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Bartender-Kolumne | Gossip aus dem Nachleben oder dieses Mal: Ein Koffer voll Geld| Mixology — Magazin für Barkultur

Bartender-Kolumne: Ein Mann ohne Namen und ein Koffer voller Geld

Weil das Leben nicht verrückt genug ist, werden manche Menschen Bartender. In dieser Kolumne bekommen sie Raum für ihre wildesten Geschichten. Diesmal: Der Mann ohne Namen.

»Make it double, folgte zumeist nach einem Blick auf das Eingeschenkte.«

“Im Grunde war der Typ in allen Bars der Stadt bekannt”, so der Bartender unseres Vertrauens, als er über die Schweizer Bar spricht, in der er vor einiger Zeit am Tresen stand. Die Bar liegt mitten in der Stadt, besaß zumindest damals einen kleinen Garten und gerade an warmen Tagen befand sich hier der Hot-Spot der Stadt, ein Ort, an dem man seinen Maserati ausfuhr, ein Ort des Sehen–und–Gesehen–Werdens.

In der Stadt habe es schon immer viele Prostituierte gegeben, lassen wir uns erzählen, auch in besagter Bar. »Die standen dann eben für einen Drink am Tresen und haben versucht, Kunden zu akquirieren, das war für uns immer okay.« Lief allerdings das Geschäft nicht, dauerte der eine Drink zu lange oder wurden die Gäste belagert, verwies man die Ladies höflich der Bar. Nun, so höflich das eben geht. Im Grunde also ein Ort der Kulanz, der Vielfalt und der Interaktion.

»Er kaufte sich für die Zeit seines Besuches die Umgebung. Und er testete dabei gleichzeitig manipulativ die Persönlichkeiten der Anwesenden.« Und der Umsatz war ein durchaus beträchtlicher. Im Monat brachte Mr. Nino schon mal vierstellige Beträge in die führenden Bars der Stadt.«

Mit Bodyguard und Blumenstrauß

»Dieser eine Typ kam ein bis zwei Mal die Woche auf einen Johnny Walker Blue Label«, so unser Bartender. »Make it double« folgte dann zumeist nach einem Blick auf das Eingeschenkte. Äußerlich auffällig ‚verlebt‘, ansonsten sehr ordentlich angezogen und nie ohne Bodyguard unterwegs, habe der ältere Herr zwischen fünfzig und sechzig Jahren – ‚Verlebung‘ macht das Schätzen bisweilen schwer – immer einen Blumenstrauß bestellt. »Normalerweise haben wir die Blumenverkäufer immer recht schnell hinaus komplementiert.«

Aber noch ehe das möglich war, beschenkte sich der Herr, dessen Namen niemals je einer herausfinden s0llte, selbst mit Blumen; stellte sie auf den Tresen und markierte seinen Bereich. »Raumgreifend« sei der Herr in vielerlei Hinsicht gewesen, ein Begriff, der in dieser Erzählung häufiger fällt. Obwohl so manchem Bartender bereits die Blumengeste negativ aufgefallen war, hatte er für den damaligen Barchef die Grenze überschritten, als er begann, die Staff regelmäßig einzuladen, um sich so deren Aufmerksamkeit zu sichern. »Hätte man natürlich rigoroser ablehnen müssen. Er war aber einfach eine so interessante Erscheinung, ein so mysteriöser Typ, dass man gerne mehr wissen wollte. Fand natürlich nie statt.«

Gerade an ruhigeren Abenden hatte Mr. Nino, wie man ihn nannte, immer wieder drei oder vier mit ihm scherzende Bartender um sich versammelt, die er auf einen Blue Label einlud. »Den Umsatz im Blick, aber das Offensichtliche missachtend. Für Mr. Nino war es ein Spiel. Er kaufte sich für die Zeit seines Besuches die Umgebung. Und er testete dabei gleichzeitig manipulativ die Persönlichkeiten der Anwesenden.« Und der Umsatz war ein durchaus beträchtlicher. Im Monat brachte Mr. Nino schon mal vierstellige Beträge in die führenden Bars der Stadt.

Was aber um alles in der Welt hatte es mit den Bodyguards auf sich? »Die waren jetzt keine von der seriösen Sorte.« Okay. Dem Akzent nach zu mutmaßen selbst aus der osteuropäischen Ecke stammend, machte er keinen Hehl daraus, welche Nationalität er bei Bodyguards präferierte: »The Kosovo-Albanians are the best.« Sein Albanisch, mit dem er mit den verschiedenen Bodyguards kommunizierte, schien fließend, und auch das Chinesisch, in dem er mit einer chinesischen Tresenbekanntschaft sprach, schien lückenlos.

»Ein Hubschrauber hätte ihn dann in die zwei Stunden entfernte, weltbeste Klinik für Mikrochirurgie geflogen.«

Der skurrile Komet und sein schiefer Schweif

Von zumindest einem bewegten Leben würde man hier sprechen können, das machte alleine die seinen kompletten Unterarm überziehende Narbe deutlich. Erstaunlicherweise ließ er sich an einem Sommertag auf zurückhaltendes Nachfragen tatsächlich zu einer Antwort hinreißen. Jemand wollte nämlich mal an einen Koffer voller Geld – seinen, vermutlich? Er sei allerdings schnell zur Verletzung über gesprungen: »Ein Hubschrauber hätte ihn dann in die zwei Stunden entfernte, weltbeste Klinik für Mikrochirurgie geflogen, wo sie ihm angeblich Sehnen, Muskeln und Arterien zusammengeflickt hätten. ‚Believe me, it was a complete mess‘, hat er es beschrieben.

Was man von ihm sah und über ihn wusste, waren viele kleine Mosaikstücke, die aber nie ein ganzes Bild ergaben”, erzählt unser Bartender. Dabei kennt man seine Stammgäste für gewöhnlich mehr oder minder, ob einem das nun gefällt oder nicht. Der ältere Herr in diesem Etablissement allerdings war ein Solitär, der – abgesehen von seinen wechselnden Bodyguards – allein kam, alle kannte und alleine ging.

»Die Frage, die mir bei ihm nie so so ganz aus dem Kopf ging: Wann hat er sich eigentlich vom gesellschaftlichen Kitt gelöst?«

Ein bisschen wie ein skurriler Komet

In der heutigen Zeit kaum vorstellbar, dass man sich ernstlich dauerhaft anonym halten kann, schaffte besagter Gast das ganz ausgezeichnet. Er zahlte nie mit Karte, sondern immer mit einem Bündel Geldscheine, wodurch Mutmaßungen jedweder Fasson an der Tagesordnung standen. Ehemaliges Mitglied des KGB? Etwas Politisches doch bestimmt? Geheimagent? Wie man keine Spuren hinterlässt, das wusste er jedenfalls. »Ein bisschen wie ein skurriler Komet, der seine schiefen Bahnen zieht.« In Erinnerung geblieben ist unserem Gesprächspartner bis heute, dass er sich selten so viel über einen Gast gefragt hat. »Als Bartender hegt man natürlich eine Grundsympathie für Menschen, man kennt ihre Geschichten und ist immer wieder erstaunt. Die Frage, die mir bei ihm nie so so ganz aus dem Kopf ging, war: Wann hat er sich eigentlich vom gesellschaftlichen Kitt gelöst?«

Das Ganze ging so lange gut, bis ein Barchefwechsel stattfand und die Kulanz ein Ende hatte. Relativ lautlos wurde ihm das empfundene »zu viel« mitgeteilt – worauf er und sein Bodyguard die Bar verließen und nie mehr wieder gesehen wurden.

*Namen von der Redaktion geändert

Solltet ihr, liebe Bartender, auch eine schöne oder aufwühlende, verstörende oder schlichtweg unvergessliche Geschichte zu erzählen haben, die ihr einmal mehr mit der Welt teilen möchtet, meldet euch gerne. Ihr bleibt in dieser Kolumne anonym – und eure Geschichten unsterblich.

Credits

Foto: Illustration: Editienne

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