein bereits oben gemachtes Angebot. Wenn Du mir einen Text zu "Deinen Bars" in Dortmund schickst, wird er hier veröffentlicht. Prosit!

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