Birdyard, Wien

The Birdyard: Farbenfroh in die Wiener Nacht

Bars 15.12.2017

Im The Birdyard in Wien lächeln Schwäne und Paradiesvögel von der Wand. Mit David Kranabitl am Brett schillern auch die Cocktails mächtig in die Nacht. Die neue Location der Mama Liu & Sons-Betreiber ist eine wunderbare Kombination aus Farben und Geschmack. Roland Graf hat sich auf die Reise in das nächtliche Takka-Tukka-Land begeben.

Von einer Idee haben sich Feng und Yong Liu nach wenigen Wochen mit ihrem The Birdyard wieder verabschieden müssen. „Zu Mittag werden wir kein Essen mehr anbieten“, so Feng. Die billigere Konkurrenz rund um die Uni-Institute an der Alser Straße hat dem ambitionierten Sharing-Konzept der Spitzenköche Henri Diagne und Max Hauf mit Hühnerhaut, Stunden-Ei und Oktopus auf Kakaocreme den Garaus gemacht.

Am Abend und somit auch als Unterlage für die Barflys im Achten Bezirk wird es die kleinen schwarzen Schüsseln aber weiterhin geben. Schließlich wurden sie in der kurzen Zeit seit der Eröffnung einer der Werbeträger der zweiten Location der Mama Liu & Sons-Betreiber. Und als geographisches Verbindungsglied zwischen der Tür 7 und krypt. bzw. Botanical Garden ist man zumindest bei den Drinks unangefochten im Kiez rund um das Alte AKH.

The Birdyard: Paranoia unter Paradiesvögeln

Der zweite Aktivposten des Birdyard befindet sich im Untergeschoß des ehemaligen französischen Cabarets, das die Jungs aus der Gumpendorfer Straße übernommen haben: Die einstige Chanson- und Burlesque-Bühne beherrscht dramaturgisch bis heute den Raum, nun eben als Bar. Zu Instagram-Ehren hat es vor allem die Wanddekoration gebracht. Paradiesvögel wie im Takka-Tukka-Land erwartet man nach dem nüchternen Speisezimmer, das man durchquert, um zu David Kranabitls Wirkungsstätte zu kommen, nicht. Die tropische Großzügigkeit und die Bar sind die Glanzpunkte des von Tzou Lubroth Architekten (mit Miranda und If dogs run free… selbst Barbetreiber) gestalteten dunklen Raums. Die breiten glatten Lederbänke hingegen verschwinden bewusst im Dunkeln. Ganz hinten hat man sogar einen besonders kuscheligen Tinder-Treffpunkt eingerichtet.

Natürlich heißt die gerne gebuchte schummrige Ecke nicht offiziell so, aber sie passt zum legeren Konzept, den schon der Name „The Birdyard“ signalisieren soll: „Es geht darum, dass wir alle frei wie Vögel sind“, wie es die Betreiber-Brüder erklären. Entsprechend haben auch einige der 12 Signature Drinks der Vogel-Tränke ornithologische Namen erhalten – „Ortolan“ und „Early Bird“ lassen grüßen!

United Colors of Wiener Säurequellen

Doch um die architektonische Checkliste der Hingucker erst einmal fertig abzuhaken: Paranoiker sollten im Birdyard nie auf die Toilette müssen. Die hier verfugte Abfolge von Marmorstreifen und vertikalem Spiegelglas erlaubt es seinen eigenen Schatten zu jagen, als wäre man Orson Welles in „Die Lady von Shanghai“. Für alle anderen ist es ein edler Hingucker, denn die Adern des Steins wurden trotz der Glasintervalle weitergeführt. Apropos China: Die einzige Reminiszenz an den Edel-Asiaten Mama Liu, in dem Feng Liu selbst an der Bar steht, sind hier unten die großartigen Erdnüsse der Frau Mutter, die man als Barsnack reicht.

Man könnte allenfalls auch noch die Yuzu zu den asiatischen Inspirationen rechnen, die in den Shaker kommen. Denn das Spiel mit der Säure darf man als aktuelles Leitthema der Cocktailkarte ansehen. „Wir haben überhaupt nur zwei Drinks mit Limetten- oder Zitronensaft auf der Karte“, gibt Feng Liu die alternative Linie vor. Dafür kommen Sauermilch, Grapefruit oder eben Yuzu zum Einsatz.

Die Rolle als Frontmann am Tresen hat Liu hier David Kranabitl überlassen, der bisher in Kan Zuos Wiener Trink-Wunderwelt The Sign Bar werkte. Die erstaunliche Rucola-Chili-Himbeer-Mischung „San Andres“ (12 Euro), ein Wettbewerb-Drink seines Chefs, serviert in einer adaptierten Form mit Timut-Pfeffer heute auch Kranabitl perfekt.

Verspieltes Wien: Eistränen und Yoghurt Pops 

In seiner eigenen Rezeptur „The Notorious“ wiederum findet sich neben dem hausgemachten Bier-Sirup und einem gerüttelt‘ Maß Chivas 18 years auch eine Eis-Träne wie aus dem Juwelier-Schaufenster. Eine wichtige Rolle bei Cocktails wie diesem spielt der Stuttgarter Dominik Möller, intern ohnehin nur mehr „Der Eismann“ genannt. Seit ihm Yong Liu eine kleine Kettensäge für das Eis-Schnitzen besorgt hat, gibt es für ihn kein Halten mehr. Dazwischen serviert er seinen Lieblingsdrink, den rauchigen „Flor de humo“, eine Inspiration aus der Prager Bar L’Fleur, die Wiens Mezcal-Freunde einfach mögen müssen.

Auffällig ist das gute und humorvolle Zusammenspiel der drei Barmänner in den Sipsmith-Barjacken (der Londoner Gin nutzt das Birdyard – naheliegenderweise – als eines seiner „Swanhouses“). Gemeinsam feilt man auch bereits an der kommenden Karte, dann soll Fermentation eine wichtige Rolle spielen, lässt das Wiener Trio durchblicken. Bis dahin halten wir uns an den „Early Bird“. Für den Drink mit Zitrus-Gel und Aprikose hat die Küche einen Stock höher die Garnitur „erfunden“. Was am Glasrand wie Styropor aussieht, sind nämlich schmackhafte Yoghurt-Pops.

Zumindest in dieser Hinsicht ist es fein, wenn die Koch-Crew tagsüber nun freigespielt wurde. Dann bekommen die Studenten, die tagsüber lieber Billigsuppen und Baguettes einwerfen, wenigstens abends am Cocktailglas die Kreationen von Henri Diagne und Max Hauf serviert.

The Birdyard

Lange Gasse 74, A-1080 Wien

Straßenbahn 43 und 44: Lange Gasse

Kontakt: +43 (0)1 4024624 / bar@thebirdyard.at

Täglich von 11:00 bis 2:00 Uhr

Dienstag bis Sonntag von 18:00 - 2:00 Uhr (Bar)


Kartenzahlung: Ja

Rauchen: Nein

thebirdyard.at

Photo credit: Foto via Roland Graf

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